Die Theologin Margit Eckholt
Worum es in den Synodalforen geht – Forum "Frauen in der Kirche"

Theologin Eckholt: Diskussion um Frauenweihe weltkirchlich einbringen

Diskussionen über die Zulassung von Frauen zur Weihe gibt es schon seit Jahrzehnten. Durch den Austausch beim Synodalen Weg bekämen sie eine neue Qualität, sagt die Dogmatikerin Margit Eckholt im Interview. Aufgabe sei es jetzt, diesen Wissensstand in den weltkirchlichen Prozess einzubringen.

Von Moritz Findeisen |  Osnabrück - 22.09.2021

Margit Eckholt ist theologische Beraterin des Forums III beim Synodalen Weg "Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche". Im Interview spricht die Osnabrücker Dogmatikerin über die Herausforderung, sich über spannungsreiche Themen wie die Frauenweihe auszutauschen, und warum gerade darin die Synodalität der Kirche sichtbar wird. Sie wünscht sich, dass die Gläubigen verbindlich in Entscheidungsfindungsprozesse der Kirche eingebunden werden.

Frage: Frau Eckholt, der Synodale Weg war ursprünglich auf zwei Jahre angelegt, wurde aber um ein Jahr verlängert. Wir befinden uns aktuell also etwa in der Halbzeit. Welche Zwischenbilanz können Sie über die Arbeit im Synodalforum III zur Rolle der Frau in der Kirche ziehen?

Eckholt: Ich bin sehr dankbar für den intensiven, kreativen und sehr spannenden Weg, den wir bisher gehen konnten. Und spannend bedeutet hier natürlich auch spannungsreich, aber gerade das ist ein Zeichen von Synodalität, zu der Franziskus seit Beginn seines Pontifikats einlädt. Bei diesem Spannungspotential, das in unserem Thema steckt, bin ich froh, dass es uns gelungen ist, in unserem Forum Platz für verschiedene Positionen zu schaffen. Und das schlägt sich auch in unseren bisher erarbeiteten Texten nieder.

Frage: Welche zentralen Arbeitsthemen hat sich das Frauenforum dabei gesetzt?

Eckholt: Wir haben im Blick auf unser Forum zunächst drei große Schwerpunkte identifiziert: Das übergeordnete Thema ist Geschlechtergerechtigkeit und Gleichberechtigung mit all seinen Facetten wie etwa die Rezeption der Gender-Theorie und der feministischen Theologie. Daraus leitet sich die Frage nach den Partizipationsmöglichkeiten von Frauen in der Kirche auf unterschiedlichen Ebenen ab. Hier müssen wir fragen, was im Rahmen des geltenden Kirchenrechts schon möglich ist und wo dieses ausgeweitet werden kann und muss. Als weitere Folge dieser Überlegungen haben wir die Frage nach der Teilhabe von Frauen am sakramentalen Amt – und zwar in allen Weihestufen des Diakonats, des Priester- und des Bischofsamtes – identifiziert. Das sind natürlich sehr kontrovers diskutierte Perspektiven, die wir aber unter dem Aspekt der Geschlechtergerechtigkeit nicht ausklammern können und die wir auch in die weltkirchliche Diskussion einbringen wollen.

Frage: Sie spielen auf den Handlungstext "Austausch theologischer Argumentationen in weltkirchlichen Kontexten" an, den Ihr Forum bei der kommenden Synodalversammlung zur Diskussion stellt. Worum geht es dabei?

Eckholt: Wir erfahren auf unserem synodalen Weg eine sehr große Offenheit, die sicherlich so nicht überall in der Weltkirche gegeben ist. Wir können in einer offenen Art und Weise etwa über die Verbindlichkeit von "Ordinatio sacerdotalis" diskutieren, das ist nicht selbstverständlich in anderen Ortskirchen auf der Welt. Deshalb ist es uns ein großes Anliegen, die Art und Weise, wie wir uns mit der Frage nach der Zulassung von Frauen zum sakramentalen Amt auseinandersetzen, in die weltkirchliche Diskussion einzubringen. Es wird vermutlich am Ende unserer Arbeit keine Abstimmung stehen: Frauenweihe ja oder nein. Aber wir wollen einen Überblick über die theologischen Perspektiven geben, die aus meiner Sicht als Theologin deutlich mehr Spielraum bieten, als bisher umgesetzt wird. Im Blick auf den Frauendiakonat können wir zum Beispiel an ein entsprechendes Votum der Würzburger Synode anknüpfen, die schon 1975 im Sinne eines "consensus fidelium" für die Öffnung dieses sakramentalen Amtes für Frauen plädiert hat.

Blick in den Synodensaal in Würzburg 1974.
Bild: © KNA

In Deutschland fand schon einmal eine großangelegte Versammlung statt, die sich der Neuverordnung der Kirche in der Moderne verschrieben hatte: die sogenannte Würzburger Synode von 1971 bis 1975.

