Kolumne: Mein Religionsunterricht

Kann man heute mit der Bergpredigt noch "Staat machen"?

Aktualisiert am 10.09.2021  –  Lesedauer: 

Paderborn ‐ Die Bergpredigt ist für unsere Gesellschaft bis heute eine Herausforderung. Rudolf Hengesbach hat sich im Religionsunterricht immer wieder mit diesem sperrigen Text beschäftigt – und nicht zuletzt durch einen Selbstversuch einen Zugang gefunden.

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Seit jeher gehört die Bergpredigt zu den wesentlichen Inhalten des Religionsunterrichts. Auch ich habe mich des Öfteren mit Jugendlichen auf den Weg durch diesen sperrigen Text des Matthäus- bzw. Lukasevangeliums gemacht und dabei auch viele spannende und kontroverse Diskussionen erlebt. Zwei meines Erachtens besonders geeignete Meinungen zu einem Einstieg mit Motivationspotential möchte ich an dieser Stelle hervorheben. Da ist zum einen Norbert Copray, der 2009 in Publik-Forum schreibt: "Die Bergpredigt ist das Leuchtfeuer für eine Gesellschaft, die keine Orientierung mehr hat." und zum anderen Mahatma Gandhi: "Wenn nur die Bergpredigt und meine Auslegung davon vor mir läge, würde ich nicht zögern zu sagen: 'Ja, ich bin Christ.' ... Negativ kann ich auch sagen, dass meiner Meinung nach vieles, was als Christentum gilt, eine Verleugnung der Bergpredigt ist."

Für die sich anschließende persönliche Positionierung meiner Schülerinnen und Schüler zu verschiedenen Aussagen aus dem 5. Kapitel des Matthäusevangeliums waren stets die Bilder aus dem Fütterer Verlag hilfreich. Der Düsseldorfer Künstler Ralf Fütterer erstellte 2007 mehrere Bilder zur Bergpredigt, da dieser biblische Text seiner Meinung nach zum wahren Leben in einer weitestgehend materialistischen Welt auffordert. Auf diese Weise konnte es hervorragend gelingen, einen Lebensweltbezug herzustellen, die Lernausgangslage der Jugendlichen zu erheben und gleichzeitig herauszufinden, an welchen Themen die Schülerinnen und Schüler besonders interessiert waren, da die Bilder Irritationspotential aufweisen.

Auf dieser Basis war es möglich, die Herausforderungen verschiedener Seligpreisungen und Antithesen genauer unter die Lupe zu nehmen. Im Zuge der didaktischen Reduktion empfiehlt es sich, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Friedensarbeit im Kontext der Seligpreisungen sowie Feindesliebe als Nächstenliebe im Rahmen der Antithesen zu thematisieren. Wichtig waren an diesen Stellen gründliche exegetische Erarbeitungen durch die Jugendlichen. So wurde zum Beispiel klar, wie man Seligpreisungen in die Lebenswelt Jugendlicher übersetzt und was wirklich mit dem Schlagen auf die rechte Wange (Mt 5,39) und mit der Entfeindungsliebe (Mt 5,43-44) in Abgrenzung zur Nächstenliebe im Ersten Testament gemeint ist.

Selbstversuch mit Entfeindungsliebe

Hilfreich war an dieser Stelle ein Selbstversuch, der die Mt 5,39 zugrundeliegende Bewegungsrichtung ergänzt durch Hintergrundinformationen nachstellte. Auf Basis solcher Erschließungen der biblischen Texte konnten die Schülerinnen und Schüler anschließend qualifiziert mit Anwendungssituationen umgehen. Worin könnte nun aber der Mehrwert eines Religionsunterrichts in konfessioneller Kooperation bestehen. Dazu einige Ideen.

"Führe uns nicht in Versuchung"
Bild: ©katholisch.de

Die Vaterunser-Bitte "Führe uns nicht in Versuchung" auf einem Mobile-Kunstwerk eines Hotels iin Rom.

Im Religionsunterricht kann es meines Erachtens nicht darum gehen, mögliche konfessionstypische exegetische Unterschiede herauszufinden. Vielmehr kommt es unter anderem darauf an, Anwendungsbeispiele aus den Konfessionen zu diskutieren. So äußerte die ehemalige EKD Vorsitzende Margot Käßmann in einer Predigt anlässlich mehrerer Terroranschläge, dass es für Terroristen, die meinen, Menschen im Namen Gottes töten zu dürfen, die größte Provokation sei, ihnen mit Liebe zu begegnen. Neben einer Beschäftigung mit einzelnen Versen ist es natürlich nötig, sowohl die Gesamtkonzeption der Bergpredigt als auch eine Fokussierung auf das Vaterunser und die Goldene Regel als zentrale Texte im Auge zu haben. In diesem Zusammenhang bietet der konfessionell kooperative Ansatz zum Beispiel auch die Möglichkeit, eine Idee von Papst Franziskus in einer Predigt zu Allerheiligen 2016 in Malmö aufzugreifen, die Seligpreisungen als "Personalausweis des Christen, der ihn als Anhänger Jesu ausweist" zu verstehen sowie weitere Seligpreisungen von Franziskus in Verbindung mit den Formulierungen im Matthäusevangelium zu lesen und zu gewichten.

Wichtig ist an dieser Stelle auch, die Menschen in den Blick zu nehmen, auf die sich eine so gestaltete Erweiterung der Bergpredigt bezieht. Last but not least könnte eine abschließende Fokussierung auf das Vaterunser eine besondere Anwendungssituation darstellen, da dieses den Konfessionen gemeinsame Gebet zum einen zentral für das Verständnis der Bergpredigt ist und zum anderen allen Schülerinnen und Schülern bekannt sein dürfte. Die Jugendlichen könnten sich zu den verschiedenen Bitten positionieren und deren universale Bedeutung erspüren. Vertiefend könnte es auch um den Vorschlag von Papst Franziskus gehen, die Bitte "Führe uns nicht in Versuchung" durch die Bitte "Lass uns nicht in Versuchung geraten" zu ersetzen; eine solche Änderung ist übrigens in Frankreich und in Italien bereits vorgenommen worden. Zusammengefasst besteht somit der Gewinn konfessionell-kooperativen Religionsunterrichts zur Bergpredigt darin, den Reichtum verschiedener evangelischer und katholischer Sichtweisen aufzudecken und authentisch zu kommunizieren.

Von Rudolf Hengesbach

Zur Person

Rudolf Hengesbach war Lehrer an einem Gymnasium in Paderborn und Vorsitzender des Bundesverbandes katholischer Religionslehrer.

Themenseite: Kolumne "Mein Religionsunterricht"

Wie funktioniert Religionsunterricht heute? Genau dieser Frage geht die neue katholisch.de-Kolumne nach. Lehrer verschiedener Schulformen berichten darin ganz persönlich, wie sie ihren Unterricht gestalten, damit sie die Jugend von heute noch erreichen.