Voraussetzungen für Revolution seien bereits gegeben

Theologen: Mit sinkender Glaubwürdigkeit steht Kirche auf der Kippe

Aktualisiert am 06.08.2021  –  Lesedauer: 

Graz/Salzburg ‐ Kein amtierender Bischof werde in seiner Amtszeit wieder eine glaubwürdige Kirche repräsentieren, konstatieren die Theologen Hans-Joachim Sander und Rainer Bucher. Die Kirche steht aus ihrer Sicht auf der Kippe – ein Punkt, der nicht zu halten sei.

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Aus Sicht der Theologen Hans-Joachim Sander und Rainer Bucher gehört die katholische Kirche nicht mehr zu den "Säulen der Glaubwürdigkeit". "Niemand, der jetzt Bischof ist, wird im restlichen Verlauf seiner aktiven Zeit wieder eine glaubwürdige Kirche repräsentieren", schreiben die Theologen in einem Gastbeitrag im Internetportal "feinschwarz.net" am Freitag. Der Verfall der Glaubwürdigkeit werde sich nicht abschwächen, wenn der Ernst der Lage nicht "benannt, ernsthaft anerkannt und reumütig bekannt" werde. "Mit der sinkenden Glaubwürdigkeit steht die Kirche auf der Kippe", schreiben Sander und Bucher weiter. "Das ist nicht nur ein sehr ungemütlicher Punkt, es ist ein Punkt, der nicht zu halten ist."

Die Zahl der Menschen wachse, die sowohl dazu gehörten wie außen stünden und gegen das System revoltierten, so die Autoren. Innerkirchlich seien vermehrt "zivilgesellschaftliche Aktionsformen abweichenden Verhaltens" zu beobachten, etwa die Weigerung einer Gemeinde, den örtlichen Kardinal als Firmspender zu akzeptieren, die breit angekündigte Segnung homosexueller Paare trotz vatikanischen Verbots oder diverse Aktionen von "Maria 2.0". Zudem würden zunehmend nicht nur Entfremdete und Desinteressierte die Kirche verlassen, sondern immer mehr Engagierte und lange Beheimatete. Darüber hinaus würden gegenüber dem Katholischen bisher sehr kooperative Staaten wie Österreich oder Deutschland nicht länger über Legitimationsprobleme der Kirche hinwegsehen können. "Erste Anzeichen, dass die katholische Kirche hier nach und nach zu anderen Rechtssetzungen gezwungen werden wird, zeigen sich etwa bereits im Arbeitsrecht", schreiben die Theologen.

Voraussetzungen für Revolution in der Kirche sind gegeben

Revolten müssten nicht immer zu Revolutionen führen, "aber in ihnen braut sich zusammen, was es dafür braucht." Drei Voraussetzungen für die Revolutionen in Frankreich, Russland und Deutschland würden auch für die katholische Kirche in Mitteleuropa gelten: eine Legitimationskrise des Systems, die dessen Handlungsspielraum einengt, Sympathien von Teilen der bisherigen Eliten mit völlig neuen Konzepten und ein konkreter Auslöser mit exponierten Akteuren. "Was nachrevolutionär dann herauskommt, das haben weder das ancien regime noch die Erneuerer in der Hand."

Aus Sicht von Sander und Bucher ergäben sich aus dem Kipppunkt der Kirche sieben Postulate. So könne etwa nicht gesundgebetet werden, was absterben werde, die alte Verfassung der Kirche könne nicht wiedererlangt werden und Wünsche nach Zukunftsidyllen hätten noch nie geholfen. Ohne eine strukturierte Konflikt- und Entscheidungskultur könne eine komplexe Organisation heute nicht mehr bestehen. Kirchliche Menschenrechtsdefizite müssten zudem abgebaut und pastorale Aufgaben als "kreative Konfrontation von Evangelium und heutiger Existenz" wahrgenommen werden. Schließlich brauche es "Vertrauen, Freiheit und selbstrelativierende Demut", schreiben Bucher und Sander. "Und Gottes Rest wird sich weisen."

Hans-Joachim Sander ist Professor für Dogmatik an der Universität Salzburg. Rainer Bucher ist Professor für Pastoraltheologie an der Universität Graz. Ein erster Teil des Gastbeitrags erschien bereits am Mittwoch. (cbr)