Bilanzinterview mit dem DBK-Umweltbischof zur UN-Klimakonferenz

Lohmann: Sehe die Beschlüsse von Glasgow mit Distanz durchaus positiv

Aktualisiert am 17.11.2021  –  Lesedauer: 

Glasgow/Münster ‐ Reichen die Ergebnisse der UN-Klimakonferenz in Glasgow aus, um den Planeten zu retten? Sollte Deutschland Klimaflüchtlingen bedingungslos Asyl gewähren? Und tut die Kirche selbst bereits genug für den Klimaschutz? Im Bilanzinterview zur Klimakonferenz beantwortet Umweltbischof Rolf Lohmann diese und weitere Fragen.

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Am Wochenende ist in Glasgow nach zweiwöchigen Beratungen die UN-Klimakonferenz 2021 zu Ende gegangen. Im Interview mit katholisch.de blickt der Umweltbischof der Deutschen Bischofskonferenz, Münsters Weihbischof Rolf Lohmann, auf die Beratungen und die Ergebnisse der Konferenz zurück. Außerdem spricht er über die Verantwortung reicher Industriestaaten wie Deutschland beim Kampf gegen den Klimawandel und die Klimaschutzmaßnamen der katholischen Kirche in Deutschland.

Frage: Weihbischof Lohmann, wie haben Sie die Weltklimakonferenz in Glasgow wahrgenommen? Hatten Sie das Gefühl, dass die Delegierten mit der notwendigen Ernsthaftigkeit nach Lösungen zur Rettung des Weltklimas gesucht haben?

Lohmann: Eine Weltklimakonferenz ist ja etwas ganz Besonderes. Das sieht man schon an der Masse an Teilnehmenden bei der Konferenz oder in ihrem Umfeld. Fast 200 Staaten saßen am Verhandlungstisch und hatten berechtigterweise eine riesige Medienöffentlichkeit. Die Erwartungen an die Konferenz waren enorm. Ich habe vor diesem Hintergrund großen Respekt vor den Delegierten und vor ihrer Arbeit.

Frage: Wie bewerten Sie ganz grundsätzlich die Ergebnisse der Konferenz?

Lohmann: Ich nehme wahr, dass die Ergebnisse sehr unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen haben. Ein bisschen kommt das wohl der Frage nahe, ob das Glas nun halb voll oder halb leer ist. Es kommt auf die Perspektive an. Und da kann ich diejenigen verstehen, die sich noch stärkere Signale und verpflichtende Beschlüsse gewünscht hätten. Aber es scheint mir wichtig, doch auch den Charakter der Konferenz und die Vielzahl völlig unterschiedlicher Interessen und Positionen in Rechnung zu stellen. Wenn man sich dann anschaut, dass sich niemand mehr der Realität verweigert, sondern wirklich alle anerkennen, dass das fossile Zeitalter mit einem Enddatum versehen werden muss und etwa die Kohle keine Zukunft hat, sehe ich die Ergebnisse mit etwas Distanz durchaus positiv. Beispielsweise haben sich Staaten wie Australien, Saudi-Arabien und Indien erstmalig zum Ziel der Klimaneutralität bekannt. Auch dass politische Kontrahenten wie die USA und China eine stärkere Zusammenarbeit in dieser Menschheitsfrage vereinbart haben, ist ein Zeichen der Hoffnung.

Frage: Was ist aus Ihrer Sicht das wichtigste Ergebnis?

Lohmann: Dass die Staaten das 1,5-Grad-Ziel weiter gestärkt haben und damit ein Stück weit vom 2-Grad-Ziel abgerückt sind, scheint mir sehr bedeutsam. Auch Papst Franziskus macht sich immer wieder für das 1,5-Grad-Ziel stark. Laut der Wissenschaft macht jedes zehntel Grad einen Unterschied, rettet Leben und verhindert Leid.

