Das Attentat auf dem Breitscheidplatz jährt sich zum fünften Mal

"Schrecklich still": Der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt

Aktualisiert am 19.12.2021  –  Lesedauer: 
Bild: © KNA/Markus Nowak
#jetzthoffnungschenken

Bonn ‐ Vor fünf Jahren fuhr der Attentäter Anis Amri im LKW in den Weihnachtsmarkt vor der Berliner Gedächtniskirche. Zwölf Menschen starben in dieser Nacht. Ein Trauma, dessen Verarbeitung Betroffenen bis heute schwerfällt.

  • Teilen:

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Die Namen sind in die Stufen eingelassen, die zum Eingang der Berliner Gedächtniskirche hinaufführen. Dalia Elyakim steht da zum Beispiel, eine Israelin, die mit Anfang 60 auf dem Weihnachtsmarkt starb. Kleine Steine liegen auf dem Treppenabsatz wie auf einem Grabstein, im Judentum wird auf diese Weise der Toten gedacht. Daneben brennen rote Grablichter, Rosen leuchten weiß vor grauen Stufen.

Auch der Name "Christoph Herrlich" ist in den Beton geschrieben. Der Mann lacht auf seinem Foto dem Betrachter freundlich ins Gesicht. Die aufgestellten Bilder sollen an die zwölf Ermordeten dieser Nacht erinnern. Vor ein paar Wochen gab es ein 13. Todesopfer – ein Ersthelfer starb an seinen Verletzungen.

Fünf Jahre ist es her, dass der islamistische Terrorist Anis Amri mit einem Lkw auf den Weihnachtsmarkt raste und zahlreiche Menschen überfuhr. Etwa 70 wurden schwer verletzt. Im Dezember 2021 ist die Gedenkstätte ein Ort der Ruhe, mitten im Weihnachtsmarkt, von dem Bratwurstgeruch herüberweht und weihnachtlicher Chorgesang.

"Was damals passiert ist, begleitet seither mein Leben"

Der Pfarrer der Gedächtniskirche, Martin Germer, war kurz nach dem Anschlag gegen 20 Uhr vor Ort – um zuzuhören und da zu sein. Er bleibt oft an dem Mahnmal stehen, das mit den Worten "Für ein friedliches Miteinander aller Menschen" übertitelt ist.

Germer betrachtet das Bild von Christoph Herrlich und sagt, während er auf eines der umliegenden Hochhäuser deutet: "Herr Herrlich hat hier am Breitscheidplatz als Anwalt gearbeitet. Er war mit einer Kollegin auf dem Weihnachtsmarkt. Die Kollegin hat er noch schnell weggeschubst und ist dann selbst von dem LkW erfasst worden", erzählt der evangelische Geistliche. Dass dabei seine Stimme bricht, seine Augen feucht werden – "das ist eben so, das verschwindet auch nicht. Das, was damals passiert ist, begleitet seither mein Leben", sagt er. "Es wird immer ein Teil davon sein."

Spaltung der Gesellschaft? Ganz im Gegenteil

Ein Trost ist für den Seelsorger, dass das, was mit dem Anschlag beabsichtigt war – die Spaltung der Gesellschaft – von dem Attentäter nicht erreicht wurde. "Sondern im Gegenteil", sagt der 65-Jährige. Der Ort sei "ein Gegenakzent gegen alles, was Menschen in Schubladen einteilt". Seine Beziehungen zur islamischen Gemeinschaft etwa hätten sich seitdem deutlich verbessert – man suche wechselseitig die Zusammenarbeit. Entsprechend ist zum Jahrestag ein interreligiöser Gedenkgottesdienst geplant, bei dem neben dem evangelischen Bischof Christian Stäblein und dem katholischen Erzbischof Heiner Koch auch Rabbiner Andreas Nachama und Imam Kadir Sanci vertreten sind.

Bild: ©dpa/Bernd von Jutrczenka (Archivbild)

Der 19. Dezember 2016: ein Tag, der das Leben vieler Menschen für immer veränderte.

Auch Ersthelfer Gerhard Zawatzki ist dazu eingeladen, der damals mit Bekannten aus München auf dem Weihnachtsmarkt war. "Es war erst ein lustiger Abend", erzählt er. "Ich habe mich gut amüsiert." Irgendwann gingen sie zusammen die paar Stufen zur Gedächtniskirche hoch, die mitten im Weihnachtsmarkt liegt. "Und nur Sekunden später sahen wir den Lastwagen durchfahren." In Panik flüchteten zahlreiche Menschen die Stufen hoch. Zawatzki und seine Freunde blieben weitgehend unverletzt.

Dann kam die Stille. Und die Dunkelheit. "Es war alles weg, die Musik, die Lichter. Und es schrie auch niemand. Es war schrecklich still", erzählt Zawatzki. Da er in seiner Jugend als Rettungssanitäter gearbeitet hatte, war für ihn sofort klar, dass er den Verletzten helfen musste. "Für mich war das eine innere Verpflichtung – auch als Christ", sagt der Katholik. Etwas Besonderes ist es für ihn nicht, was er geleistet hat.

"Das beschäftigt mich immer noch"

Dabei hat das Geschehene ihn nachhaltig mitgenommen. Der Anschlag in Barcelona 2017 führte bei ihm zu einem "Flashback" - "ich konnte kaum noch das Haus verlassen, hatte Angstzustände." Traumatisiert sei er immer noch, sagt der gelernte IT-Fachmann, trotz therapeutischer Behandlung.

Besonders, wenn es auf Weihnachten und damit auf den Jahrestag zugeht, kommen bei ihm die Erinnerungen hoch. "Es ist schön, dass ich einem Schwerverletzten helfen konnte", sagt der 57-jährige. "Er lebt und hat seine Familie. Und seine Familie hat ihn. Aber furchtbar ist, dass ich einer jungen Frau nicht mehr helfen konnte. Ich musste ihr beim Sterben zusehen. Das beschäftigt mich immer noch."

Von Nina Schmedding

Die Autorin

Nina Schmedding ist Redakteurin der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Aktion #jetzthoffnungschenken

Die Zahlen sind erschreckend: Jede vierte Person in Deutschland fühlt sich einsam. Und es sind nicht nur ältere Menschen betroffen. Einsamkeit ist ein gesamtgesellschaftliches Problem – unabhängig von Geschlecht, Alter oder Herkunft. Dabei reichen oft nur kleine Gesten wie ein Lächeln, ein freundliches Wort, ein offenes Ohr oder etwas Zeit, um seinem Gegenüber Hoffnung zu schenken. Mit der Aktion #jetzthoffnungschenken will das Katholische Medienhaus in Bonn gemeinsam mit zahlreichen katholischen Bistümern, Hilfswerken, Verbänden und Orden im Advent 2021 einen Beitrag gegen Einsamkeit leisten. Erfahren Sie mehr auf jetzthoffnungschenken.de.