Jesus-Serie "The Chosen": Klischees treffen auf naives Glaubensbild
US-Produktion zielt auf evangelikales Publikum

Jesus-Serie "The Chosen": Klischees treffen auf naives Glaubensbild

Jetzt gibt es sie auch auf Deutsch – die auf sieben Staffeln angelegte Web-Serie über das Leben Jesu, an den biblischen Geschichten orientiert, aber mit dazu erfundenen neuen Figuren und Episoden. Klischees treffen dabei auf ein naives Glaubensbild. Eine Rezension.

Von Martin Ostermann |  Bonn - 26.08.2021

Die etwa zehnjährige Abigail hat ihre Freunde aus dem nahen Kafarnaum mitgebracht. Gestern erst war sie zum ersten Mal an diesem Platz, wo sie gemeinsam mit ihrem besten Freund einen fremden Mann kennenlernte. Die Kinder stehen nun neben dem noch schlafenden Jesus, der auf freiem Feld sein Lager aufgeschlagen hat. Als Jesus die Augen aufschlägt und die Kinder sieht, lächelt er: "Ihr hättet ruhig ein bisschen später kommen können".

Gleich danach lädt er die Jungen und Mädchen zum Bleiben ein und spricht mit ihnen über den Glauben. Der Umgang ist locker und humorvoll; Jesus erweist sich als Freund der Kinder – und diese als seine ersten gelehrigen Schüler.

Diese Szenen sind in der dritten Episode der ersten Staffel von "The Chosen" ("Der Erwählte") zu sehen, einer via Crowdfunding finanzierten US-Serie. Der Tonfall ist bewusst bodenständig, manchmal etwas naiv; Jesus wird als der nette Mann von nebenan gezeichnet.

Bibel meets Telenovela

Grundlage sind die vier Evangelien, mit Schwerpunkten auf Johannes und Lukas. Sehr bibeltreu, aber da die Serie erzählerisch weit ausholt und auf sieben Staffeln angelegt ist, sind die dazuerfundenen Ereignisse gegenüber biblischen Szenen deutlich in der Mehrheit.

Die Episode um Abigail ist reine Neudichtung; die zentralen erwachsenen Figuren sind zumindest biblisch inspiriert – ob Maria Magdalena, Nikodemus oder die Fischer Simon (Petrus) und sein Bruder Andreas. Simon versucht erfolglos, beim Faustkampf zu Geld zu kommen, und ist auch sonst ein ungestümer Zeitgenosse, der oft mit seiner Ehefrau in Streit gerät. Schließlich ist da noch der leicht autistisch wirkende Matthäus, der als Steuereintreiber für die Römer arbeitet und nach und nach durch seine Beobachtungsgabe zum Zeugen ungewöhnlicher Ereignisse wird.

In "The Chosen" wird Jesus als Kumpeltyp präsentiert.

Die Ausstattung entspricht dem oft üblichen "Sandalenfilm"-Arsenal, die Kulissen erinnern an Freiluft-Passionsspiele. Die Inszenierung ist konventionell und solide, aber etwas umständlich, was sicher auch dem häufigen Orts- und Szenenwechsel geschuldet ist. Es wird ausführlich, in mancher Episode auch langatmig erzählt.

Aus Jesusfilmen und Bibelserien bekannt

In der Haupthandlung werden die ersten Jünger berufen und es geschehen Heilungswunder. All dies ist aus früheren Jesusfilmen oder Bibel-Serien bekannt und wird auch in "The Chosen" nicht neu oder besonders originell geschildert. Vielmehr gleicht die Erzählweise einer Telenovela, in der immer wieder neue Figuren auftreten und Beziehungen ausgelotet sowie kleine und große Probleme zwischen Freunden, Eheleuten oder sonstigen Personen thematisiert werden.

Im Begleitmaterial zur Serie heißt es: "Sie ist lebendig, berührend und zeitgemäß. Sie hebt sich völlig von allen Jesus-Filmen ab, die es bisher gab, und stellt die Menschen in den Mittelpunkt, deren Leben Jesus völlig verändert hat." Auch mit Superlativen wird nicht gegeizt; die Serie sei eine "unglaubliche Erfolgsgeschichte".

