Zeremoniell vor dem Reichstag hat Debatten ausgelöst

Katholische Kirche uneinig bei Bewertung von Großem Zapfenstreich

Aktualisiert am 15.10.2021  –  Lesedauer: 

Berlin ‐ Die Debatte um den Zapfenstreich vor dem Reichstag dauert an – auch in der Kirche. Nach der Kritik von Pax Christi verteidigte das Katholische Militärbischofsamt am Freitag die Veranstaltung. Und auch Bischof Peter Kohlgraf meldete sich zu Wort.

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In der katholischen Kirche herrscht Uneinigkeit über die Bewertung des Großen Zapfenstreichs zum Ende des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr. Während die katholische Friedensbewegung Pax Christi den Aufmarsch der Soldaten mit brennenden Fackeln vor dem Reichstagsgebäude in Berlin am Mittwoch scharf kritisiert und von "fatalen Bildern" gesprochen hatte, verteidigte das Katholische Militärbischofsamt am Freitag das Zeremoniell und den Ort der Veranstaltung. "Aus der Sicht der Katholischen Militärseelsorge ist der Ort richtig gewählt", erklärte ein Sprecher des Amts auf Anfrage von katholisch.de. Er verwies zudem darauf, dass der Große Zapfenstreich das höchste militärische Zeremoniell der Bundeswehr sei. "Eine offene Auseinandersetzung mit diesem Ritual ist wichtig. Je nach Standpunkt und Ziel von Diskutanten sind die Argumente mehr oder weniger nachvollziehbar", so der Sprecher, der darüber hinaus bestätigte, dass auch der katholische Militärbischof Franz-Josef Overbeck bei der Veranstaltung anwesend war.

Kohlgraf: Wir brauchen eine ernsthafte Diskussion über solche Rituale

Pax Christi hatte am Donnerstag erklärt, der Zapfenstreich vor dem historischen Parlamentsgebäude habe schlimme Assoziationen an den Zweiten Weltkrieg und die Zeit des Nationalsozialismus geweckt. "Wie kann man in der heutigen Zeit so eine Veranstaltung durchführen und meinen, dass das positiv wirken würde?", so Pax-Christi-Generalsekretärin Christine Hoffmann. Unterstützung für ihre Position erhielt sie am Freitag von Pax-Christi-Präsident Peter Kohlgraf. Der Mainzer Bischof sagte gegenüber katholisch.de: "Ich unterstütze die Pax-Christi-Kritik am Großen Zapfenstreich. Wir brauchen eine ernsthafte Diskussion über solche Rituale, ihre Wirkung und Bedeutung." Den Soldatinnen und Soldaten gelte Dank für ihren jahrelangen Einsatz am Hindukusch, doch sei wichtig, dafür heute angemessene Formen zu finden.

Der Zapfenstreich für die in Afghanistan eingesetzten Männer und Frauen der Bundeswehr am Mittwochabend vor dem Sitz des Bundestags hatte vor allem in den sozialen Netzwerken für Irritationen und Kritik gesorgt. Ähnlich wie Pax Christi kritisierten viele Internetnutzer mit deutlichen Worten den Aufmarsch der Soldaten vor dem Reichstagsgebäude. Bei Twitter trendete zwischenzeitlich der Hashtag #Wehrmacht, weil viele Nutzer Vergleiche zur Zeit des Nationalsozialismus zogen. Das Verteidigungsministerium wies dies vehement zurück. Ebenfalls bei Twitter schrieb das Ministerium am Donnerstag: "Debatte ist notwendig und wichtig. Vergleiche mit dem dunkelsten Kapitel Deutschlands enttäuschen uns."

Militärbischofsamt kritisiert Vergleiche der Bundeswehr mit der Wehrmacht

Auch das Militärbischofsamt verurteilte am Freitag Vergleiche der Bundeswehr mit der Wehrmacht. "Der Rückbezug auf das Dritte Reich und den Nationalsozialismus ist angesichts der festen Verankerung der Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr in der Parlamentsarmee nicht nachvollziehbar", erklärte der Sprecher. Bei der Begleitung der Soldaten erlebten die  katholischen Militärseelsorger immer wieder deren Aufgeschlossenheit und das Eintreten für die Grund- und Menschenrechte.

Auch den von Pax Christi geäußerten Vorwurf, das Zeremoniell des Großen Zapfenstreichs leiste einer "Resakralisierung des Militärischen" Vorschub, wies das Militärbischofsamt zumindest indirekt zurück. Die Militärseelsorge stehe als Kirche an der Seite der Soldaten und ihrer Angehörigen. "Insofern ist ihre sakrale, seelsorgliche und ethische Begleitung seit Aufstellung der Bundeswehr schon immer ein fester Bestandteil im soldatischen Leben", so der Sprecher des Amts. (stz)