Himmelklar – Der katholische Podcast

Religionssoziologe über Kirche: "Wirkliche Umkehr ist vonnöten"

Aktualisiert am 02.02.2022  –  Lesedauer: 
Detlef Pollack
Bild: © Privat

Münster ‐ Detlef Pollack ist einer der renommiertesten Religionssoziologen Deutschlands. Er sieht die Kirche in einer tiefen Krise, da die Menschen ihr nicht mehr das entgegenbringen, was für eine Glaubensgemeinschaft am wichtigsten ist: Vertrauen.

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Die Kirche steckt in einer tiefen Krise, noch mehr als zu Zeiten der Reformation. Ist die Institution noch zu retten? Und warum hat der Unmut mit mehr zu tun, als nur dem Missbrauchsskandal? Ein Interview mit dem Religionssoziologen Detlef Pollack von der Universität Münster.

Frage: Nach der Vorstellung des Münchner Missbrauchsgutachtens scheint das Ansehen der Katholischen Kirche in Deutschland im freien Fall. Dabei ist die Tendenz nicht neu. Wie ordnen Sie die letzten Wochen ein?

Pollack: Ich muss sagen, ich bin selbst schockiert – in mehrfacher Hinsicht. Zunächst natürlich wegen der furchtbar hohen Zahl an Missbrauchsopfern. Aber dann auch in meiner Eigenschaft als Religionssoziologe: Ich beschäftige mich ja mit Wandlungsprozessen des Religiösen schon seit Jahrzehnten. Ich habe immer diagnostiziert, dass das Ansehen der Kirche im Rückgang begriffen ist, dass die Bindung an die Kirche abnimmt. Seit Jahren spreche ich von Entkirchlichung und Säkularisierung. Viele meiner Kollegen und Kolleginnen widersprechen mir. Aber dass es so dramatisch wird, hätte ich nicht erwartet. Man hat fast den Eindruck, als ob die jetzige Diskussion ein Kanal ist, in den die ganzen Vorbehalte gegenüber Kirche, gegenüber kirchlichen Autoritäten sowie überhaupt gegenüber Religionen hineinfließen und sich nun festmachen an der Haltung der katholischen Bischöfe und des emeritierten Papstes.

Frage: Dabei sind die Erkenntnisse des Gutachtens ja nicht wirklich überraschend. Ähnliches kennen wir ja zum Beispiel auch aus dem Kölner Gutachten. Warum dann dieser Schock, diese Empörung auch in der Öffentlichkeit?

Pollack: Ich würde zwei Gründe ausfindig machen. Einmal scheint mir ein Schema zu existieren oder eine Art Raster, unter dem man die Kirche jetzt wahrnimmt. In dieses Raster passt das Missbrauchsgutachten sehr gut hinein. Man sieht sich bestätigt und kann durch Verweis auf das Gutachten die Empörung und auch die vollkommen berechtigte Kritik noch einmal formulieren. Zudem reicht nun aber auch die Kritik das erste Mal bis an die Spitze der katholischen Kirche heran, also an den emeritierten Papst Benedikt XVI. Das ist dann doch noch einmal eine neue Qualität, weil bisher gesagt wurde, dass Priester und Bischöfe versagt haben, nun aber kann man sagen: Die Kirche als Ganze ist betroffen. Das kann man ausdrücken, indem man auf Ratzinger verweist, der sich an bestimmten Stellen auch nicht ganz geschickt geäußert hat und seine Aussagen jetzt zum Teil wieder zurücknehmen musste. Das bestärkt dann dieses Gefühl: Hier ist etwas Grundsätzliches nicht in Ordnung. Die ganze Institution ist in der Krise. Und man erwartet dann von dieser Institution, dass sie sich neu erfindet, was sie natürlich nicht kann.

Frage: Ist das vielleicht – unabhängig der Faktenlage – auch eine Übersprungshandlung der Gesellschaft? Dass man sich endlich traut, der früher mächtigen und gefürchteten Institution Kirche endlich mal die Meinung zu sagen und sich über Dinge zu empören, die schon lange brodeln?

