Verantwortung statt Impfpflicht?

Die Corona-Regeln des Vatikan für den Winter

Aktualisiert am 28.11.2021  –  Lesedauer: 

Vatikanstadt ‐ Bislang setzte der Vatikan in Sachen Covid-Schutz eher auf Verantwortungsgefühl statt auf eine Impfpflicht. In Einzelfällen wird allerdings hart durchgegriffen: Vor allem die Schweizergarde bekam den schärferen Wind bereits zu spüren.

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In etlichen europäischen Staaten wird angesichts der anhaltenden Pandemie über die Einführung einer allgemeinen Impfpflicht diskutiert. Österreich hat sich bereits dafür entschieden, Deutschland könnte folgen. Der Vatikan indes hat schon vor Wochen ein verschärftes Regelwerk beschlossen, um den Winter möglichst unbeschadet zu überstehen.

Per Dekret führte das vatikanische Governatorat den sogenannten Green Pass als verpflichtende Zugangsvoraussetzung ein. Die Regelung trat zum 1. Oktober in Kraft und sieht vor, dass alle Mitarbeiter und Besucher mindestens einmal gegen Covid-19 geimpft, getestet oder von der Krankheit genesen sein müssen. Das entspricht in etwa der sogenannten 3G-Regel.

Die Vorschrift betrifft das Territorium des Vatikanstaates sowie alle exterritorialen Einrichtungen in der Stadt Rom sowie in Castel Gandolfo. Ausgenommen sind Gottesdienstteilnehmer und Besucher der Generalaudienz mit dem Papst – allerdings nur für die Dauer der jeweiligen Zeremonie.

Kein Gehalt für Vatikanbeschäftigte ohne "Green Pass"

Ergänzt wurden die Bestimmungen durch ein weiteres Dekret von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin. Basierte die vatikanische Impfkampagne anfangs ausdrücklich auf Freiwilligkeit, so sind die Zügel inzwischen straff angezogen: Eigene Angestellte und externe Dienstleister, die keinen Green Pass vorweisen können, dürfen nicht mehr zur Arbeit kommen, gelten als unentschuldigt abwesend und bekommen entsprechend kein Arbeitsentgelt.

Die Überprüfung obliegt der jeweils zuständigen Abteilung. Zu Alternativlösungen wie Homeoffice werden in dem Erlass keine Angaben gemacht. Eine Kostenübernahme für Corona-Tests ist nicht vorgesehen. Damit hat der Druck auf die Impfunwilligen innerhalb der vatikanischen Mauern erheblich zugenommen. In einigen Fällen kam es zu Versetzungen und Kündigungen. Von einer "Impfpflicht" wollen die Verantwortlichen dennoch nicht sprechen. Man setze vielmehr auf das Verantwortungsgefühl eines jeden Einzelnen, heißt es.

Bild: ©KNA/Cristian Gennari/Romano Siciliani

Auch für die Schweizergarde gilt die Regelung: Wer keinen Greenpass vorweisen kann, darf seinen Dienst im Vatikan nicht antreten. Die Maßnahme orientiere sich an den Regeln anderer Militäreinheiten weltweit, sagt der Garde-Sprecher.

Etliche Beschäftigte – genaue Zahlen sind öffentlich nicht bekannt – hatten sich bis zum Inkrafttreten der Regelverschärfung erfolgreich vor einer Immunisierung gedrückt. Manche ließen sich durch ein ärztliches Attest die Impfunfähigkeit bescheinigen. Auch in solchen Situationen wird nun genauer hingesehen.

Die Päpstliche Schweizergarde bekam den schärferen Wind in Sachen Seuchenschutz bereits zu spüren. Drei Gardisten kamen der Aufforderung zum Impfen nicht nach und verließen das Korps – angeblich freiwillig. Drei weitere wurden vorübergehend vom Dienst suspendiert. Es handele sich um eine Maßnahme, die sich an den Regeln anderer Militäreinheiten weltweit orientiere, teilte Garde-Sprecher Urs Breitenmoser mit. Es gehe darum, die Gesundheit der Soldaten und die ihrer Kontaktpersonen zu schützen.

Ex-Gardist: Papstgehorsam nur zu Befehlen, die "ich sie verstehe"

Die Entlassenen sehen das anders. "Nie hätte ich gedacht, dass die katholische Kirche und ihr Oberhaupt höchstpersönlich auf diese Weise handeln könnten", sagte Ex-Gardist Samuele Menghini kürzlich der Schweizer Zeitschrift "L'illustre". "Wir wurden ohne die geringste Rücksicht von einer Institution gefeuert, die die Solidarität unter den Menschen und den Respekt vor Minderheiten propagiert", klagt der 25-Jährige. Er sei "sehr enttäuscht, schockiert und wütend".

Den Vorwurf, er habe seinen Eid auf den Papst verletzt, weist Menghini zurück: "Ich habe geschworen, dem Pontifex zu gehorchen und ihm treu zu dienen – sofern die Befehle, die mir erteilt werden, logisch sind und ich sie verstehe." Man habe ihm schlicht gesagt: "Du impfst dich oder du gehst." Zu einer Impfung sei er aber wegen möglicher Risiken und Nebenwirkungen nicht bereit gewesen.

Sollte künftig in den übrigen Einrichtungen des Vatikan ähnlich verfahren werden, dürften weitere Bedienstete vor ihrem Ausschluss stehen. Bisher jedoch berichten die weitaus meisten Angestellten nicht über gravierende Einschränkungen oder eine allzu strenge Überwachung.

Von Alexander Pitz (KNA)