Eine Kuh im Viehtransporter
"Es gibt kein Grundrecht auf Billigfleisch"

Theologe begrüßt Özdemir-Vorstoß gegen "Ramschpreise" für Lebensmittel

Der neue Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir sagt "Ramschpreisen" für Lebensmittel den Kampf an. Lob erhält der Politiker dafür vom Münsteraner Theologen Rainer Hagencord. Es gebe "kein Grundrecht auf Billigfleisch", so Hagencord.

Berlin/Münster - 27.12.2021

Der Münsteraner Theologe und Zoologe Rainer Hagencord hat die Initiative des neuen Bundeslandwirtschaftsministers Cem Özdemir (Grüne) gegen "Ramschpreise" für Lebensmittel begrüßt. "Man muss es deutlich sagen: Es gibt kein Grundrecht auf Billigfleisch", sagte Hagencord am Montag auf Anfrage von katholisch.de. Den Preis für industriell produzierte und billig angebotene Lebensmittel zahlten die Umwelt und die nachfolgenden Generationen. Billigfleisch etwa sei in Wahrheit überhaupt nicht billig, die Kosten würden nur in die Zukunft verlagert, so der Leiter des Instituts für Theologische Zoologie in Münster.

Scharfe Kritik an Unions-Landwirtschaftsministern seit 2005

Hagencord äußerte seine Wertschätzung dafür, dass Özdemir mit seinem Vorstoß eine 16 Jahre andauernde "unheilige Allianz" des Bundeslandwirtschaftsministeriums mit dem Bauernverband und der Agrarlobby beendet habe. "Die letzte Ministerin, die sich vor Özdemir für nachhaltige Tierhaltung und eine Wertschätzung von Lebensmitteln engagiert und sich dafür auch mit dem Bauernverband und der industriellen Landwirtschaft angelegt hat, war Renate Künast", so der Theologe. Die auf die Grünen-Politikerin folgenden Minister der Union hätten dagegen nur das nachgebetet, was ihnen der Bauernverband aufgeschrieben habe. Von den dadurch seit 2005 zementierten Zuständen in der Lebensmittelproduktion habe lediglich die industriell betriebene Landwirtschaft profitiert.

Özdemir hatte zuvor in der "Bild am Sonntag" gesagt, dass die Preise für Lebensmittel und Agrarprodukte aus seiner Sicht steigen müssten. "Es darf keine Ramschpreise für Lebensmittel mehr geben, sie treiben Bauernhöfe in den Ruin, verhindern mehr Tierwohl, befördern das Artensterben und belasten das Klima. Das will ich ändern", so der Minister. Er wolle, dass die Menschen ihre Lebensmittel genauso wertschätzten wie ihre Autos: "Manchmal habe ich das Gefühl, ein gutes Motoröl ist uns wichtiger als ein gutes Salatöl." Lebensmittel dürften zwar kein Luxusgut werden, der Preis müsse die ökologische Wahrheit jedoch stärker ausdrücken.

Caritasverband: Diskussion ist "politisches Armutszeugnis"

Özdemirs Vorstoß stieß auf ein geteiltes Echo. Der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider, sagte der Zeitung "Die Welt", höhere Auflagen beim Tierwohl würden ohnehin zu höheren Preisen führen. "Bei dieser Spirale, die man dann lostritt, muss man aufpassen, dass die kleinen Bauern nicht hinten runterfallen." Mit Blick auf Sozialhilfeempfänger forderte Schneider, entsprechende Preissteigerungen müssten mit höheren Regelsätzen einhergehen: "Man kann Ökologisches und Soziales nicht trennen. Es geht nur ökosozial, sonst verliert man die Unterstützung der Bevölkerung." Auch die Union erklärte, man werde genau auf die sozialen Auswirkungen achten, denn "nicht jeder kann sich Bio-Produkte leisten", so der Unions-Vizefraktionsvorsitzende Steffen Bilger (CDU).

Der Deutsche Caritasverband erklärte gegenüber katholisch.de, dass die Diskussion um Lebensmittelpreise einmal mehr zeige, dass die Regelsätze für Empfänger von Sozialleistungen falsch kalkuliert und viel zu knapp bemessen seien. "Es sollte selbstverständlich sein, dass sich alle, auch Familien mit wenig Einkommen, mit gesunden Lebensmitteln versorgen können, die fair und umweltschonend produziert werden", sagte eine Sprecherin des Verbands. Dass sich bei der von Özdemir angeregten Diskussion überhaupt die Frage stelle, ob und wie sich arme Haushalte gute Lebensmittel leisten könnten, sei ein "politisches Armutszeugnis". Gerade die Hartz-IV-Regelsätze zwängen ärmere Familien dazu, sich für "Ramsch"-Lebensmittel zu entscheiden. (stz)