Pater Philipp König über das Sonntagsevangelium

Gottes schönstes Wort – für mich!

Aktualisiert am 01.01.2022  –  Lesedauer: 
Ausgelegt!

Frankfurt am Main ‐ Der Johannesprolog ist eine der faszinierendsten, aber auch geheimnisvollsten Stellen der Bibel. Zum Glück aber glaubt niemand für sich allein: Pater Philipp verrät, wie ihm eine kaum des Lesens fähige Frau und eine ostdeutsche Kirche Verstehenszugänge zu diesem "Lied der Anfänge" eröffneten.

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Impuls von Pater Philipp König

Der Johannesprolog ist eine der faszinierendsten Stellen der Bibel. Dieser Text hat zahllose Menschen berührt, Künstlerinnen inspiriert, Gelehrte herausgefordert. Für mich ist er vor allem ein Gedicht, ein Lied der Anfänge! Wie schön, ihn gleich zu Anfang des neuen Jahres zu hören, gerade jetzt, wo so vieles ungewiss ist.

Viel zu abstrakt?

So sehr der Prolog einen schon beim ersten Hören in seinen Bann zieht, so rätselhaft ist er auch. Nicht wenige haben ihre Schwierigkeiten mit den gedanklichen Höhenflügen des Johannes. Was genau bedeuten Begriffe wie: Wort, Leben, Licht, Fleisch? Wirklich zur Gänze verstanden hat den Prolog vermutlich niemand. Ist das nicht alles zu abstrakt, zu abgehoben, zu verkopft?

Zwei persönliche Zugänge

Einmal war ich bei einer Frau zu Hause eingeladen. Die alleinerziehende Mutter lebte mit ihren Kindern in einer winzigen 2-Zimmer-Wohnung. Sie hatte große Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben, trotzdem wünschte sie sich nichts sehnlicher als eine eigene Bibel. Ich brachte ihr eine Bibel mit und ihre Augen strahlten, als sie darin blätterte. Es war, als würde sie eine besondere Stelle suchen, und ich staunte nicht schlecht, als sie genau die Seite mit dem Johannesprolog aufschlug! Mühevoll entzifferte sie ein bestimmtes Wort: "LICHT". Dann sagte sie: "LICHT! Das ist Gottes Wort für mich. Das kann ich lesen und verstehen. Und das reicht mir."

Licht spielt auch in der Propsteikirche Leipzig eine große Rolle. Dort wurde ich zum Priester geweiht und verbrachte meine Zeit als Kaplan. Eine Besonderheit des 2015 errichteten Baus ist das hell leuchtende Bibelfenster von Falk Haberkorn. Wie ein Schaufenster erstreckt es sich horizontal über 22 Meter und präsentiert zur Straße hin in mehreren übereinanderliegenden Schichten den gesamten Text der Heiligen Schrift: Gottes Wort auf der Straße, offen und lesbar für jeden und jede! Auf der Innenseite, zum Kirchenraum hin, ist in riesigen Lettern der Beginn des Johannesprologs zu lesen: "Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott…" Das Fenster ist von innen beleuchtet – eine wunderbare Symbolik: Gottes Wort, das aus sich heraus strahlt und leuchtet, nach innen und nach außen!

Gottes Wort in Person

Die Zugänge zum Johannesprolog sind – wie die zum Glauben allgemein – vielfältig und ganz persönlicher Art. Er regt hochstudierte Leute an und gibt "einfachen" Menschen Hoffnung. Mir persönlich ist "Licht" immer wichtiger geworden. Ein einziges gutes Wort kann wie ein Licht sein, das leuchtet und wärmt, und mich (etwa beim Meditieren) in die Weite führt.

Für uns Christen ist Jesus Christus DAS Wort schlechthin, das Wort Gottes in Person. Das schöpferische Wort, mit dem Gott alles ins Dasein rief, das Fleisch wurde und unter uns "gezeltet" hat. Gottes schönstes, tiefstes und endgültiges Wort, in dem er sich selbst ausspricht und verschenkt – trotz aller Ablehnung, die ihm bis heute widerfährt. Das Licht, das alle Dunkelheit erhellt, auch meine!

"Das Wort wurde Fleisch": Zusammenfall der Gegensätze

Ich finde es faszinierend, dass im Johannesprolog Gegensätzliches zusammenfindet: "Wort" und "Fleisch", wissenschaftlich-abstraktes Nachdenken einerseits sowie konkret-Fassbares und zutiefst Menschliches andererseits. Wenn Gott zur Welt kommt, wird scheinbar Unvereinbares miteinander versöhnt – nicht auf billigem Weg, sondern durch die Liebe, die sich ganz hingibt, so wie Jesus. Was für eine wunderbare Botschaft, gerade jetzt in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung!

Aus dem Evangelium nach Johannes (Joh 1,1–18)

Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.

Ein Mensch trat auf, von Gott gesandt; sein Name war Johannes. Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht.

Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.

Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. Johannes legt Zeugnis für ihn ab und ruft: Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war.

Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus. Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.

Der Autor

Pater Philipp König gehört dem Dominikanerorden an und arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Patristik und Antikes Christentum an der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt/Main. Außerdem ist er als Postulatsleiter in der Ordensausbildung tätig.

Ausgelegt!

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