Frage: Mit "Ordinatio sacerdotalis" hat Papst Johannes Paul II. die Weihe der Frau 1994 verbindlich ausgeschlossen – jedenfalls wurde das von der Glaubenskongregation so interpretiert. Wie lässt sich dieser Widerspruch zum von Ihnen erwähnten "consensus fidelium", also dem gemeinsamen Glaubenssinn der Gläubigen, auflösen? Ist dieser Glaubenssinn nur dann katholisch, wenn er dem katholischen Lehramt folgt?

Eckholt: Ich würde hier die Argumentationspflicht genau umkehren: Das Lehramt steht auch im Dienste des gläubigen Gottesvolkes und wir haben in der Geschichte immer wieder Beispiele erlebt, wo das Lehramt den Gläubigen gefolgt ist – etwa im Fall der Dogmen über die Empfängnis und Himmelfahrt Marias. Hier wurden lehramtliche Entscheidungen getroffen, die über lange Zeit im Glaubensgut der Menschen vorbereitet und prägend waren. Frauen haben in der Geschichte die Berufung zum sakramentalen Amt erfahren und erfahren sie heute; fehlende Gleichberechtigung widerspricht den biblischen Texten, in denen von der gleichen Würde von Männern und Frauen die Rede ist. Ich hoffe natürlich nicht, dass im Blick auf die Frauen ebenfalls noch mehrere Jahrhunderte nötig sind, aber diese Beispiele zeigen, dass es möglich ist.

Tradition ist immer lebendige Tradition. Auch wenn die Aussage von "Ordinatio sacerdotalis" eine hohe lehramtliche Verbindlichkeit hat, so bleibt es in der Verantwortung theologischer Arbeit, die dogmatische Tradition auch auf dem Hintergrund des Glaubenssinns und menschlicher Erfahrungen, der "Zeichen der Zeit" und der gesellschaftlich-pastoralen Entwicklungen zu erschließen. Der übernatürliche Glaubenssinn des Gottesvolkes ist ein Potenzial, an dessen Entfaltung wir in der Kirche weiter arbeiten müssen, damit ihr Wesen als Gemeinschaft der Glaubenden noch deutlicher wird.

Frage: Die anderen Foren haben für die anstehende Synodalversammlung jeweils einen Grundtext vorgelegt, nur das Forum III zu den Frauen noch nicht. Woran liegt das? Besteht hier bisher kein ausreichender Konsens?

Eckholt: Nein, es liegen für den Inhalt des Grundtextes schon viele Bausteine vor, aber wir haben entschieden, den Text erst bei der Versammlung im Frühjahr nächsten Jahres vorzulegen. Wir werden dazu in diesem Herbst innerhalb des Forums die verschiedenen Teile für den Grundtext verabschieden. Wir haben uns im Frauenforum schon sehr früh entschieden, dass wir unsere Texte nicht von einer kleinen Gruppe von theologischen Expertinnen und Experten schreiben lassen wollen, sondern dass wirklich alle Forumsmitglieder eingeladen sind, sich sehr aktiv an der Entstehung der Texte zu beteiligen. Uns war im Sinne der Synodalität wichtig, dass wir gut aufeinander hören, dass wir die verschiedenen Positionen differenziert austauschen und dass wir uns auch Zeit nehmen, uns mit anderen Positionen wirklich auseinanderzusetzen – so wie es Papst Franziskus in seiner Einladung zum synodalen Weg in der Weltkirche formuliert hat.

Wenn von einem je eigenen Wesen und einem spezifischen kirchlichen Auftrag 'der' Frau oder 'des' Mannes gesprochen wird, ist das sehr ungeschichtlich und wird nicht den lebendigen Erfahrungsbezügen von Menschen gerecht.

Zitat: Margit Eckholt

Frage: In den Arbeitstexten Ihres Forums wird nicht nur die sogenannte "Frauenfrage" thematisiert, sondern auch für die Weiterentwicklung einer modernen Anthropologie plädiert. Was ist damit gemeint?

Eckholt: Die theologische Anthropologie umfasst ja die Lehre des ganzen Menschen in seiner Geschöpflichkeit und seiner Bezogenheit auf Gott. Und hier geht es darum, dass wir neue Perspektiven der Gender-Studies einbringen – auch im weltkirchlichen Kontext –, die gerade nicht von einer spezifischen "Theologie der Frau" sprechen, wie es in lehramtlichen Texten immer wieder heißt. Wenn von einem je eigenen Wesen und einem spezifischen kirchlichen Auftrag "der" Frau oder "des" Mannes gesprochen wird, ist das sehr ungeschichtlich und wird nicht den lebendigen Erfahrungsbezügen von Menschen gerecht.

Demgegenüber versuchen wir angesichts gesellschaftlicher Veränderungen und der großen Schere, die sich hier zu den lehramtlichen Äußerungen aufgetan hat, neue Forschungsergebnisse in die Diskussion einzubringen und uns für eine umfassende Anthropologie jenseits der vorherrschenden Geschlechterpolarität stark zu machen. Im Hintergrund dazu steht auch das biblische Diktum aus Galater 3,28: In Christus gibt es keine Unterschiede, nicht männlich, nicht weiblich. Das heißt in der Gottebenbildlichkeit ist die gleiche und gemeinsame Würde von Männern und Frauen, also aller Menschen grundgelegt.

