Nach Missbrauchsgutachten in München erste Bewegungen

Ratzingers Nachfolger Wetter übernimmt Verantwortung

Aktualisiert am 26.01.2022  –  Lesedauer: 

München ‐ Benedikt XVI. hat bisher kein eigenes Versagen im Umgang mit Missbrauch eingeräumt, nur Fehler beim Verfassen einer Auskunft darüber. Doch sein Nachfolger als Münchner Erzbischof, Friedrich Wetter, entschuldigt sich nun öffentlich.

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"Für meinen Anteil an dem unzureichenden Umgang im Fall H. aber auch mit anderen Anzeigen in meiner Amtszeit muss ich deshalb auch persönlich Verantwortung übernehmen." Mit diesen Worten setzt der frühere Münchner Kardinal Friedrich Wetter am Dienstag ein Ausrufezeichen. Denn er ist der erste unter den noch lebenden Verantwortlichen aus dem Münchner Missbrauchsgutachten, der seit dessen Veröffentlichung am Donnerstag ein Schuldbekenntnis spricht. Er tut dies jenseits von Detailfragen, was er wann genau gewusst und entschieden hat.

Damit legt der 93-Jährige, der von 1982 bis 2008 an der Spitze des Erzbistums München und Freising stand, die Messlatte für seinen Vorgänger Joseph Ratzinger, aber auch für den amtierenden Kardinal Reinhard Marx hoch. Denn Wetter führt just an dem Tag, an dem die katholische Kirche die Bekehrung Pauli feiert, ganz am Ende einer vier Seiten langen Erklärung aus, warum er als Erzbischof eine "undelegierbare persönliche Verantwortung" habe. Durch Theologie und Kirchenrecht seien in der Kirche die Vollmachten fast nur auf den Ortsbischof konzentriert.

Falsche Angaben des emeritierten Papstes "aus Versehen"

Die Ausführungen des Hochbetagten wiegen umso schwerer, weil bisher die Verantwortungsfrage vor allem in Bezug auf einzelne Vorgänge, mutmaßliche Täter und Entscheidungen diskutiert wurde. Das wird auf den 82 Seiten des emeritierten Papstes Benedikt XVI. deutlich. Der 94-Jährige konnte sich am Montag nur dazu durchringen, dass bei der Erstellung seiner Antworten auf die Fragen der Anwälte in einem Punkt "aus Versehen" falsche Angaben gemacht wurden. Er habe doch an einer Ordinariatssitzung teilgenommen, bei der über die Aufnahme eines vorbelasteten Priesters aus Essen in München entschieden wurde. Ohne zeitliche Konkretisierung kündigte Benedikt XVI. eine weitere Reaktion auf das Gutachten an.

Schuber mit den einzelnen Bänden des Gutachtens der Münchner Rechtsanwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl zu Fällen von sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising
Bild: ©Sven Hoppe/dpa-POOL/KNA

Am 20. Januar war das Gutachten der Münchner Rechtsanwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl zu Fällen von sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising vorgestellt worden.

Fast 1.900 Seiten sind eine Menge Lesestoff. Marx hatte darauf verzichtet, die "Bilanz des Schreckens" am vergangenen Donnerstag selbst abzuholen. Für ein erstes Statement trat er allein vor die Presse. Dieses las der sonst immer frei sprechende Kirchenmann vom Blatt ab. Er entschuldigte sich im Namen der Erzdiözese bei den Betroffenen. Die wiederum baten zu einem ersten Treffen nach dem Gutachten nur Generalvikar Christoph Klingan und Amtschefin Stephanie Herrmann hinzu, nicht aber den Kardinal.

Weiter wird spekuliert, ob Marx erneut seinen Rücktritt anbieten könnte, nachdem Papst Franziskus diesen im Frühsommer 2021 abgelehnt hatte. Der Kardinal schloss danach nicht aus, erneut diesen Schritt zu gehen, wollte das aber nur in enger Abstimmung mit den Gremien, darunter auch dem Betroffenenbeirat, tun. Damit legt er sein Schicksal ein Stück weit in deren Hände.

Thema Missbrauch lange keine "Chefsache"

Insofern ist eine weitere Erklärung vom Dienstag spannend. Richard Kick fordert im Namen des Betroffenenbeirats den Kardinal auf, die Verantwortung für die Schuld an den "abscheulichen Verbrechen" nicht weiter anderen anzulasten und endlich Entschädigungsleistungen zu gewähren, die mehr als "Almosen" seien. Durch seine moralischen Versäumnisse und seine Untätigkeit habe Marx seinen Glauben und das Vertrauen in die Institution Kirche völlig zerstört, so Kick. Jener Täter, der ihn einst missbraucht habe, sei 2019 in allen Ehren als "unbescholtener Priester" beerdigt worden.

Marx, dem die Anwälte vorhalten, das Thema Missbrauch lange nicht zur "Chefsache" gemacht zu haben, reagierte umgehend und versprach, Kicks eindringlichen Appell zum Handeln aufzugreifen. "Ihre kritische Stimme bleibt auf diesem Weg wichtig." Was dies konkret bedeutet, könnte der Kardinal am Donnerstag ausführen, wenn sich die Bistumsleitung zu den Konsequenzen äußern will. Dabei dürfte es neben der eigenen Zukunft auch um die von Offizial Lorenz Wolf gehen.

Mit ihm gingen die Gutachter besonders hart ins Gericht. Sie bemängelten eine "distanziert-ablehnende Grundhaltung gegenüber Schilderungen von Betroffenen". Wolf strafte seinerseits die Vertreter der Kanzlei mit Nichtachtung. Als Einziger lehnte er eine Stellungnahme ab. Aber: Vorab wurde Wolfs fachliche Arbeit im Fall des Mehrfachtäters H. in der "Zeit" von anderen Kirchenrechtlern als angemessen und korrekt bewertet. Wolf ist nicht nur Offizial, sondern seit 2010 auch Leiter des Katholischen Büros in Bayern. Seit 2014 steht er zudem an der Spitze des Rundfunkrats des Bayerischen Rundfunks. Erste Rücktrittsforderungen gibt es schon.

Von Barbara Just und Christian Wölfel (KNA)