„Wir müssen nun schauen, dass wir in unserem eigenen Land ambitionierten Klimaschutz umsetzen, der klug und sozialverträglich ausgestaltet ist, Wohlstand bewahrt und niemanden zurücklässt.“

—  Zitat: Weibhischof Rolf Lohmann

Frage: Und welches Ergebnis hat Sie enttäuscht?

Lohmann: Als katholische Kirche haben wir im Weltmaßstab auch besonders die Situation in den ärmeren und ärmsten Ländern im Blick – Stichwort Klimagerechtigkeit. Viele Menschen dort sind schon jetzt durch den Klimawandel in ihrer Existenz bedroht. Dass es weiterhin so schwer ist, sich auf eine ausreichende Unterstützung dieser Menschen und Länder bei der Bewältigung der Folgen zu verständigen, betrübt mich. Wir sind eine Menschheitsfamilie und sollten international wirklich miteinander solidarisch sein.

Frage: Blicken Sie nach dieser Konferenz optimistisch auf die Zukunft des Planeten – oder haben Sie Angst, dass der Klimawandel auch mit den Beschlüssen von Glasgow nicht mehr aufzuhalten ist?

Lohmann: Wenn die Beschlüsse von Glasgow das letzte Wort wären, hätte ich diese Angst. Aber das sind sie ja nicht – die internationale Klimadiplomatie geht weiter, Staaten schärfen ihre nationalen Maßnahmen und Ziele nach und die Delegationen kommen bald wieder zusammen. Das Ganze ist ein dynamischer Prozess, ein langer Weg. Ich hoffe und bete, dass die Staatengemeinschaft diesen Weg engagiert und zügig weitergeht. Ich halte auch eine CO2-Mindestbepreisung für sinnvoll, wie sie der Klimaexperte Ottmar Edenhofer fordert und auf die sich die EU, die USA und China einigen könnten. Gleichzeitig liegt der Ball nun wieder bei uns. Auch unsere eigenen Klimaziele stehen laut der Wissenschaft noch nicht ganz im Einklang mit dem 1,5-Grad-Ziel. Wir müssen nun schauen, dass wir in unserem eigenen Land ambitionierten Klimaschutz umsetzen, der klug und sozialverträglich ausgestaltet ist, Wohlstand bewahrt und niemanden zurücklässt. Damit könnte Deutschland auch anderen Ländern Vorbild sein, insbesondere den entscheidenden Schwellenländern. Ich habe Vertrauen in die Menschen und in die Menschheit.

Frage: Klimaschützer wie Greta Thunberg haben scharfe Kritik an den Beschlüssen der Konferenz geäußert. Können Sie die jetzt zu hörende Unzufriedenheit insbesondere junger Menschen an den Konferenzbeschlüssen nachvollziehen?

Lohmann: Gerade die jungen Klimaschützerinnen und Klimaschützer haben inzwischen international eine sehr wichtige Rolle eingenommen, indem sie das Thema wachhalten und Druck aufbauen, der vielleicht einige Ergebnisse des Gipfels gerade erst möglich gemacht hat. Das braucht es auch weiterhin. Ich kann die Ungeduld und die Unzufriedenheit mit dem Tempo, in dem international umgesteuert wird, verstehen.

Ein Kind trägt sein Geschwisterchen in einem Flüchtlingslager in Somalia
Bild: ©picture alliance/AA/Arif Hudaverdi Yaman

"Wir brauchen bei uns ein noch größeres Bewusstsein, wie stark der Klimawandel unsere Mitmenschen in Entwicklungsländern bedroht, und dürfen auf keinen Fall nur auf uns selber schauen", so Lohmann.

Frage: Sie haben es bereits angesprochen: Leidtragende des Klimawandels sind vor allem Entwicklungsländer, die selbst kaum zur Erderwärmung beigetragen haben. Müssen reiche Industrieländer wie Deutschland mehr tun, um die Folgen des Klimawandels für die Entwicklungsländer abzumildern?