Frage: Sie haben vorhin die Würzburger Synode erwähnt, die bereits in den Siebziger-Jahren ein Votum für den Zugang von Frauen zum sakramentalen Amt abgegeben hat. Solche Vorstöße gab es seitdem immer wieder – zuletzt etwa bei der Amazonas-Synode, worauf Papst Franziskus aber nicht eingegangen ist. Woher nehmen Sie die Hoffnung, dass es dieses Mal anders ausgehen könnte?

Eckholt: Hoffnung gibt mir, dass Papst Franziskus immer wieder betont – auch in den Vorbereitungstexten für den weltweiten synodalen Prozess und in seinen jüngsten Äußerungen dazu –, dass die Stimmen aus dem gesamten Volk Gottes gehört werden müssen. Und er nennt dabei ganz ausdrücklich auch die Frauen. Die Beteiligung von Frauen an der sakramentalen Struktur der Kirche ist ein so drängendes Zeichen der Zeit, dass die Kirche nicht darum herumkommen wird, sich weiter zu öffnen. Meine Hoffnung ist, dass die solide theologische Diskussionsgrundlage, die wir seit Jahrzehnten entwickelt haben und die auch das aktuelle Synodalforum auszeichnet, von den Verantwortungsträgern tatsächlich wahrgenommen und nicht einfach beiseitegeschoben wird.

Margit Eckholt

Margit Eckholt ist Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie am Institut für katholische Theologie der Universität Osnabrück.

Die Fragen nach Geschlechtergerechtigkeit und Gleichberechtigung sind ja nicht einfach nur Fragen des jetzigen dritten Jahrtausends, sondern sie sind auch schon beim Zweiten Vatikanischen Konzil auf dem Tisch gewesen. Und die Texte "Inter insigniores" und "Ordinatio sacerdotalis" wurden verfasst, weil die Diskussionen immer stärker geworden sind. Und nicht nur bei uns, sondern auch in den Kirchen der Reformation und der altkatholischen Kirche. Deshalb ist für den Synodalen Weg auch der ökumenische Austausch so wichtig. Wir haben die Verpflichtung, diese Frage weiter offen zu halten. In diesem Zusammenhang formulieren wir auch, dass letztlich nicht der Zugang von Frauen zu den Ämtern begründungspflichtig ist, sondern ihr Ausschluss.

Frage: In den verschiedenen evangelischen Landeskirchen hat sich die Zulassung von Frauen zum Pfarramt ab den Siebziger-Jahren durchgesetzt, bei den Altkatholiken wurde die Frauenweihe erst in den Neunzigern eingeführt. Wie erklären Sie sich, dass es offensichtlich auch in den anderen Konfessionen eine große Zurückhaltung bei dem Thema gab, obwohl sie dogmatisch da ja sehr viel mehr Spielraum hatten als die katholische Kirche?

Eckholt: Das hat mit gesellschaftlichen Rollen- und Geschlechterbildern zu tun, die ganz tief in unseren Kulturen verankert sind. Das ist etwas, an dem wir ja auch im weltlichen Bereich bis heute noch viel zu arbeiten haben. Und diese Problematik der mangelnden Gleichberechtigung nimmt zu, wenn wir etwa in den osteuropäischen Kontext oder in andere Regionen der Welt schauen. Die Aufarbeitung dieser Rollenbilder muss in der theologischen und philosophischen Anthropologie noch viel stärker vorangetrieben werden, dazu müssen sozial- und kulturwissenschaftliche sowie psychologische Studien einbezogen werden.

Die Entscheidung der altkatholischen Kirche zeigt aber, wie so ein langwieriger Prozess zu einem Ziel führen kann – und der läuft bei uns eben auch. Wir haben bisher zwar noch nicht die kirchenrechtlichen Möglichkeiten, dass die Stimmen der gläubigen Laien in gleichberechtigter Weise eingeholt werden. Aber mit seiner Einladung zu einem weltweiten synodalen Prozess weist Papst Franziskus meiner Meinung nach genau in diese Richtung. Es geht darum, zu einem Konsens des ganzen Volkes Gottes zu kommen.

Das "decision taking", also das Treffen von Entscheidungen, ist nach der sakramentalen Verfasstheit der katholischen Kirche an das Bischofsamt gebunden. Deshalb ist es so wichtig, dem "decision making", also dem Prozess der Entscheidungsfindung und der Einbindung aller Gläubigen darin, mehr Verbindlichkeit und Gewicht zu geben. Es war für mich zum Beispiel nicht nachvollziehbar, warum bei den Beratungen der Familiensynode geweihte Männer abstimmen durften, auch wenn sie keine Bischöfe waren, aber die anwesenden Ordensfrauen nicht.

Von Moritz Findeisen