Wie Erkenntnisse der Bibelwissenschaften den Synodalen Weg prägen

Von wegen "Weiter so": Bibel kann Kirche verändern

Aktualisiert am 28.11.2021  –  Lesedauer: 

Stuttgart ‐ Bibeltexte werden in kirchlichen Dokumenten oft in einer Weise verwendet, als hätte es die Erkenntnisse der Bibelwissenschaft nicht gegeben. Nicht so beim Synodalen Weg, sagt die Synodale und Bibelwissenschaftlerin Katrin Brockmöller. Eine Tiefenanalyse.

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Der Synodale Weg startete am ersten Advent 2019. Anlass dieser gemeinsamen Arbeit von Laien und Bischöfen ist der erklärte Wille der Deutschen Bischofskonferenz, gemeinsam mit dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken die in der MHG-Studie benannten systemischen Ursachen des erschreckenden Leidens von Kindern an sexuellen Übergriffen zu bearbeiten. Die Vorarbeiten für Beschlusstexte finden in vier thematischen Foren statt: "Macht und Gewaltenteilung in der Kirche" (I), "Priesterliche Existenz heute" (II), "Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche" (III), "Leben in gelingenden Beziehungen" (IV). Als gewählte Beraterin arbeite ich im Forum IV mit und bringe dort die biblische Perspektive ein. Trotz der Pandemie wurde in intensiven digitalen Sitzungen an den Beschlusstexten gearbeitet. Natürlich fehlt die persönliche Begegnung vor allem im Gespräch über so bedeutsame Fragen schmerzlich. Anfang Oktober 2021 konnte die Synodalversammlung endlich ein zweites Mal tagen und hat einige bereits vorliegende Texte diskutiert und dadurch die weiteren Arbeitsaufträge für die Foren präzisiert.

Vielfalt und Vielstimmigkeit der Bibel: Positionen aus dem Grundtext

Vor allem der Grundtext "Heute auf das Wort Gottes hören", den das Präsidium vorgelegt hat, betont das Hören auf die Schrift als Grundlage aller Pastoral. Natürlich bindet der Grundtext die biblische Perspektive auch an die historischen Entwicklungen der Kirche und öffnet sie auf die aktuellen Zeichen der Zeit. Die Arbeit in den thematischen Foren greift diese grundsätzlich biblisch inspirierte Perspektive auf.

Der Grundtext beginnt mit einem Verweis auf den Exodus und einem berührenden Aufruf zur Anhörung der zu oft unterdrückten Stimmen: "Gott hört, um der Not der Menschen abzuhelfen – das ist die Frohe Botschaft. Das Hören auf Gottes Wort beginnt auch heute noch mit dem Hören auf die verletzten und marginalisierten, auf die zum Schweigen gebrachten und verurteilten, auf die verstummten und dennoch aufbegehrenden Mitglieder des Volkes Gottes."

Im folgenden Hauptabschnitt II widmen sich die Abschnitte 13 bis 27 explizit dem Umgang mit biblischen Texten. Auch in allen weiteren Kapiteln greift der Grundtext immer wieder auf die Bibel als Quelle der Argumentation zurück. Der Grundtext betont an verschiedenen Stellen die "Vielseitigkeit und Vielstimmigkeit" biblischer Texte. Diese innerbiblische Pluralität benennt der Text als wegweisend auch im Umgang mit aktuellen Fragen der Theologie und Pastoral. Einheit muss nicht Einstimmigkeit bedeuten. So sind auch die Entscheidungen der frühen Kirche, vier Varianten der Jesuserzählung zu kanonisieren, als "Midraschartige Auslegung" ein Zeichen, wie bewusst die Kirche Vielfalt in der Interpretation der einen Wahrheit zulassen kann. Die herausfordernde Konsequenz liegt auf der Hand: Wie definieren und verkünden wir "Wahrheit"? Es bleibt nur das Vertrauen auf den einen Gott, der Einheit in Vielfalt ermöglicht. Es bleibt das Vertrauen auf den Glaubenssinn der Getauften, die je in ihrer Zeit ihre Wege mit Schrift und Tradition als Quellen finden und den Entdeckungsraum der Kirche gestalten.

