"Trotz intensiven Bemühens" bislang noch kein Betroffenenbeirat im Bistum

Magdeburg: Feige ruft Missbrauchsopfer zu Mitarbeit an Aufarbeitung auf

Aktualisiert am 20.02.2022  –  Lesedauer: 
Bild: © KNA/Dominik Wolf

Magdeburg ‐ Im Bistum Magdeburg gibt es noch keinen Betroffenenbeirat, auch in der Aufarbeitungskommission wirken bislang keine Betroffenen mit. Bischof Gerhard Feige ruft Missbrauchsopfer daher mit Nachdruck auf, an der Aufarbeitung der Fälle mitzuarbeiten.

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Bischof Gerhard Feige hat Missbrauchsopfer im Bistum Magdeburg nachdrücklich zur Mitarbeit an der Aufarbeitung aufgerufen. "Trotz intensiven Bemühens ist es bisher nicht gelungen, einen Betroffenenbeirat ins Leben zu rufen", schreibt Feige in einem am Samstag veröffentlichten Brief an die Gemeinden und Einrichtungen des Bistums.

Auch sei es bislang nicht möglich gewesen, zwei Betroffene von sexueller Gewalt auf dem Gebiet des Bistums zur Mitarbeit in dessen neuer, unabhängiger Aufarbeitungskommission zu gewinnen. Sie solle die "systemischen Faktoren" deutlich machen, "die diese schrecklichen Straftaten ermöglicht, den sachgerechten Umgang mit ihnen behindert und damit das Leid der Betroffenen noch vermehrt haben".

"Ohne ihr Erfahrungswissen kann Aufarbeitung nicht gelingen"

"Eine sinnvolle Aufarbeitung dieser Straftaten ist aber nur mit den konkreten Erfahrungen von Betroffenen sinnvoll", erklärt Feige. "Ohne ihr Erfahrungswissen kann Aufarbeitung nicht gelingen." Der Bischof ruft alle Gläubigen zur Unterstützung auf, "indem Sie Betroffenen, mit denen Sie ins Gespräch kommen, zuhören und sie auf die Möglichkeiten zur Aufarbeitung dieses Unrechts hinweisen."

Nach Feiges Angaben wurden auf dem Gebiet des Bistums Magdeburg seit 1946 solche Straftaten von 13 Priestern sowie 23 davon betroffenen Frauen und Männern bekannt. Publik geworden seien diese Fälle nur durch die Betroffenen, in den Personalakten des Bistums habe es keine konkreten Hinweise darauf gegeben.

Themenseite: Missbrauch in der katholischen Kirche

2010 wurde erstmals eine größere Zahl von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche in Deutschland bekannt. Seitdem bemüht sich die Kirche um eine Aufarbeitung der Geschehnisse. Bei ihrer Vollversammlung veröffentlichten die deutschen Bischöfe am 25. September 2018 eine Studie, die die Missbrauchsfälle im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz zwischen 1946 und 2014 dokumentiert

Zwölf der beschuldigten Priester seien bereits gestorben, der einzige noch lebende dürfe seit Bekanntwerden der Vorwürfe keine priesterlichen Aufgaben mehr wahrnehmen. Strafrechtlich habe er wegen Ablauf der Verjährungsfrist nicht mehr belangt werden können. Seit 1994 seien alle im Bistum aufgetretenen Fälle mit noch lebenden Tatverdächtigen den Ermittlungsbehörden vorgelegt worden.

Drei Priester seien zudem wegen der Nutzung von Kinder- und Jugendpornografie straf- und kirchenrechtlich belangt worden, so Feige weiter. In den vergangenen 15 Jahren seien den Behörden auch zehn Fälle von sexueller Gewalt durch weitere Kirchenmitarbeiter ohne Weiheamt gemeldet worden, bei denen elf Betroffene bekannt geworden seien.

105.000 Euro an Betroffene

Bislang zahlte das Bistum nach Angaben Feiges an sechs betroffene Frauen und Männer insgesamt 105.000 Euro "in Anerkennung ihres Leides". Sechs Anträge seien noch in Bearbeitung. Betroffene können sich direkt an eine Kommission zur Prüfung von Verdachtsfällen wenden.

Auch per Zeitungsanzeige ruft das Bistum Magdeburg betroffene Männer und Frauen auf, sich an der neuen Aufarbeitungskommission zu beteiligen. Unter anderem in der "Magdeburger Volksstimme" (Wochenendausgabe) wurde auf Seite 2 eine zweispaltige Anzeige unter dem Titel "Betroffene gesucht" veröffentlicht. Darin verweist die Diözese auf die im vergangenen Herbst berufene "unabhängige Kommission", die aufklären soll, was auf dem Gebiet des Bistums sexualisierte Gewalt ermöglicht und einen sachgerechten Umgang damit behindert hat. "Das Bistum Magdeburg bittet Betroffene, sich an diesem wichtigen Aufarbeitungsprozess zu beteiligen", heißt es in der Anzeige.

Zuletzt hatte Feige erklärt, dass es im Bistum Magdeburg nach derzeitigem Stand kein umfassendes Missbrauchsgutachten wie in anderen der 27 deutschen (Erz-)Bistümer geben werde. Der Grund dafür sei nicht, dass das Bistum "den Ernst der Lage nicht begriffen habe", betonte Bischof Gerhard Feige am Mittwoch. Es könne sich vielmehr eine umfassende Studie mit einem Kostenumfang von mehreren hunderttausend Euro finanziell nicht leisten. Überdies sei ein solches Gutachten nur ein Weg der Aufarbeitung. Mit rund 77.000 Gläubigen ist das Bistum Magdeburg eines der mitgliederschwächsten in Deutschland. (mal/KNA)

20.02., 14:25 Uhr: Ergänzt um die Zeitungsanzeige.