Gemeinsamer Weg in die Zukunft als Auftrag einer Verstorbenen

Besonderes Vermächtnis: Warum missio München eine Brauerei geerbt hat

Aktualisiert am 20.03.2022  –  Lesedauer: 

Drachselsried/München ‐ Ein katholisches Hilfswerk mit Weltkirche-Bezug und eine Traditionsbrauerei im Bayerischen Wald – was auf den ersten Blick nicht wirklich zusammenpasst, hat in Drachselsried doch zusammengefunden. Missio will die Brauerei nun in eine erfolgreiche Zukunft führen.

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Für gewöhnlich fördert das katholische Hilfswerk missio München das Wirken der Ortskirchen in Afrika, Asien und Ozeanien. Dazu unterstützt missio nach eigenen Angaben rund 800 Projekte in 56 Ländern – und seit Kurzem auch eine Brauerei im niederbayerischen Drachselsried.

Dieser ungewöhnliche Eigentümerwechsel hängt mit der ehemaligen Brauereibesitzerin Maria Anna Bruckmayer zusammen. Vor ihrem Tod am 1. Januar dieses Jahres hatte die 89-Jährige schwierige Zeiten zu durchstehen. Nachdem ihr Mann und auch ihre beiden Söhne gestorben waren, hatte sie von 2009 bis zu zuletzt die Schlossbrauerei Drachselsried als Geschäftsführerin geleitet. Der größte Wunsch von Bruckmayer: Ihr Unternehmen möge auch nach ihrem Tod weiterbestehen. Ohne direkte Erben stand die Brauerei aus dem Bayerischen Wald mit ihrer rund 500-jährigen Unternehmensgeschichte allerdings vor einer ungewissen Zukunft.

So kam missio München ins Spiel. Schon zu Lebzeiten war Bruckmayer im Kontakt mit dem Hilfswerk und war ihm tief verbunden. In den Gesprächen ging es dabei nicht nur um Unterstützung der Projekte von missio München, sondern schon bald auch um die Weiterführung der Brauerei. "Wir wussten, dass wir die große Aufgabe haben werden, die Brauerei weiterzuführen", sagt Markus Müller, Finanzchef von missio München und ständiger Vertreter des Präsidenten.

"Ein Erbe ist immer Verpflichtung, das vergisst man oft"

Bruckmayer vermachte dem Hilfswerk in ihrem Testament daher ihr Unternehmen – und verpflichtete es gleichzeitig dazu, die Brauerei für mindestens fünf Jahre weiterzuführen. Der Wille der Verstorbenen zähle und sei für ihn auch Auftrag, sagt Müller. "Ein Erbe ist immer Verpflichtung, das vergisst man oft". Und zu diesem Erbe gehöre es auch, die Spuren, die die Familie in der Region und im Ort hinterlassen habe, sowie die Arbeitsplätze des Unternehmens zu sichern. "Egal, welches Erbe wir antreten: Wir schauen, welcher Auftrag und welche Verpflichtung damit verbunden sind."

Grundsätzlich werde missio München häufiger bei der Testamentsgebungen bedacht – gerade von alleinstehenden Menschen, die dankbar für das seien, was sie erlebt hätten und nach ihrem Tod etwas zurückgeben wollen, sagt Müller. "Menschen vertrauen uns über ihr Testament oft etwas an, weil sie wissen, dass es uns schon lange gibt und auch weiterhin geben wird und weil sie wissen, dass wir sehr sorgfältig mit dem Erbe umgehen." Dass das Hilfswerk gleich ein ganzes Unternehmen vererbt bekommt, ist allerdings schon ein spezieller Fall. Meistens seien es Geldbeträge oder Immobilien, die an das Hilfswerk vererbt würden.

Vier Männer stoßen mit dem Respekt-Bier der Drachselrieder Schlossbrauerei an
Bild: ©Missio München/Christian Selbherr

Wollen die Schlossbrauerei Drachselsried in eine gute Zukunft führen (von links): Markus Müller, ständiger Vertreter des missio-Präsidenten, Reinhard Obermeier, neuer Geschäftsführer des Schlossbräu, Brauer Lorenz Aschenbrenner, Johannes Vogl, Bürgermeister der Gemeinde Drachselsried.

Insgesamt neun unterschiedliche Biersorten gehören zum Sortiment der kleinen Drachselrieder Schlossbrauerei, darunter beispielsweise das Respekt-Bier, aber auch ein Pils und ein Hefe-Weißbier. Abnehmer sind vor allem lokale Wirtshäuser. Generell agiert die Brauerei vor allem in ihrer Region. Müller etwa kannte das Bier nicht, bevor missio das Testament angetreten hat. "Das ist aber ein wirkliches gutes Bier und die Beschäftigten haben wirklich das Niveau und die Qualität hoch gehalten", sagt der Finanzchef.