Pollack: Ich habe den Eindruck, dass sich da eine Vielzahl von unterschiedlichen Motiven miteinander vermischen. Es gab schon immer Vorbehalte gegenüber dieser autoritären und hierarchisch strukturierten Kirche – auch innerhalb der Kirche, bei den hochverbundenen Gläubigen zum Beispiel. Die Hochverbundenen haben sich immer darüber beschwert, dass sie in ihren Aktivitäten und in ihrem Engagement gebremst werden. Zugleich ging diese Kritik an der Hierarchie und an den Klerikern aber damit einher, dass man die Kirche doch nicht aufgeben wollte, dass man sich mit ihr verbunden fühlte und sich an ihr rieb. Die Kritik war ein Ausdruck, könnte man sagen, dieser Nähe zur Kirche. Das ist ein Motiv. Das andere, was man auch sehen kann, ist, dass viele Menschen von Religion und Kirche insgesamt nicht sehr viel halten. Und auch diese Vorbehalte fließen jetzt in die Kritik mit ein und verstärken sie. Ganz oft hört man Äußerungen wie: "Ich habe schon immer gemeint, dass Religion eine Illusion ist, ein Opium des Volkes" – und so weiter. Dieser "Vulgäratheismus" ist jetzt besonders laut und schrill.

Und es kommt noch etwas hinzu. Es gibt ja in unserer demokratisch verfassten, liberalen Gesellschaft ein hohes Maß an Institutionenkritik, ganz allgemein. Es wird der Staat kritisiert, die Parteien werden kritisiert, die Maßnahmen, die man jetzt trifft, um die Corona-Krise einzudämmen. Es gibt eine prinzipielle Skepsis gegenüber Autoritäten und Institutionen – auch diese wird jetzt auf die Kirche übertragen. Und da würde ich Ihnen recht geben: Nicht immer ist diese Kritik wirklich an den Fakten orientiert, vielmehr vermischen sich hier unterschiedliche Motive und Interessen, die dann in ihr einen Ausdruck finden.

„Vertrauen ist die Währung, mit der die Kirche handelt. Und wenn das zusammenbricht, betrifft das die Kirche viel stärker als andere Institutionen.“

—  Zitat: Detlef Pollack

Frage: Gibt es irgendeinen anderen gesellschaftlichen Bereich, womit man das vergleichen kann? Gibt es auch in anderen Bereichen diesen enormen Vertrauensverlust? Bis zur letzten Bundestagswahl hätte man ja ähnliches auch über die SPD sagen können.

Pollack: Tatsächlich gibt es auch sehr viel Kritik und Skepsis gegenüber den Parteien, den Gewerkschaften und gegenüber der Regierung. Die Kirchen stehen hier also durchaus nicht allein. Aber die Fallhöhe bei den Kirchen ist höher. Die Kirchen sind ja moralische Anstalten. Man muss Vertrauen in die Institution haben, wenn sie in der Lage sein sollen, den Glauben an Gott zu bestärken. Vertrauen ist die Währung, mit der die Kirche handelt. Und wenn das zusammenbricht, betrifft das die Kirche viel stärker als andere Institutionen. Aber die anderen Institutionen stehen vielfach nicht so sehr viel besser da.

Frage: Der Rückgang an kirchlicher Bindung hat sicher auch mit der Pluralität in der Gesellschaft zu tun. Heute gibt es viel mehr Möglichkeiten, sich gesellschaftlich zu engagieren. Muss die Kirche sich also einfach besser behaupten auf diesem "Markt der Ideen"?

