Standpunkt

Kirche lebt zu lange mit Lügen über homosexuelle Priester

Aktualisiert am 17.02.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Es gibt gute Gründe für den Zölibat – die Warnung vor einem Homosexualitätsverdacht bei freier Zölibatswahl gehört für Andreas Püttmann aber nicht dazu. Er fordert, dass das kollektive Schweigen über homosexuelle Priester ein Ende haben muss.

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Gegen das in den Ostkirchen praktizierte Zölibats-Modell hatte Bischof Voderholzer im "Tagespost"-Interview ein bemerkenswertes Gegenargument parat: "Wenn ein Weltpriester unter diesen Voraussetzungen freiwillig den Zölibat wählte, setzte er sich zwangsläufig dem Verdacht aus, entweder homosexuell zu sein oder Bischof werden zu wollen." Mal abgesehen von der Angemessenheit des Begriffs "Verdacht": Wieso sollte der nicht auch aufkommen können, wenn man ausschließlich Männer zur Weihe zulässt, die sich den Verzicht auf Ehe und Familie zutrauen? Dass diese Entsagung heterosexuelle Kandidaten häufiger abschreckt als homosexuelle, liegt nicht fern, selbst wenn man neuerdings auch gleichgeschlechtlich heiraten kann. Und die empirischen Hinweise darauf, dass es weit mehr Homosexuelle im Klerus gibt als es dem gesellschaftlichen Durchschnitt entspräche, sind mittlerweile auch ohne Outing-Aktionen erdrückend. Man nehme nur Frederic Martels umfangreiche Recherche für das vatikanische Sittengemälde "Sodom" zur Kenntnis oder Schätzungen seriöser Wissenschaftler oder Erfahrungen in Theologenkonvikten lebender Studenten.

Was die liberale Gesellschaft eher achselzuckend registrieren mag, gerät für die katholische Kirche selbst zur Aporie, solange sie einerseits weiter verkündet, die gleichgeschlechtliche Neigung sei "objektiv ungeordnet" und Homosexuellen "mit Mitleid" zu begegnen, andererseits aber, dass Priester höchstpersönlich von Gott berufen seien. Irgendwas passt doch nicht zusammen im "magischen Dreieck" von Sexuallehre, Berufungstheologie und realer Priesterschaft. Man kann das Zölibatsthema nicht redlich behandeln, ohne sich hier ehrlich zu machen: Viel zu lange schon lebt die Kirche mit der Lebenslüge, überhaupt keine schwulen Priester haben zu wollen und zugleich bis in die Spitze hinein reichlich von ihnen bevölkert zu werden. Mit ihrer Verdruckstheit bei diesem Thema hinkt sie nicht nur der Politik schon 20 Jahre hinterher, sondern sogar den Trippelschritten zur Diversity im Reich des "Fussballgotts".

Es gibt wahrlich gute Argumente für den Zölibat, derer sich manche seiner Gegner allzu leichtfüßig entledigen. Kommt aber eine Kirche mit doppeltem Boden dabei heraus, deren Logik vorne und hinten nicht stimmen kann, und lösen Konservative die Widersprüche kurzerhand durch Realitätsleugnung oder Zetern über eine "Homo-Lobby", die man nur zerschlagen müsse, dann bedarf es einer freimütigeren Diskussion auch von ganz oben her: Beruft Gott doch nicht in den Priesterdienst? Oder hat er offenbar doch nichts gegen schwule Priester? Entweder oder! "You can't have your cake and eat it", sagen die Briten zu sich ausschließenden Wunschvorstellungen. Jedenfalls ist die Warnung vor einem Homosexualitäts-Verdacht bei freier Zölibatswahl nicht nur ein schwaches Argument für den Pflichtzölibat, sondern sie legt unfreiwillig auch eine Folge dieses Selektionskriteriums für die Priesterweihe offen. Das kollektive Beschweigen des "weißen Elefanten im Raum" muss ein Ende haben.

Von Andreas Püttmann

Der Autor

Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.