Die zweite Frau an der Spitze des Katholikenkomitees
65-Jährige wurde am Freitag mit großer Mehrheit gewählt

Die zweite Frau an der Spitze des Katholikenkomitees

Die Sozialwissenschaftlerin Irme Stetter-Karp ist neue Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Nach Rita Waschbüsch bekleidet damit zum zweiten Mal eine Frau das Amt an der Spitze des Laiengremiums.

Von Michael Jacquemain (KNA) |  Berlin - 20.11.2021

Die promovierte Sozialwissenschaftlerin Irme Stetter-Karp ist die neue Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK). Sie folgt Thomas Sternberg, der nach sechs Jahren nicht mehr für den Posten an der Spitze des höchsten repräsentativen Gremiums der Laien kandidiert hatte.

Stetter-Karps Biografie ist geprägt von ihrem Engagement im Bistum Rottenburg-Stuttgart, für das sie bis zum Herbst des Vorjahres knapp vier Jahrzehnte arbeitete: als Chefin des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und des Bischöflichen Jugendamts, als Leiterin des Bildungswerks und dann als Caritasdirektorin und Ordinariatsrätin für die soziale Arbeit ihrer Kirche in Württemberg.

Auch nach Jahrzehnten innerkirchlichen Engagements "nicht müde"

Trotzdem reichen ihre Erfahrungen weit über "The Länd" hinaus, wie die neue Dachmarke des Südweststaates heißt. Als Vizepräsidentin des Deutschen Caritasverbandes, Mitglied in ZdK-Leitungsgremien und als eine der Moderatorinnen des katholischen Reformprojekts Synodaler Weg gilt Stetter-Karp innerkirchlich seit Jahren als bestens vernetzt. Mehr als ein Jahrzehnt leitete sie zudem ehrenamtlich die Hilfsorganisation In Via, die sich vor allem für gerechte Bildungschancen für Mädchen und junge Frauen einsetzt. Seit 2020 ist sie auch Präsidentin des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge.

Die 65-Jährige fühlt sich auch nach Jahrzehnten innerkirchlichen Engagements "nicht müde" – und wirkt selbst fast ein wenig erstaunt über ihre Einschätzung. Schließlich mutet der Kampf der katholischen Frauen für mehr Beteiligung und Gleichberechtigung nicht wenigen Geschlechtsgenossinnen als zäh und erfolglos an. Trotzdem: Stetter-Karp will "leidenschaftlich für Reformen kämpfen". Dabei mag ihr helfen, dass sie sich als ausdauernd und zäh beschreibt. Die verheiratete Mutter eines erwachsenen Sohnes und einer erwachsenen Tochter betreibt viel Sport, geht von ihrem Wohnhaus in Göppingen aus gerne und oft in den Wald, und sie liebt die Berge. Die Frau mit der markanten Kurzhaarfrisur ist das zwölfte und jüngste Kind aus einer schwäbischen Bauern- und Gastwirtsfamilie.

Rita Waschbüsch

Von 1988 bis 1997 war Rita Waschbüsch die erste Frau an der Spitze des ZdK.

Beim ZdK übernimmt Stetter-Karp eine Institution mit vielen Baustellen: In wenigen Wochen steht der Umzug aus der alten Hauptstadt Bonn nach Berlin an. Weil viele Rheinländer nicht den Gang an die Spree mitmachen wollten, musste neues Personal gewonnen werden, Zdk-Generalsekretär Marc Frings ist noch keine zwei Jahre im Amt. Auch die Suche nach einem geeigneten Quartier gestaltete sich wegen Problemen mit einem Bauträger als schwierig.

Die gebürtige Ellwangerin hält den Ortswechsel für eine Chance und ein Risiko zugleich. Der Umzug nach Berlin, näher an die politisch Verantwortlichen, sei kein Selbstläufer und müsse gestaltet und gesteuert werden, sagt Stetter-Karp. Für notwendig hält sie ein neues Lobbykonzept, schließlich werde der Wettbewerb um mehr Gehör zunehmend schärfer und schwieriger. Und es dürfte keine leichte Aufgabe sein, einer zunehmend kirchenferneren Öffentlichkeit in Berlin zu erklären, wer Katholiken sind und was sie wollen.

Die katholische Stimme in die Gesellschaft einbringen

Ihren neuen Job begreift sie als politische und gesellschaftliche Aufgabe. Sie will in den "unvermeidlichen und umfassenden gesellschaftlichen Transformationsprozess" die katholische Stimme einbringen – etwa wenn es um gleichwertige Lebensverhältnisse in Deutschland, den Umgang mit Geflüchteten, um die Pflegereform und eine neue gesetzliche Regelung zur Selbsttötung, um Generationengerechtigkeit und den Klimawandel geht. Es überrascht bei ihrem Lebenslauf wenig, dass Stetter-Karp bei alledem von einer diakonisch geprägten Kirche ausgeht.

Helfen kann Stetter-Karp, dass ihr bei aller Verbindlichkeit Konfliktbereitschaft und -fähigkeit bescheinigt werden. Auch dann, wenn es mit persönlichen Konsequenzen verbunden ist. 1999 riskierte sie den Job, als sie nach dem von Papst Johannes Paul II. (1978-2005) verordneten Ausstieg aus dem staatlichen System der Schwangerenberatung gemeinsam mit anderen prominenten Katholiken den Verein Donum Vitae gründete, um diese Arbeit aus einer christlichen Perspektive fortzusetzen. Damals auch dabei: Rita Waschbüsch. Die frühere saarländische Ministerin war von 1988 bis 1997 die erste Frau an der ZdK-Spitze – mit Stetter-Karp hat sie nun ein knappes Vierteljahrhundert später eine Nachfolgerin gefunden.

Von Michael Jacquemain (KNA)