Impuls von Schwester Regina Greefrath
"Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein. Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück, nach Liebe, wie nur du sie gibst." (Eugen Eckert) Dieses Lied kam mir in den Sinn, als ich den Text zum ersten Mal las.
Diese Sehnsucht, dieser Durst nach mehr ist es wohl, was den jungen Mann umtreibt. Augenscheinlich führt er ein rechtschaffenes Leben: er hält die Gebote, kommt gut mit den Mitmenschen zurecht und hat überdies auch finanziell ausgesorgt. Eigentlich sollte er also wunschlos glücklich sein. Aber trotzdem ist sie da, diese Sehnsucht nach mehr.
Es ist allzu menschlich, dass wir in unserem Leben allerhand Verträge und Versicherungen abschließen wollen, um im Fall des Falles immer auf der sicheren Seite zu sein. Wir brauchen Stützpfeiler und ein Netz, das uns auffängt.
Der junge Mann fragt hier ganz explizit nach dem Einsatz für das ewige Leben. Interessant ist, dass Jesus bei seiner Antwort nur die Gebote aufzählt, die das Miteinander der Menschen regeln: nicht töten, ehebrechen oder stehlen, keine Falschaussagen machen, die Familie schützen. Das ist alles richtig und wichtig. Wer diese Gebote hält, hat quasi eine Versicherung fürs Jenseits abgeschlossen, das ewige Leben ist ihm gewährleistet.
Aber Jesus zeigt uns auf, dass unser Leben so viel mehr ist als Gesetzeserfüllung und Anhäufen von Reichtum. Er schenkt uns das Leben in Fülle in der Beziehung mit Gott. Wir können es bereits im Diesseits verkosten, wenn wir uns auf ihn und seine Botschaft einlassen und ihm nachfolgen. Jesus spricht hier von Aufbruch, Dynamik und Zukunft statt von Verharren, Inflexibilität und Vergangenheit:
"Geh, verkaufe, was du hast, gib es den Armen." Klammere dich nicht fest an den trügerischen Sicherheiten, die du dir geschaffen hast. Ruh dich nicht aus auf dem, was du erreicht hast. Lass los, heb den Blick, setze die Segel und verlasse den sicheren Hafen. Erweitere deinen Horizont, lass dich ein auf das, was ich dir schenken kann. Lass den Alltagstrott hinter dir und mache dich auf ins Abenteuer deines Lebens, ins Abenteuer der Beziehung mit Gott, der dir innere Freiheit schenken kann. Und vor allem: Steck andere an, nimm sie mit, lass sie teilhaben an deinem Glück.
Die Verheißung Jesu, dass wir das Reich Gottes in seiner Nachfolge schon auf Erden erleben können, ist eine Perspektive, die Mut macht. Sie ist keine bloße Vertröstung, dass alles, was wir in unserem Leben an Unrecht, Verfolgung oder Demütigung erleiden, wie weggeblasen wird und wir entschädigt werden. Sondern sie ist eine Einladung, unser Leben in der Beziehung zu Gott zu gestalten, eine Einladung, unsere Sehnsucht und unseren Durst zu stillen.
Evangelium nach Markus (Mk 10,17–30)
In jener Zeit lief ein Mann auf Jesus zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Jesus antwortete: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer der eine Gott.
Du kennst doch die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst keinen Raub begehen; ehre deinen Vater und deine Mutter! Er erwiderte ihm: Meister, alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt.
Da sah ihn Jesus an, gewann ihn lieb und sagte: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib es den Armen und du wirst einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach! Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen.
Da sah Jesus seine Jünger an und sagte zu ihnen: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen! Die Jünger waren über seine Worte bestürzt. Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen! Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.
Sie aber gerieten über alle Maßen außer sich vor Schrecken und sagten zueinander: Wer kann dann noch gerettet werden? Jesus sah sie an und sagte: Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich.
Da sagte Petrus zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Jesus antwortete: Amen, ich sage euch: Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen. Jetzt in dieser Zeit wird er Häuser und Brüder, Schwestern und Mütter, Kinder und Äcker erhalten, wenn auch unter Verfolgungen, und in der kommenden Welt das ewige Leben.
Die Autorin
Schwester Regina Greefrath CSA gehört dem Orden der Augustiner-Chorfrauen an. Sie unterrichtet am klostereigenen Gymnasium die Fächer katholische Religion und Spanisch und engagiert sich in der AG Berufungspastoral der Orden (AGBO).
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