Dieser Erfolg rührt unter anderem daher, dass "The Chosen" über eine eigene App frei im Netz verfügbar ist und nicht auf das Fernsehen, einen Streamingdienst oder große Filmstudios angewiesen ist. Die Macher sind jedoch keine Unbekannten und fest im Segment der "faith-based movies" verwurzelt, jener Filme für ein christlich-evangelikales Publikum, die den Glauben bestärken und das Christentum als glücklich machende "Feel-Good"-Religion bewerben sollen.

Missionarische Wirkung bleibt abzuwarten

Inwieweit "The Chosen" missionarisch wirken kann, bleibt allerdings abzuwarten, da der biblische Gehalt und der Unterhaltungswert eher begrenzt sind. Die Ansage, die Serie hebe "sich völlig von allen Jesus-Filmen ab", ist zumindest gewagt. Zwar wird Jesus eher als Kumpeltyp denn als Lichtgestalt vorgestellt, doch sonst sind sämtliche Bibelfilm-Klischees vertreten: lange Gewänder und Sandalen, böse Römer und freundliche Judäer, seichte Handlung und einschlägige Situationen.

Vergleicht man "The Chosen" etwa mit dem Serienklassiker "Jesus von Nazareth" von Franco Zeffirelli, werden Ähnlichkeiten sichtbar, etwa in der Figurenzeichnung von Petrus und Matthäus, doch fällt auch auf, dass Zeffirelli vor 45 Jahren dichter und spannender inszenierte. Gleichzeitig wiederholt "The Chosen" aber die Schwäche, thematisch zu sehr an der Oberfläche zu bleiben. Es gibt so gut wie keine Zwischentöne – entweder man glaubt (dann mit Feuereifer) oder eben nicht. Die Figuren bleiben Typen, und das Bekannte wird nur illustriert, nicht neu gedeutet.

Neben Bibelszenen werden auch Figuren und Ereignisse hinzugedichtet.

Dabei bemüht sich die Serie durchaus, den Stoff an die Gegenwart anzudocken, allerdings auf einer eher naiv-oberflächlichen Ebene. Die Figuren sind in Gestik, Sprache und Verhalten Menschen von heute; sie wirken damit allerdings in den biblischen Kulissen seltsam fremd und bringen die Ereignisse nicht näher. Interessante gegenwärtige Perspektiven auf die Botschaft Jesu oder inhaltliche Auseinandersetzungen, die die Evangelien auch für moderne, säkularisierte Zuschauer aufschließen könnten, spielen kaum eine Rolle.

Gegenwärtige Perspektiven spielen kaum eine Rolle

Die Personen diskutieren wie in einer Bibelstunde, auch die Kinder sagen wie in der Sonntagsschule Bekenntnisse auf. Ein trockener Predigtton durchzieht viele Szenen. Im Zentrum stehen die Wunder, die mit viel Soundtrack in Szene gesetzt werden. Formal wird dabei immerhin auf Pathos verzichtet, jedoch stehen unmittelbare Emotionen eindeutig im Zentrum.

Wo etwa in "Maria Magdalena" (2018) von Garth Davis ein menschlicher Jesus zu sehen war, der auch anstößig wirkte und keineswegs eindeutig als Retter auftrat, erscheint der Jesus von "The Chosen" oft als weichgespülter Erzähler, dem fast nebenbei ein paar Wunder herausrutschen. Ein netter Typ eben, der gerne und immer hilft und mit dem man auch einen Wein trinken gehen möchte.

Unterm Strich wird "The Chosen" den selbst gewählten Superlativen nicht gerecht, sondern reiht sich inszenatorisch unter die "faith-based movies" ein, die einen eher unkritischen Zugang zum Glauben vermitteln. Zweifel sind nur Durchgangsstationen, und Bösewichter dienen dazu, das eindeutig Gute noch besser hervortreten zu lassen. Gespannt darf man darauf sein, welches Telenovela-Garn in den noch entstehenden weiteren Staffeln zum biblischen Inhalt hinzugesponnen werden.

Von Martin Ostermann

Hinweis

Der Autor ist Mitarbeiter des Kinoportals filmdienst.de.