Nah am Glaubenssinn der Gläubigen: Positionen aus dem Forum IV

Das Forum IV widmet sich unter dem Titel: "Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft" dem Feld der kirchlichen Sexualmoral. Gewählte und beratende Mitglieder repräsentieren eine breite Palette unterschiedlichster Ausbildungen und persönlicher Lebenssituationen. Natürlich sind die meisten theologisch sehr qualifiziert, einige arbeiten seit Jahrzehnten in der Ehe-, Familien- und Lebensberatung, andere sind in Netzwerken und Verbänden engagiert. Es fehlen auch nicht die persönlichen Zeugnisse von homosexuellen und anderen sexuellen Orientierungen. Es gibt Alleinlebende, zölibatär lebende und verheiratete Frauen wie Männer, auch die Altersspanne ist gemischt, es sind Bischöfe und Weihbischöfe ebenso beteiligt wie pastorale Mitarbeitende und ehrenamtlich in der Kirche Engagierte.

Tatsächlich ist die Arbeit des Forums IV nah am Glaubenssinn der Gläubigen, die große Mehrheit wünscht sich einen gelasseneren Umgang mit Fragen der sexuellen Orientierung und auch eine kirchliche Segnung für Paare – egal welcher geschlechtlichen Identität, die auf Dauer gemeinsam ihr Leben vor und mit Gott gestalten möchten.

Bild: ©Rawpixel.com - stock.adobe.com

Vater, Mutter, Kind(er) – das biblische Ideal?

Bis heute werden Fragen der Sexualmoral häufig im Rückgriff auch auf biblische Texte begründet. Sowohl das Ideal der heterosexuellen Ehe, ihre Ausschließlichkeit, die Kontrolle der Fruchtbarkeit und vieles andere wird oft mit einem Verweis Gen 1,27 begründet: "Gott schuf den Menschen als Mann und Frau." Schon ein genauer Blick in den Text zeigt aber, dass hier Adjektive stehen ("männlich" und "weiblich"), die eher einen Raum öffnen als eine singuläre Idee von Mannsein und Frausein zu setzen. Zudem handelt es sich bei Gen 1,27 nicht um philosophische oder normative Aussagen, sondern um Poesie. Daraus lassen sich beim besten Willen keine Normen ableiten. Gen 1 beschreibt, wie etwas Neues sich entwickelt, wie ein Lebenshaus entsteht, in dem Unterschiede sichtbar werden und Raum für dazwischen entsteht: Die Gegensatzpaare "Licht und Finsternis", "Himmel und Erde", "Trockenes Land und Meer", "männlich und weiblich" werden benannt. Dazwischen gibt es auch Dämmerung, Feuchtgebiete, geschlechtliche Vielfalt, ...

Zudem präsentieren die Schöpfungstexte am Anfang der Bibel in Form von Erzählung die Begründungen dafür, dass die Welt so ist wie sie ist: Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern sind von Hierarchien und Abwertungen geprägt, die Beziehung der Menschen zu ihrer je individuellen Aufgabe ist gestört, die Beziehung zur Erde als Lebensspenderin ist gebrochen. Aber: Das Gedicht in Gen 1 betont: Wir vertrauen auf die Zusage Gottes – sehr gut! Die Welt soll für alle Lebewesen ein gutes Leben in einer lebensförderlichen und sicheren Umwelt ermöglichen. Deshalb bleibt Gott zugewandt präsent, auch in, durch und nach der Sintflut! All das ist zwar in Exegese und Bibelpastoral längst erkannt, in Diskussionen aber ist immer wieder hörbar, dass Gen 1 und andere Texte wie normative Aussagen zitiert werden. Wie geht das Forum IV mit den biblischen Texten und der traditionellen Argumentationsstruktur um?

Beispiele aus dem Grundtext des Forums IV "Leben in gelingenden Beziehungen"

Das Forum IV hat in seinem Grundtext einen eigenen Abschnitt "Urteilen im Licht biblischer Verheißung" benannt. Hier und in vielen weiteren Passagen werden biblische Texte zitiert, die ermutigen, die menschliche Sexualität als Teil Gottes guter Schöpfung zu sehen, die es zu genießen gilt. Grundlegend gilt für alle Abschnitte diese Grundthese des Dokumentes:

"Als Gottes Ebenbild besitzt jeder Mensch eine unveräußerliche Würde. Sie stellt alle Menschen auf die gleiche Stufe, unabhängig von sexueller oder geschlechtlicher Identität, von Alter oder Beziehungsstatus. Jeder Mensch ist um seiner selbst willen da und um seiner selbst willen von Gott geliebt." (A.4.1.)

