Pro und Contra: Impfpflicht für Gottesdienstbesucher
Steigende Infektionszahlen und mangelnde Impfbereitschaft

Pro und Contra: Impfpflicht für Gottesdienstbesucher

Die Corona-Inzidenzzahlen steigen wieder, der Impfeifer hat dagegen deutlich nachgelassen. Ist eine Impfpflicht die Lösung – zum Beispiel für Gottesdienste? Zwei Mitglieder der katholisch.de-Redaktion bringen ihre Argumente für und wider eine Pflichtimpfung vor.

Bonn - 04.08.2021

Pro: Die Kirche als moralischer Vorreiter

Würde die Kirche deutschlandweit eine Impfpflicht für Gottesdienstbesuche einführen, wäre das ein klares Zeichen. Sie würde sich hinter die Wissenschaft stellen und für ein solidarisches Miteinander in der Gesellschaft eintreten. Sie könnte ihre Autorität für etwas Gutes nutzen und damit den vielen Negativ-Schlagzeilen und Skandalen etwas entgegensetzen. Gesundheit ist ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag, der nicht großen Wirtschaftsunternehmen wie Facebook und Google überlassen werden sollte, die in den USA und vielleicht auch bald in Deutschland eine Impfpflicht für Mitarbeiter im Büro einführen. Die Kirche könnte hier moralischer Vorreiter und Vorbild sein.

Eine Impfpflicht für Gottesdienstbesuche ist ein Anreiz, sich impfen zu lassen. Und das auch für Menschen, die diesen vielleicht nicht in einem Auslandurlaub oder Festivalbesuch sehen. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat eine Zielimpfquote von 85% - 90% festgelegt, um die Bevölkerung effektiv zu schützen. Die Impfzahlen stagnieren momentan aber, ein neuer Anreiz ist also dringend nötig. Wenn die Kirche auf diese Weise für die Impfung wirbt, stärkt sie das Vertrauen in den Impfstoff und erhöht die Impfbereitschaft.

"Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." (Levitikus 19,18)

Die Impfung ist ein großer Faktor bei der Bewältigung der Corona-Pandemie. Auch wenn noch nicht abschließend bestätigt ist, ob man mit einer Impfung "nur" sich selbst oder auch andere schützt: Selbst wenn sich Geimpfte anstecken, geht von ihnen eine geringere Ansteckungsgefahr aus als von Ungeimpften – das schätzt das RKI derzeit so ein. In jedem Fall ist die Gefahr einer schweren Erkrankung bei Geimpften deutlich geringer. Auch dadurch werden andere geschützt, denn wer Zuhause im Bett liegt, sorgt nicht für eine Überlastung der Intensivstationen. Wer sich impfen lässt, nimmt also das Gebot "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (Levitikus 19,18) wörtlich. Je mehr Menschen geimpft sind, desto schneller können alle wieder in ein Leben ohne Masken, Abstand und Reisebeschränkungen zurück. Händler können ihre Läden wieder öffnen, Künstler wieder auftreten – und gewinnen so ihre Existenzgrundlage zurück. Eine Impfung ist also eine in vielerlei Hinsicht solidarische und christliche Tat!

Auch in Bezug auf die Liturgie hätte eine Impfpflicht viele Vorteile: Selbst bei steigenden Infektionszahlen könnten Gottesdienste lebendig bleiben, mit singenden Chören, einem Handschlag beim Friedensgruß und einem sorgenfreien Kommunionempfang – auf welche Art auch immer. Und das Gemeindeleben nach dem Gottesdienst könnte ebenfalls wieder aufblühen.

Eine Impfpflicht ist kein Gottesdienstverbot. Jedem Menschen steht frei, sich impfen zu lassen – oder den Gottesdienst weiter digital zu verfolgen. Ungeimpfte könnten weiterhin von der Sonntagspflicht dispensiert bleiben – bis Corona so gut wie "besiegt" ist. Natürlich: Es werden Übergangsregelungen und Sonderregeln für Menschen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können, notwendig sein. Aber all diese Hürden sind es im Sinne der Solidarität und der christlichen Nächstenliebe wert, angegangen zu werden.

Von Meike Kohlhoff

Symbolbild Corona-Impfung.

Contra: Ein Gottesdienst für alle

Die Frage nach einer Impfpflicht für Gottesdienste erinnert ein wenig an die doch sehr unselige Diskussion in den USA, ob es Voraussetzungen für den Empfang der Eucharistie gibt. Hier wie dort gilt in meinen Augen die gleiche Prämisse: Sakramente muss man sich nicht verdienen. Sie sind ein Geschenk.

"Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken", sagt Jesus (Mt 9,12) – und zitiert gleich darauf aus dem Alten Testament: "Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer!" (Mt 9,13) In den Sakramenten lässt Gott die Menschen an seiner Herrlichkeit teilhaben, er begleitet sie durch ihr Leben und würdigt den Alltag wie besondere Wendesituationen. Ein Gottesdienst ist eine Begegnung mit Gott, in dem die Menschen geistig und physisch mit ihm in Gemeinschaft treten. Nicht umsonst ist die Eucharistie "Quelle und dem Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens" (LG 11) – denn aus dieser Begegnung mit Gott speist sich der Glaube.

Unter diesen Vorzeichen müssen es schon gewichtige Gründe sein, Menschen in irgendeiner Weise von der Eucharistie abzuschneiden. Im Lockdown gab es keine Präsenzgottesdienste und bis heute sind die Kirchen nicht voll besetzt. Hier galt und gilt die gleiche Regel unterschiedslos für alle, und das war schon ein Schritt, der auch theologisch einer standfesten Untermauerung bedurfte. Jetzt sollen also Menschen, die sich – aus welchen Gründen auch immer – gegen eine Impfung entscheiden, vom Gottesdienstgeschehen ausgeschlossen werden? Das wäre mit der christlichen Botschaft, dass Gott für alle da ist, nicht vereinbar.

"Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer!" (Mt 9,13)

Vor allem, weil es Mittel und Wege gibt, den Zugang zum Gottesdienst zu ermöglichen. Wer Gottesdienste mit Gesang, Händeschütteln und ohne Abstand ermöglichen will, könnte beispielsweise eine Testpflicht einführen – das greift viel weniger in die körperliche Selbstbestimmung eines Einzelnen ein als eine Impfung. So könnten die Bedürfnisse aller beachtet werden.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Auf jeden Fall sollte die Kirche wann immer möglich für die Corona-Impfung werben – denn sie ist ein Zeichen für gegenseitige Rücksichtnahme, Solidarität und Nächstenliebe. Aber Nächstenliebe lässt sich nicht verordnen, sie muss aus freiem Willen erfolgen. Gott schenkt sich den Menschen unabhängig von ihren Taten – auch wenn man persönlich für deren Handlungen kein Verständnis hat. Deshalb muss der Gottesdienstbesuch für alle offen sein, und wenn es noch so schwer ist.

Von Christoph Paul Hartmann