Interview mit dem Vorsitzenden des Landeskomitees der Katholiken

Pfarrgemeinderatswahl in Bayern: Einige kandidieren "jetzt erst recht"

Aktualisiert am 23.02.2022  –  Lesedauer: 

Bonn/München ‐ In Bayern stehen Pfarrgemeinderatswahlen an. Wie wirkt sich die Lage in der Kirche auf die Bereitschaft zur Kandidatur aus? Joachim Unterländer, Vorsitzender des Landeskomitees der Katholiken in Bayern, spricht darüber im katholisch.de-Interview – und erklärt, was er sich vom Synodalen Weg erhofft.

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Ausgerechnet jetzt: Am 20. März werden in den bayerischen Diözesen neue Pfarrgemeinderäte gewählt. Gibt es angesichts der Zuspitzung der Kirchenkrise hierzulande überhaupt noch Bereitschaft zur Kandidatur beziehungsweise zur Mitarbeit? Das Landeskomitee der Katholiken in Bayern hat einen Überblick über die Lage vor Ort. Der Vorsitzende und damit sozusagen der höchste bayerische Laienvertreter, Joachim Unterländer, spricht im Interview über generelle Schwierigkeiten bei der Kandidatensuche und seine Erwartungen an den Synodalen Weg – auch im Hinblick auf eine mögliche Aufwertung der Pfarrgemeinderäte durch die Beschlüsse.

Frage: Herr Unterländer, in den Augen vieler gibt die Kirche aktuell kein gutes Bild in der Öffentlichkeit ab. Wer will sich da überhaupt noch ehrenamtlich im Pfarrgemeinderat engagieren?

Unterländer: Es sind Gottseidank genügend, die sich auch in diesen unruhigen, schwierigen Zeiten für den Pfarrgemeinderat, für das Ehrenamt in der Kirche engagieren. Als Landeskomitee koordinieren wir das, was in den einzelnen Diözesanräten in Bayern für die Wahlen vorbereitet worden ist. Und da haben wir bei einer Umfrage festgestellt, dass es natürlich einzelne Pfarreien gibt, die Schwierigkeiten haben – aus unterschiedlichen Gründen, auch wegen der Missbrauchsdiskussion, auch wegen der allgemeinen Lage der Kirche in der Gesellschaft. Aber insgesamt geht der Trend, sich im Laienapostolat zu engagieren, nicht weiter zurück.

Frage: Das heißt, die Kandidatensuche ist nicht noch schwieriger geworden?

Unterländer: Nach unseren Erkenntnissen ist das in den sieben bayerischen (Erz-)Diözesen bislang nicht schwieriger geworden. Das mag manche vielleicht überraschen, aber es gibt auch eine Entwicklung zu einer Jetzt-erst-recht-Mentalität. Das ist auch immer wieder bei Kandidaturen so erklärt worden.

Frage: Ist Bayern da ein Sonderfall? Aus anderen Gebieten Deutschlands hört man durchaus von massiven Problemen beim Finden von Kandidaten.

Unterländer: Auch wenn der Charakter der Volkskirche nicht mehr überall gegeben ist, so ist die Verankerung in den bayerischen Diözesen noch relativ stark. Wie das in außerbayerischen Diözesen ist, kann ich nicht so beurteilen.

Joachim Unterländer
Bild: ©KNA/Christoph Renzikowski

Joachim Unterländer (64), Vorsitzender des Landeskomitees der Katholiken in Bayern, spricht mit Blick auf die anstehenden Pfarrgemeinderatswahlen in den Diözesen im Freistaat von einer "Jetzt-erst-recht-Mentalität" bei vielen Kandidaten.

Frage: Die Hauptgründe, warum sich Pfarreien überall im Allgemeinen ziemlich schwer tun, genug geeignete Kandidaten zu finden, sind bekannt: Die Menschen sind, wenn auch getauft, immer weniger kirchlich gebunden, außerdem gibt es generell eine sinkende Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement. Was sind weitere Gründe, warum sich immer weniger Katholiken zur Mitarbeit bereiterklären?

Unterländer: Selbstverständlich spielen die allgemeine kritische Situation der Kirche und die Missbrauchsfälle eine Rolle. Daneben gibt es auch eine individuelle Verärgerung über die Kirche. Oft ist es auch die Situation in der jeweiligen Gemeinde: etwa Konflikte oder eine allgemein schwierige Zusammenarbeit zwischen Pfarrer und Gemeinde. Aber viele schreckt sicher auch dieses Gebunden-Sein für die Wahlperiode von vier Jahren ab.

Frage: Was können Gemeinden tun, um Ehrenamtliche für die Wahlen zu gewinnen?

Unterländer: Das Beste ist ein offenes, aktives, intaktes Gemeindeleben – mit ganz unterschiedlichen Möglichkeiten, tätig zu werden. Das heißt, Transparenz, Kreativität und Offenheit im Umgang miteinander, sind ganz entscheidende Punkte, die dann auch mittelfristig noch zu einer Steigerung führen werden. Natürlich spielt auch die Situation kirchlichen Lebens in unserer Gesellschaft dabei eine Rolle. Wenn es gelingt, über den Synodalen Weg Reformen auf den Weg zu bringen, wird das aus meiner Sicht nochmal einen Schub geben.