Das Forum IV hat sich zur Aufgabe gemacht, Erkenntnisse der Bibelwissenschaft und anderer theologischer Disziplinen mit Ergebnissen aus den Humanwissenschaften ins Gespräch zu bringen und über Beziehungen und Sexualität nicht in einer "Verbotssprache", sondern positiv bestärkend so zu sprechen, dass Vielfalt und die Kraft des sexuellen Begehrens auch positiv gewürdigt werden können. Das wird an unterschiedlichen Stellen sehr deutlich (vgl. z. B. A.3.1):

"In der Unterschiedlichkeit der Geschlechter liegt die göttliche Idee von Vielfalt, Ergänzung, Hilfe und wechselseitiger Freude aneinander. Im Gelingen menschlicher Beziehungen und in ihrer Teilnahme an der Liebe Gottes liegt der Weg zum Glück und zu Gott selbst. Deshalb segnet Gott die Menschen, schenkt ihnen die Gabe der Fruchtbarkeit und sorgt für ein Gegenüber gegen die Einsamkeit. Die Menschen erfreuen sich aneinander ohne Scham und als ebenbürtige Partner (vgl. Gen 1,28; 2,18.24f.). Natürlich wussten auch die antiken Schreiber der Bibel, dass dieser ideale, ja paradiesische Zustand nicht mehr der erlebten Realität entspricht. Ihre Erklärung für die Gebrochenheit aller unserer vielfältigen Liebes-, Freundschafts-, familiären und anderen Beziehungen, für all die Verletzungen, Abwertungen und Gewalttaten verdichten sie in der Erzählung vom sogenannten "Sündenfall" (ab Gen 3,1). Die biblischen Autoren beschreiben die Unvollkommenheiten in unseren Beziehungen zueinander und zur Welt als Folgen des Essens vom Baum der Erkenntnis. Ihre Botschaft lautet: Jede Beziehung in unserer nachparadiesischen Welt ist der Gefahr des Misslingens ausgesetzt. Gleichzeitig zeigen sie Wege zum Gelingen auf."

Bild: ©dpa/Patrick Pleul

Mit einer Scheidung endet die Ehe. Wer kirchlich verheiratet ist, kann sich allerdings nur zivilrechtlich scheiden lassen, da die Ehe nach kirchlicher Lehre unauflöslich ist.

Das Forum arbeitet noch an den Texten. So ist aktuell im Text zwar sehr deutlich bereits benannt, dass die Institution Ehe in der Antike eine klare Schutzfunktion für Kinder hat und daher sozial und theologisch so nachdrücklich gestützt wurde. Heute ist dieser Schutz über andere Systeme möglich, so dass Kinder gut ins Leben begleitet werden können, sollte eine Ehe zerbrechen (vgl. A.3.2.). Ein weiterer Aspekt fehlt noch im Grundtext an dieser Stelle: der Schutz der Frauen. Witwen oder gar aus der Ehe entlassene Frauen der meisten sozialen Schichten waren in ihrer sozialen Existenz bedroht, daher schützte die Unauflöslichkeit der Ehe auch die Frauen. Diese Schutzfunktion übernimmt heute – zumindest in Deutschland – die staatliche Gesetzgebung. Die bekannten Perikopen zur Ehescheidung aus den Evangelien werden heute zumeist in dieser Perspektive interpretiert.

Gerade von diesem Forum wäre vielleicht noch über den Grundtext hinaus ein zusätzlicher Ort zu schaffen, der eine ausführliche Argumentationshilfe leisten kann in Diskussionen zu Ehe und Ehebruch, zur Scheidung, zur Abwertung homosexueller Beziehungen, zur Kinderlosigkeit, zum Scheitern von Beziehungen und schließlich auch von Texten, die von sexueller Gewalt erzählen. Gerade hier wäre eine einfach zugängliche kritische Bewertung all der biblischen Texte noch zu erstellen, die immer wieder gegen Menschen und ihre freie und verantwortliche Persön-lichkeitsentfaltung verwandt wurden.

Nimmt man sowohl die Bibel, den Schmerz der lange Ausgegrenzten (z. B. homosexueller Menschen) als auch die kirchlichen Schuldbekenntnisse ernst, sollte das unbe-dingt noch geschehen.
Insgesamt lassen alle bisher bekannten Texte des Synodalen Weges aufhorchen. Sie stiften Hoffnung auf einen endlich adäquaten Umgang mit der Bibel, diesem Schatz an Erfahrung und göttlicher Offenbarung, für eine zeitgemäße, menschenfreundliche kirchliche Lehre und Praxis.

Von Katrin Brockmöller

Katrin Brockmöller ist Alttestamentlerin und geschäftsführende Direktorin des Katholischen Bibelwerks e.V. Sie arbeitet in Forum IV des Synodalen Wegs mit ("Leben in gelingenden Beziehungen").

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift Bibel und Kirche. Die Themenhefte Bibel und Kirche erscheinen viermal im Jahr und informieren über aktuelle Forschungsdiskussionen, spannende kirchliche Entwicklungen und neue pastorale Möglichkeiten mit der Bibel.