Lohmann: Ja, unbedingt. Almosen helfen da nicht. Wir brauchen bei uns ein noch größeres Bewusstsein, wie stark der Klimawandel unsere Mitmenschen in Entwicklungsländern bedroht, und dürfen auf keinen Fall nur auf uns selber schauen.

Frage: Ergibt sich aus der Verantwortung der Industrieländer für den Klimawandel für diese Länder eine moralische Pflicht, Klimaflüchtlinge, deren Zahl in der Zukunft laut allen Prognosen deutlich ansteigen wird, künftig bedingungslos Asyl zu gewähren?

Lohmann: Diese Herausforderung wird zweifellos groß sein. Mir scheint der entscheidende Ansatz aber eher darin zu liegen, den Menschen in ihrer Heimat zu helfen, indem wir das 1,5-Grad-Ziel einhalten und die Menschen bei der Anpassung an den stattfindenden Klimawandel unterstützen. Als katholische Kirche nehmen wir uns überdies des Schicksals der Klimaflüchtlinge an, das verdeutlicht etwa eine neue Handreichung mit pastoralen Orientierungen zu Klimavertriebenen, die der Vatikan vor einigen Monaten veröffentlicht hat. Darin enthalten sind Anregungen für das kirchliche Handeln zur Unterstützung von Klimavertriebenen.

Frage: Blicken wir auf die Kirche in Deutschland: Wohl alle Bistümer haben sich in irgendeiner Form den Klimaschutz auf die Fahnen geschrieben. Der große Wurf fehlt bislang allerdings, viele Klimaschutzmaßnahmen scheinen sich eher im Klein-Klein zu verlieren. Müsste die katholische Kirche in Deutschland – also alle 27 Bistümer zusammen – sich nicht stärker gemeinsam auf Klimaschutzmaßnahmen verständigen und diese dann auch konsequent durchsetzen? Immerhin gehört die Bewahrung der Schöpfung zum Markenkern des Christentums.

Lohmann: Ebenso wie die Staatengemeinschaft sind auch die 27 Bistümer auf einem gemeinsamen Weg. Wir besprechen in der Bischofskonferenz regelmäßig, wie wir weiter vorankommen können. Die Bistümer sind zwar sehr unterschiedlich – das hat auch der kürzlich von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichte Klima- und Umweltschutzbericht gezeigt –, insofern gibt es kein einheitliches Patentrezept. Aber alle sind dabei. Mir ist es wichtig, dass es bei uns entscheidende Fortschritte gibt, denn in der Tat gehört die Bewahrung der Schöpfung zum Markenkern des Christentums.

Frage: Der Klimaschutz lebt auch von Symbolen und Vorbildern. Wäre es nicht zum Beispiel ein starkes Zeichen, wenn die deutschen Bischöfe künftig zumindest zu ihren Vollversammlungen im zentral gelegenen und hervorragend an das ICE-Netz angebundenen Fulda nur noch mit der Bahn anreisen würden?

Lohmann: Leider sind nicht alle Bischofssitze so gut an das ICE-Netz angebunden wie Fulda und ich möchte auch meine bischöflichen Mitbrüder nicht bevormunden. Aber glauben Sie mir, dass die Sensibilität für das Thema da ist und stetig zunimmt. Das führt in immer mehr Bereichen – auch bei der Mobilität – zu einem Umdenken und einem Überprüfen des eigenen Verhaltens.

Von Steffen Zimmermann

Zur Person

Rolf Lohmann (*1963) ist seit 2017 Weihbischof im Bistum Münster und dort für die Bistumsregion Niederrhein/Recklinghausen zuständig. Auf Ebene der Deutschen Bischofskonferenz ist er Mitglied der Pastoralkommission und der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen. Innerhalb dieser Kommission ist er Vorsitzender der Arbeitsgruppe für ökologische Fragen und damit der "Umwelbischof" der Bischofskonferenz.