Wie Agatha Christie eine Ausnahme für die Alte Messe ermöglichte
Papst Paul VI. gewährte vor 50 Jahren Gottesdienst-Indult

Wie Agatha Christie eine Ausnahme für die Alte Messe ermöglichte

Was hat die Krimiautorin Agatha Christie mit der Tridentinischen Messe zu tun? Eigentlich wenig. Dennoch verbindet sich mit ihr die Erlaubnis, die Alte Messe zu feiern. Denn ihr Name trug zu einer Ausnahmegenehmigung bei. Wie kam es dazu?

Von Christiane Laudage (KNA) |  Bonn - 05.11.2021

Agatha Christie war nicht katholisch, aber weltweit bekannt. Angeblich war auch Papst Paul VI. ein Fan ihrer Krimis. Denn als er die Petition berühmter Engländer auf dem Schreibtisch liegen hatte, ihnen doch bitte weiter die Feier der sogenannten Tridentinischen Messe zu erlauben, soll er die Liste mit den Unterschriften durchgegangen sein, um dann zu sagen: "Ah, Agatha Christie!"

Am 5. November 1971, vor 50 Jahren, gewährte er diese Erlaubnis, die dann als Agatha Christie Indult bekannt wurde. Ein anderer Name ist Heenan Indult, nach Kardinal John Heenan, dem Erzbischof von Westminster, der die Petition dem Papst überbrachte.

Die Geschichte ist zu schön, um wahr zu sein. Denn zuden Prominenten, die die Petition unterschrieben, gehörten zahlreiche Geistesgrößen, deren Name dem Papst sicherlich bekannt war, wie beispielsweise der Violinist Yehudi Menuhin, der Pianist Vladimir Ashkenazy oder der Schriftsteller Robert Graves. Viele der Unterzeichner waren gar nicht katholisch. Ihnen ging es um das reiche, kulturell inspirierende Erbe der Tridentinischen Messe, das sie mit den berühmten Kathedralen verglichen, die man doch auch nicht einfach abreißen würde.

Besondere Tradition englischer Katholiken

Hinzu kam die besondere Tradition der englischen Katholiken, die durch scharfe Verfolgungen und ständige Benachteiligung geprägt war. Der englische, zum Katholizismus konvertierte, Schriftsteller Evelyn Waugh setzte ihr in seinem Roman "Wiedersehen mit Brideshead" (1945) ein Denkmal.

Was englische Katholiken mit ihrer Petition erreichen wollten, war die Messe nach dem Römischen Ritus gemäß dem Messbuch von 1962 weiter zu feiern, die sogenannte Tridentinische Messe in ihrer letzten Fassung, bevor das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) weitreichende liturgische Neuerungen beschloss. Das war aber nicht das, was sie bekamen. Sie erhielten die Erlaubnis, zu besonderen Anlässen den Ordo Missae von 1965 mit den Ergänzungen von 1967 zu zelebrieren. Was war das?

Papst Paul VI. im Portrait

Papst Paul VI. gewährte das Agatha Christie Indult

Erste Änderungen an der alten Liturgie wurden in der Konzilskonstitution "Inter Oecumenici" festgehalten, die im September 1964 herausgegeben und am ersten Fastensonntag 1965 rechtswirksam wurde. Sie erlaubte unter anderem den Gebrauch der Volkssprache in allen Teilen der Messe. Auch enthielt sie Vorgaben zur Gestaltung von Kirchen und Altären, die es den Priestern ermöglichen sollten, das Messopfer den Gläubigen zugewandt zu zelebrieren.

Großzügige Interpretation

Allerdings wurde das Agatha Christie Indult großzügig interpretiert als Erlaubnis, die Alte Messe weiterzufeiern, wenn denn die Auflagen – bestimmte Gruppen, besondere Anlässe – beachtet wurden. Und weltweit wurden die englischen Katholiken darum beneidet, ohne dass die eigentlich eng gezogenen Grenzen des Indults zur Kenntnis genommen wurden.

Ziemlich genau 13 Jahre später durfte dann auch der Rest der Welt unter hohen Auflagen wieder die Messe nach dem Römischen Ritus von 1962 feiern, denn im Oktober 1984 wies Papst Johannes Paul II. die Gottesdienstkongregation an, unter genau definierten Umständen die sogenannte Alte Messe zu erlauben.

Dass es durchaus mit Schwierigkeiten verbunden war, an einer Alten Messe teilzunehmen, war gewollt, führte aber bei einem eher traditionell orientierten Teil der Katholiken zu Schmerzen. Diese vergingen schlagartig, als ihnen Papst Benedikt XVI. im Juli 2007 großzügig entgegenkam.

Zwei Messformen

Mit dem Erlass "Summorum pontificum" erlaubte der Papst die häufigere Feier der Eucharistie nach dem Tridentinischen Ritus. Diese Form erklärte Benedikt XVI. zur "außerordentlichen Form der Liturgie der Kirche". Zugleich bestätigte er den mit der Liturgiereform von 1970 erlassenen Ritus als "ordentliche Form" der Messfeier.

Seit diesem Sommer gelten neue Regeln, denn Papst Franziskus hat mit dem Motu Proprio "Traditionis custodes" (Hüter der Tradition) die Feier des alten Messritus wieder deutlich eingeschränkt. Der von Benedikt XVI. in größerem Umfang erlaubte außerordentliche Ritus darf nur noch mit Erlaubnis des Ortsbischofs unter engeren Auflagen gefeiert werden. Der bisherige Gebrauch habe zu viel Spaltung hervorgerufen, so der Papst.

Die Entscheidung von Papst Franziskus hat hohe Wellen geschlagen. Verteidiger der traditionellen Liturgie beklagen neben dem Inhalt des Dokuments den strengen Ton des Papstes. Konservative US-Katholiken wollen in dem Erlass sogar eine "Kriegserklärung" erkennen. 50 Jahre nach dem Agatha Christie Indult geht die Diskussion um die Alte Messe also intensiv weiter.

Von Christiane Laudage (KNA)