Recht auf Selbstbestimmung sei philosophisch und biblisch geboten

Striet: Liberalisierung der Sexualmoral theologisch unumgänglich

Aktualisiert am 20.12.2021  –  Lesedauer: 

Freiburg ‐ Gleichstellung von Frauen, Umgang mit Homosexualität: Für den Theologen Magnus Striet ist eine Liberalisierung in diesen Feldern unumgänglich – und zwar aus theologischen Gründen: Ein Gott, der Freiheit nicht achtet, dürfe nicht akzeptiert werden.

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Nach Ansicht des Freiburger Fundamentaltheologen Magnus Striet gibt es kein theologisches Argument, das gegen eine Liberalisierung der kirchlichen Sexualmoral spricht. Kern der christlichen Theologie sei es vielmehr, die Rechte derer einzuklagen, denen sie auf dem Feld von Geschlechterverhältnissen und der Akzeptanz von Lebensgemeinschaften nicht selbstverständlich zugestanden würden, schrieb Striet in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Kirche und Schule" des Bistums Münster. Es dürfe "kein Gott akzeptiert werden, der die Freiheit des Menschen und damit das von ihm beanspruchte Recht auf freie Selbstbestimmung nicht achtet", so der Theologe.

Im Zuge der philosophischen Aufklärung sei die Annahme einer vorgegebenen Natur des Menschen überwunden worden. Religiöse Normen, die sich auf ein vermeintlich gottgegebenes Naturrecht beriefen, würden von einer freiheitlich geprägten Gesellschaft deshalb nicht mehr akzeptiert. "Das Recht auf freie Selbstbestimmung wird zum entscheidenden Punkt. Wenn überhaupt der belastete Naturbegriff noch Verwendung finden soll, so hieße dies übersetzt: Sich selbst bestimmen zu dürfen, macht die Natur des Menschen aus", so Striet.

Gleichstellung im Namen Jesu

Aus der Forderung nach Selbstbestimmung resultiere keine moralische Willkür, vielmehr müsse "diskursiv ausgehandelt werden", was "gelten soll". Verloren ginge jedoch die Annahme unveränderlicher Gesellschaftsnormen. So müssten "in einer Kultur, in der Frauen sich selbstbewusst um ihre Mitgestaltungsrechte auf der gesellschaftlichen und politischen Bühne kümmern, Institutionen mit historisch gewordenen, faktisch aber überkommenen Geschlechterstereotypen fast schon notwendig unter Rechtfertigungsdruck geraten." Zu diesen Institutionen gehöre die katholische Kirche mit ihren Konfliktfeldern in der Sexualmoral, schreibt der Theologe weiter.

Neben einer philosophischen Rekonstruktion des modernen Freiheitsverständnisses bezieht sich Striet bei seinen Forderungen ausdrücklich auf biblische Grundlagen: "Biblisches Denken ist nichts anderes, als dass das Projekt Aufklärung auf Dauer gestellt wird". Zwar wisse man nur wenig über den historischen Jesus, aber es gebe "eine, sich durch den Textcorpus des Neuen Testaments ziehende Auskunft, die an Klarheit nichts vermissen lässt", so Striet weiter. Demnach habe Jesus eine "eine möglichst umfassende Gleichstellung in den sozialen Verhältnissen" gewollt und "im Namen des Gottes, der aus der Sklaverei Ägyptens herausführte, eine besondere Sorgfaltspflicht für die Menschen" eingefordert, "die am Rande der Gesellschaft standen und auch noch aus religiösen Gründen stigmatisiert wurden". (mfi)