Ein junger Mann schreit seine Mitschülerin an
Kolumne: Mein Religionsunterricht

Vorsatz: Raus aus den Wellness-Themen – Streitkultur einüben

Wie oft gehen wir unangenehmen Themen aus dem Weg, weil wir Streit befürchten? Elisabeth Maximini-Kirchen beobachtet das auch bei ihrer Unterrichtsvorbereitung. Dabei sei eine gute Streitkultur wichtiger denn je – die will sie jetzt gezielt einüben.

Von Elisabeth Maximini-Kirchen |  Bonn/Trier - 30.07.2021

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Wann haben Sie sich das letzte Mal richtig schön gestritten? Mit heißem Kopf? Kloß im Hals? Einer danach kratzigen Stimme? Und in voller Rage? Ich meine jetzt nicht online in einer Kommentarspalte. Oder in einer WhatsApp-Gruppe, in der man sich gegenseitig hochschaukelt. Sondern einem Menschen gegenübersitzend und argumentierend. Ich bemerke, dass ich oft Situationen aus dem Weg gehe, in denen es zu Streit kommen könnte. Klassiker: Im Auto vor einem Treffen mit Freunden oder mit der Familie darüber sprechen, welche Themen bitte diesmal auf keinen Fall angesprochen werden. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Aber auch in meinem Religionsunterricht kommt dies vor. Obwohl über "Gott und die Welt" reden und diskutieren gerade hier Raum haben sollte, fallen bei mir und meinen Schülern Killerphrasen: "Das muss ja jeder selbst entscheiden", oder "Darüber muss ich jetzt nicht diskutieren." Und in diesen Fällen markieren diese Sätze das Ende des Gesprächs über ein Thema. Gleichzeitig weiß ich darum, in welcher Art und Weise sich dieselben Schüler in ihren Chats auslassen.

Diese Beobachtung führt mich zum Thema "Streiten" für meinen Unterricht. Um aktuelle Themen zu finden, versuche ich mich darin, meine Umwelt zu beobachten. Was ist gerade los? Was ist anders als vorher? Was ist besonders im Vergleich zu anderen Ländern, Altersgruppen, Zeiten. Und als ich mir dieser Killerphrasen bewusstgeworden bin, habe ich auch noch von anderer Seite Input erhalten. Im Talkformat "3 nach 9". Gloria von Thurn und Taxis und Sahra Wagenknecht. Zwei Frauen, die polarisieren und beide ihre Meinung kundtun, obwohl sie sicherlich wissen, dass man sich daran "reiben" kann. Um es mal zu untertreiben. Und als ich vorm TV saß und mich fragte, wie sie das denn aushalten, thematisierten beide das eigentlich Dahinterstehende. Dass heute immer mehr als unerhört gilt und man Themen ausschweigt. Ihnen ausweicht, gerade weil man weiß, dass es hier keinen Konsens gibt.

Bequemer Rückzug in Konsensthemen

Und das heißt für mich im Umkehrschluss, dass wir uns nur noch über Konsens unterhalten. Also nur noch mit Menschen, die das sagen, was wir auch denken. Ach wie schön! Dadurch entsteht eine Lobhudelei auf ganzer Linie! Ich vermeide ja jetzt auch ganz viel Plastikmüll und ernähre mich soundso. Für die Umwelt. Wie alle, die um mich herum sind in meiner Blase. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. An diesem Verhalten (das ist übrigens ein Beispiel von mir persönlich, weshalb ich darüber lästern darf) ist überhaupt nichts falsch. Es geht nur darum, dass ich mich nur in Konsensthemen traue. Dass ich aber wirklich das Reisen in weit entfernte Länder vermisse und nach Corona wieder ein Flugzeug besteige, unterschlage ich. Und weitergedacht: Dann wage ich mich als Lehrerin eben auch nicht an die Themen, die zwicken und nerven, sondern bleibe bei den Wellness-Stunden. Ist das langweilig!

Schöner Streit hat ganz viel von dem, was gemeinhin als "gutes christliches Handeln" gelabelt wird.

Zitat: Elisabeth Maximini-Kirchen

Ich frage mich beim Sehen des Talks, warum es sich so unerhört anfühlt, wenn Menschen ihre Meinung vertreten. Gerade dann, wenn es überhaupt nicht meine eigene ist. Warum der Impuls so oft kommt, dann das Thema zu wechseln, umzuschalten, abzuschalten.

Ich konstatiere unserer "Jeder-sucht-sich-im-Netz-das-Wissen-das-er-glauben-will"-Zeit, dass wir es nicht mehr aushalten, uns gepflegt zu streiten. Also nicht anonym auf Facebook und Co. zu hetzen, zu wettern und uns in Gruppenchats gegenseitig hochzupushen. Sondern uns mit einem Gegenüber darüber austauschen, dass und warum wir unterschiedlicher Meinung sind.

"Schöner Streiten": im Anderen auch einen Menschen sehen

Sinnvoll und respektvoll streiten zu können hat für mich viele Facetten. Nicht beleidigend werden, sondern die Sache argumentierend. Anderen Raum lassen zu sprechen, zu denken, einzulenken. Ein Ende zu finden und dieses auch zu verbalisieren. Den Respekt zu wahren und nach einem Streit zu vergeben (manchmal auch zu vergessen). Oder danach ausdrücken zu können, wie es einem mit diesem Streit ging. Nicht zu streng zu sein mit sich und den anderen. Und auch die Perspektive derjenigen, die den Streit als Dritte erleiden müssen: Wie kann ich anders streiten, obwohl ich selbst so schlimme Streitigkeiten aushalten musste und nie eine andere Streitkultur vorgelegt bekommen habe?

Und wenn ich mir diese Facetten anschaue, hat echter, schöner Streit ganz viel von dem, was gemeinhin als "gutes christliches Handeln" gelabelt wird. Im anderen auch einen Menschen mit seiner ihm zugesprochenen Würde sehen zum Beispiel. Für etwas einstehen und bezeugen. "Ist auch ein Kind Gottes" pflegte eine ehemalige Kollegin von mir zu sagen, wenn man sich über alle Maßen über jemanden aufregte. Das hat es nicht immer leichter gemacht. Manchmal aber auch ein Schmunzeln entlockt.

Aber nun Butter bei die Fische. Es ist nun gesetzt. Das Thema "Schöner Streiten" wird's im kommenden Schuljahr geben. Streiten Sie sich doch auch bitte mal wieder!

Von Elisabeth Maximini-Kirchen

Die Autorin

Elisabeth Maximini-Kirchen ist Religionslehrerin an einer berufsbildenden Schule in Trier.

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