Frage: Blicken wir nun auf die Arbeit in den Pfarrgemeinderäten. Inwiefern gibt es in ihnen einen gewissen Frust angesichts eines empfundenen Reformstaus in der Kirche?

Unterländer: Den gibt es berechtigterweise. Aber häufig sind in der praktischen Arbeit andere Themen viel wichtiger: ob das der Zustand der Gebäude ist, verschiedene Projekte etwa in der Jugendarbeit, die Öffentlichkeitsarbeit oder die Vorbereitung von Festen und Feierlichkeiten im Kirchenjahr. Das sind die Sachen, die die Mitglieder in den Pfarrgemeinderäten besonders tangieren und fordern. Aber der Trend zeigt schon, dass auch viele Pfarrgemeinderäte klagen, dass nun endlich Konsequenzen aus den Reformdebatten gezogen werden müssen.

„Am häufigsten kommt der Satz: Es muss diesmal was passieren. Es gab ja schon einige Reformprozesse auf verschiedenen Ebenen, die im Endeffekt aber ohne Folgen geblieben sind.“

—  Zitat: Joachim Unterländer über den Blick vieler Pfarrgemeinderäte auf mögliche kirchliche Reformen.

Frage: Wie sehr ist der Synodale Weg auch in den Pfarrgemeinderäten Diskussionsthema? Von mancher Seite heißt es ja, dass der Reformprozess ein Eliten-Projekt sei, dass mit der Basis nichts zu tun hätte.

Unterländer: Das ist unterschiedlich. Wenn es klare Botschaften gibt, die sich aus Reformdiskussionen ergeben, dann nehmen die Mitglieder in den Pfarrgemeinderäten das schon in besonderer Weise wahr. Aber es ist sicher nicht ständig das zentrale Thema.

Frage: Wie blickt man denn in den Pfarrgemeinderäten im Allgemeinen auf den Synodalen Weg? Eher skeptisch oder hoffnungsvoll?

Unterländer: Es gibt da schon Hoffnung. Am häufigsten kommt der Satz: Es muss diesmal was passieren. Es gab ja schon einige Reformprozesse auf verschiedenen Ebenen, die im Endeffekt aber ohne Folgen geblieben sind.

Frage: Der Synodale Weg hat ja auch die Pfarrgemeinderäte im Blick: Geht es nach dem Handlungstext "Gemeinsam beraten und entscheiden" des Macht-Forums, soll dem Gremium künftig eine bessere Entscheidungskompetenz zukommen. Halten Sie das für praktikabel?

Unterländer: Das ist eine gute Idee. Aber man sollte in der konkreten Realisierung solcher Beschlüsse auch auf das hören, was die Praktiker vor Ort vorschlagen. Das heißt, es müssen diese Vorschläge genau angesehen werden. Aber sie führen auf jeden Fall zu einer Aufwertung der Pfarrgemeinderäte. Und das ist im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils etwas, was wir als dringend erforderlich ansehen, um auch in der Kirche das Leben in der Gesellschaft widerzuspiegeln.

Schattenhafte Umrisse vor dem Logo des Synodalen Wegs
Bild: ©Synodaler Weg/Maximilian von Lachner (Symbolbild)

Durch eine Aufwertung der Pfarrgemeinderäte durch den Synodalen Weg erhofft sich Joachim Unterländer einen Effekt auf die Bereitschaft zur Mitarbeit.

Frage: Glauben Sie, dass dadurch auch eine Mitarbeit für manchen wieder attraktiver wird? Mehr Entscheidungskompetenz ist ja schön und gut – nur muss es dann auch Menschen geben, die sie wahrnehmen…

Unterländer: Das hoffe ich schon. Wenn sich vereinzelt Menschen zurückgezogen haben, dann hat das häufig auch damit zu tun gehabt, dass sie keine Durchsetzungsmöglichkeiten gesehen haben, wenn der Pfarrer nicht kooperativ war oder es sonstige hemmende Strukturen gab – die gibt es ja auch unter den Laien. 

Frage: Großes Thema dieser Tage ist – auch in der Kirche – Diversität. Wie könnten diese Gremien besser als bisher die Vielfalt der Gemeindemitglieder abbilden? Man hat nämlich manchmal den Eindruck, dass in solchen Gremien überall dieselben Leute sitzen…

Unterländer: Da gilt dieselbe Grundaussage, die ich vorhin getroffen habe, was die Attraktivität der Mitgliedschaft im Pfarrgemeinderat insgesamt ausmacht. Allerdings ist es auch nötig, dass die, die bisher nicht mitgemacht haben, stärker angesprochen werden – auch durch die Entscheidungen des Synodalen Wegs.

Frage: Wäre in diesem Zusammenhang auch denkbar, Sitze nach Quoten zu vergeben – beispielsweise für junge Menschen oder für Gläubige mit Migrationshintergrund?

Unterländer: Ich würde es besser finden, wenn gerade junge Menschen und Gläubige mit Migrationshintergrund sich ohne Regulierung verstärkt in den Gremien wiederfinden. Wenn sich das allerdings nicht erfolgreich umsetzten lässt, müsste in der Auswertung der Wahlen die Frage der Quote wieder diskutiert werden.

Von Matthias Altmann