Segnung eines homosexuellen Paars
Ein Gastbeitrag des Kommunikationsberaters Erik Flügge

Segnungen homosexueller Paare: Den lauten Protest auslaufen lassen

Debatte - Der Protest gegen das Vatikan-Veto zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare habe schon jetzt alles erreicht, resümiert der Kommunikationsberater Erik Flügge. Doch er könne nur Rückenwind geben, wenn er nicht weiter eskaliert. Daher müsse nun die Devise gelten: Runter vom Baum!

Von Erik Flügge |  Bochum - 08.05.2021

In den letzten Wochen haben sehr, sehr viele katholische Christen deutlich gemacht, wo sie stehen. Ich bin einer von ihnen. Ich gehöre zu denen, die unmissverständlich sagen: Das Verbot der Segnung homosexueller Partnerschaften durch die Glaubenskongregation widerspricht dem Wissensstand unserer Zeit über die Bibel, ignoriert theologische Forschung zu diesem Thema und humanwissenschaftliche Erkenntnisse über die Natur des Menschen und damit über die Natur der Schöpfung.

Hunderte von Gott berufene Priester lehnen sich namentlich auf gegen Rom. Tausende pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ebenso. Sie alle sagen, ihr Glaube, ihr Gewissen und ihre Berufung gebieten ihnen diesen Widerspruch. Tausende katholische Kirchenmitglieder haben in sozialen Netzwerken klar zum Ausdruck gebracht, dass ihr Glaube sie lehrt, dass Gott die Liebe zweier gleichberechtigter Menschen segnen will und dass die Kirche daher jedes Recht hat, um diesen Segen zu bitten.

Zeichen einer sich erneuernden Kirche

An Kirchtürmen wurden hundertfach von Gemeindemitgliedern Regenbogenflaggen gehisst. Über 200 Theologieprofessoren wiesen das Schreiben der Glaubenskongregation zurück. Bischöfe in mehreren Ländern stellen sich gegen Rom. In Belgien gleich die gesamte Bischofskonferenz.

Das alles sind wundervolle, starke Zeichen einer sich erneuernden Kirche, die den Glauben an Gott und die Freiheit des Menschen von Zwang nicht im Widerspruch zueinander sieht. Was spontan mit einer Unterschriftenliste zweier Priester an der einen Stelle und mit dem Hissen einer riesigen Regenbogenflagge in St. Agnes in Köln an der anderen Stelle begann, ist zu einer großen Bewegung geworden.

Der Kommunikationsberater Erik Flügge im Portrait

Der Kommunikationsberater Erik Flügge unterrichtet Kommunikation im Studiengang "Crossmediale Glaubenskommunikation" an der Ruhruniversität Bochum.

Und jetzt? Jetzt stellt sich die Frage jeder Protestbewegung: Wie machen wir weiter? Was könnte das nächste Zeichen sein? Wie erhöhen wir den Druck? Was kommt nach den jetzt schon so umstrittenen Segnungsgottesdiensten noch obendrauf? Es tut mir leid, aber in unserem Fall ist dies die falsche Frage. Die Richtige ist, sich zu fragen, wie man jetzt langsam wieder runter vom Baum kommt.

Ich unterrichte Kampagnenstrategie an der Universität Bochum im Studiengang für crossmediale Glaubenskommunikation und leite eine Kampagnenagentur in Köln. Einer der Grundsätze jeder guten Kampagne heißt: "Wisse, was du gewinnen kannst und hör auf, wenn du es erreicht hast. Sonst wird’s peinlich!" Nun haben wir es hier nicht mit einer zentral geführten Kampagne zu tun, sondern mit einer Bewegung aus vielen Einzelteilen. Auch wenn niemand sie steuert oder steuern kann, so folgt sie doch den gleichen Mechaniken wie jede große Kommunikation. Wir alle müssen uns gemeinsam die Frage stellen: Was konnten wir überhaupt gewinnen?

Wir haben mit diesem gigantischen Protest jetzt schon alles erreicht:

  • Die Auflehnung tausender Kirchenmitglieder hat Rom gezeigt, dass diese Position der Glaubenskongregation in der Kirche an vielen Orten nicht mehr geglaubt wird. Ein echter Autoritätsverlust.
  • Die Auflehnung hunderter Priester hat Rom gezeigt, dass auch der Klerus in Deutschland der Glaubenskongregation widerspricht. Ein noch größerer Autoritätsverlust.
  • Die Auflehnung tausender Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirche in Deutschland hat Rom gezeigt, dass diese Konfrontation systemsprengendes Potential hat.
  • Die Auflehnung von 200 Theologieprofessoren hat Rom gezeigt, dass ihnen die argumentative Basis abhanden kommt.

Ein radikaler werdender Protest wird erzwingen, dass man sich von ihm abgrenzt. Ein zur Ruhe kommender hingegen ist ein starkes Argument in Rom.

Zitat: Erik Flügge

Für diejenigen deutschen Bischöfe, die auch eine Änderung der Lehre wollen, gibt dieser Protest Rückenwind – allerdings nur, wenn er jetzt nicht weiter eskaliert. Ein radikaler werdender Protest wird erzwingen, dass man sich von ihm abgrenzt. Ein zur Ruhe kommender hingegen ist ein starkes Argument in Rom. Dieses Argument lautet ganz simpel: Wir wollen dieses Feuer nicht wieder anfachen. Das versteht man auch in Rom.

Dieses Argument ist stark, weil es auch für jeden Römer aufzeigt, dass alle Versuche, die eigene Position in der Frage der Segnungen Homosexueller per Anweisung durchzusetzen, so viel Schaden anrichten würde, dass es klüger ist, die Kirche in Deutschland weiter im Graubereich gewähren zu lassen – und das schöne für uns hier vor Ort, dieser Graubereich kann nun sogar ein bisschen heller ausgeleuchtet werden. Die Angst ist weg. Denn eines, was die große Öffentlichkeit nun erfahren hat, ist in Rom und in den deutschen Diözesen allen klar: Segnungen homosexueller Paare durch katholische Geistliche gibt es schon lange und es wird sie weiterhin geben. Das Ergebnis des Protestes wird niemals sein, dass Rom nun in einem Akt der Einsicht die soeben erfolgte Positionierung der Glaubenskongregation abändert. Das wäre der noch schlimmere Autoritätsverlust für Rom.

Freiraum der Koexistenz in wechselseitiger Skepsis

Demnach ist der einzig mögliche Gewinn dieser Protestbewegung, dass dem klaren Nein zur Segnung homosexueller Paare aus Rom ein noch lauteres Nein der deutschen Katholiken entgegenschallte. Ein Nein, das einen Freiraum der Koexistenz in wechselseitiger Skepsis ermöglicht. Freiraum dadurch, dass Rom mit Blick auf die deutschen Katholiken die Augen verdreht und schweigt und Freiraum dadurch, dass die deutschen Katholiken ihren Synodalen Weg weitergehen und Lösungen suchen, die die katholische Kirche hierzulande zusammenhalten können.

Deshalb ist die Devise der Stunde: Den lauten, öffentlichen Protest langsam auslaufen lassen, statt immer weiter zu steigern. Es gilt, zurück an den Tisch des synodalen Wegs zu gehen. Auch wenn dort das zähe katholischen Ringen um kleine Fortschritte herrscht, so ist doch genau dies die Arbeit, die sich nachhaltig lohnt und langsam in kleinen Schritten auch die Kirche verändert.

Von Erik Flügge

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