Pollack: Das ist auf jeden Fall ein wichtiger Faktor. Wir haben seit Jahrzehnten eine zunehmende Pluralisierung des religiösen Feldes. Die unterschiedlichen Wahrheitsansprüche, und zwar nicht nur die Wahrheitsansprüche innerhalb des religiösen Feldes, sondern auch die zwischen Religion und Wissenschaft und anderen säkularen Einrichtungen treffen aufeinander. Und das führt natürlich insgesamt zu einer Relativierung des Geltungsanspruchs einer jeden Religion. Das ist ein wichtiger Faktor, aber, wie Sie schon gesagt haben, überhaupt nicht der einzige. Hinzu kommt vor allem, dass das Individuum in modernen, komplexen, hoch differenzierten, sehr dynamischen Gesellschaften viele Verwirklichungsmöglichkeiten hat: im Beruf, aber auch in der Freizeit, mit Freunden, in der Familie, durch Reisen usw.

Diese vielfältigen individuellen Verwirklichungsmöglichkeiten wirken sich natürlich auch auf die Attraktivität der Angebote der Kirche aus. Man hält es dann einfach für wichtiger, dass man sich beruflich verwirklicht, dass man beispielsweise noch mal eine Qualifikation durchläuft, mehr berufliche Selbständigkeit anstrebt oder dass man in der Freizeit sich persönliche Wünsche erfüllt, Shoppen geht oder die Zeit für gute Gespräche nutzt. Die Konsequenz ist, dass sich der Wertehaushalt verschiebt. Vielen ist es dann einfach nicht mehr so wichtig, Fragen nach dem Sinn des Lebens zu stellen, nach einem höheren Sinn, nach dem Glauben an Gott, nach dem, was unser Leben letztlich zusammenhält. Die mannigfaltigen Gelegenheiten zur Selbstverwirklichung, die unsere Gesellschaft bietet, ziehen von der Frage nach dem Sinn unseres Lebens oder nach der Gnade Gottes ab. Ich würde sagen, diese Aufmerksamkeitsverschiebung ist neben der Konkurrenz zwischen unterschiedlichen Wahrheitsansprüchen, die sich wechselseitig relativieren, eine weitere wichtige Erklärung für den Rückgang der religiösen Bindungen.

Frage: Und natürlich kommt dann noch der Missbrauchsskandal hinzu. Das darf man nicht vergessen.

Pollack: Natürlich ja, ganz genau. Wenn dann das kirchliche Angebot selber noch beschädigt wird, dann verstärkt sich die rückläufige Tendenz. Und man muss ja sagen, es wird nicht an einer marginalen Stelle beschädigt, sondern eigentlich im Kern. Im Gegensatz zur evangelischen Kirche tritt die katholische Kirche ja mit dem Anspruch auf, dass sie die Fülle des göttlichen Heils zu repräsentieren vermag. In den Sakramenten, im Priestertum vermittelt die Kirche das göttliche Heil. Von diesem göttlichen Glanz sollen die Menschen etwas in der Kirche, die sich als heilig versteht, erleben. Und wenn dann diese Kirche selber sich schuldig macht, wenn die "Repräsentanten des Himmelreiches" selber Verbrechen begehen, dann ist der Kern des Anspruchs auf Vermittlung göttlicher Gnade und auf die Vermittlung von Wahrheit beschädigt – und zwar so gravierend, dass die Menschen daran dann eben auch nicht mehr glauben können.

Frage: Bringt es überhaupt noch was, an der Kirche festzuhalten und zu versuchen, da etwas zu verändern? Oder sitzt die ganze Problematik so tief, dass wir da ohnehin nicht rauskommen?

Pollack: Ich bin davon überzeugt, dass der Reformprozess, den die Verantwortlichen der Kirche jetzt gehen wollen, von ihrem Sündenbekenntnis, von ihrem Schuldeingeständnis seinen Ausgang nehmen muss. Umkehr, wirkliche Umkehr ist vonnöten. Mein Eindruck ist, dass viele Menschen in der Kirche, auch Priester und Bischöfe, dazu bereit sind. Dass sie beschämt sind und es zukünftig anders machen wollen, nehme ich ihnen ab. Aber viele Menschen glauben ihnen nicht mehr. Die Bischöfe müssen weite Wege gehen, um sie noch erreichen zu können. Fast hat man das Gefühl, dass vielleicht nur noch das Gebet zu helfen vermag.

Von Renardo Schlegelmilch