Fixierung auf Lehramt beruhe auf Neuerfindung im 19. Jahrhundert

Fundamentaltheologe: Kirche ist Gefangene des eigenen Systems

Aktualisiert am 28.11.2021  –  Lesedauer: 

Mainz ‐ Offenbarung als übernatürliches Wissen, unfehlbares Lehramt? Für den Fundamentaltheologen Oliver Wintzek entstammen diese Vorstellungen einer Neuerfindnung des Katholizismus im 19. Jahrhundert – mit problematischen Auswirkungen bis heute.

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Nach Ansicht des Mainzer Fundamentaltheologen Oliver Wintzek hat die katholische Kirche kaum Chancen auf Erneuerung, wenn sie ihre Fixierung auf ein vermeintlich unveränderliches Lehramt nicht hinterfragt. Die Vorstellung eines unfehlbaren Lehramts sei das Produkt einer "Neuerfindung des Katholizismus", mit dem sich die Kirche im 19. Jahrhundert gegen politische und theologische Infragestellungen zur Wehr gesetzt habe, schrieb Wintzek am Samstag auf dem Onlineportal "feinschwarz.net". Wegen der damaligen Festlegungen verfüge der Katholizismus "über keine auf Partizipation basierenden Kontrollmechanismen in struktureller wie inhaltlicher Hinsicht. Er ist Gefangener seines eigenen Systems", so der Theologe und Priester.

Als epochalen Einschnitt im Selbstverständnis der Kirche markiert Wintzek das Jahr 1870, in dessen Folge Frankreich zu einem laizistischen Staat umgebaut worden, Deutschland unter preußisch-protestantisch Herrschaft geraten sei und die Päpste den Kirchenstaat eingebüßt hätten. Als Reaktion seien die Kategorien Lehramt und Offenbarung als Bollwerke gegen die Moderne ausgebaut worden: "Die Stacheln eines exklusiv römisch durchherrschten Katholizismus richteten sich nun forciert gegen alles, was als modern und deswegen gottlos galt." Diese Haltung wirke bis in heutige Konflikte etwa im Zusammenhang mit dem Synodalen Weg fort.

Moderne Engführung des Offenbarungs- und Lehramtsverständnisses

In seinem Beitrag legt Wintzek dar, wie göttliche Offenbarung seit dem 19. Jahrhundert zunehmend als "übernatürliches Wissen" interpretiert worden sei, "das sich menschlicher Beurteilung grundsätzlich entzieht", um angesichts des Vormarschs der Naturwissenschaften ein spezifisch kirchliches Wissen aufrecht erhalten zu können. Gleiches gelte für das Unfehlbarkeitsdogma und die damit verbundene Zentralisierung lehramtlicher Macht. Mit der Engführung des Offenbarungs- und Lehramtsverständnisses sei "die prinzipielle Unkontrollierbarkeit in formaler wie inhaltlicher Hinsicht zum System geworden – und das gilt bis heute, wo formuliert wird, die Kirche habe keine Vollmacht … Nur woher weiß sie das und wer entscheidet das?", schließt der Fundamentaltheologe.

Oliver Wintzek studierte in Freiburg, Jerusalem und Rom und habilitierte sich an der Universität Freiburg im Fach Fundamentaltheologie. Seit 2020 ist er Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Katholischen Hochschule Mainz. Zusätzlich arbeitet er als Kooperator an der Mannheimer Jesuitenkirche. (mfi)