Erfahrungen im Führen einer Brauerei hat Müller keine – und die muss er auch nicht haben, sagt er. Dafür hat das Hilfswerk gleich einen erfahrenen Braumeister als Geschäftsführer eingestellt: Reinhard Obermeier. Über die Anfrage von missio München sei er anfangs durchaus überrascht gewesen, sagt dieser. Als er sich aber die Details angehört habe, habe sich der Job in der kleinen Brauerei in der 2.400-Einwohner-Gemeinde Drachselsried als durchaus interessante Aufgabe herausgestellt. Nun wolle man gemeinsam die Produktion wieder erhöhen und mehr auf die Wirtschaftlichkeit achten. "Das wurde in den vergangenen Jahren eher stiefmütterlich behandelt – was aber nicht unbedingt an der Geschäftsführung, sondern vielmehr an der Corona-Pandemie lag", so Obermeier. "Ich möchte Gebäude und Produktion auf einen aktuellen Stand bringen und dafür sorgen, dass der Name der Brauerei wieder in aller Munde ist."

"Wir wollen der Schlossbrauerei eine Zukunft geben"

Aus dem operativen Tagesgeschäft will missio München sich bewusst heraushalten, den Erneuerungsprozess als Gesellschafter und Investor mit den eigenen Kompetenzen und einem großen Netzwerk aber unterstützen. "Wir wollen der Schlossbrauerei eine Zukunft geben – auch über die fünf Jahre hinaus, die im Testament vorgesehen sind", versichert Müller.  

Diese Perspektive beruhigt auch die zwölf Angestellten der Schlossbrauerei Drachselsried, die teilweise seit Jahrzehnten für die Brauerei tätig sind und nun auch weiterhin für das Unternehmen arbeiten können. "Ich glaube, ich kann da im Namen aller Mitarbeiter sprechen, dass alle froh sind, dass ein Investor da ist und dass es weitergeht. Viele haben sich schon sehr große Sorgen um ihren Arbeitsplatz gemacht", sagt Obermeier. Damit, dass mit missio München ein katholisches Hilfswerk Gesellschafter ist, hat Obermeier selbst kein Problem. "Man muss vernünftig miteinander reden und respektvoll miteinander umgehen können", sagt der neue Geschäftsführer. "Und das ist bei missio in jedem Fall so."

Leuchtreklame mit dem Schriftzug "Trinken Sie Respekt-Bier"
Bild: ©Missio München/Christian Selbherr

Das Respekt-Bier ist eines der neun Biere, die die Schlossbrauerei Drachselsried in ihrem Sortiment hat. Vor allem lokale Wirtshäuser gehören zu den Abnehmern.

Nicht alle sind jedoch mit dem neuen Eigentümer der Brauerei einverstanden. Eine Gastwirtin, die Kundin war, habe den Liefervertrag mit den Worten "Der Kirche gebe ich nichts mehr!" gekündigt, sagt Müller. Solche Reaktionen könne er nicht nachvollziehen. "Der Kirche hat die Dame mit diesem Verhalten nicht geschadet, sondern vor allem der Brauerei und den Mitarbeitern." Aus seiner Sicht ist mit Vermögen immer die Frage verknüpft, wie man es sinnvoll investiert. "Da ist die Kirche meiner Meinung nach gefordert", so Müller.

Nicht nur bei den Hilfsprojekten in Entwicklungsländern, sondern auch bei der Schlossbrauerei in Drachselsried sieht der Finanzchef den kirchlichen Auftrag in einem nachhaltigen und ethischen Investment. "Wir sind nicht maximal gewinnorientiert", sagt Müller. "Ich hätte es mir leicht machen können: Wir hatten zig Anfragen, weil das Produkt wirklich gut ist. Wir hätten die Brauerei also einfach verkaufen können", so der Finanzchef. Das sei aber nicht der Ansatz des Hilfswerks – und auch nicht der testamentarische Auftrag.

"Auch das gehört zu einem ethischen Investment"

So gebe es nun keinen Druck von Aktionären, um möglichst schnell und um jeden Preis Gewinne zu erwirtschaften. Alles dürfe in Ruhe wachsen. "Auch das gehört zu einem ethischen Investment", erklärt Müller. Dafür brauche es jetzt ein tragfähiges Konzept, mit dem die Brauerei in die Zukunft gehen könne und dass auch den Rückhalt der Aufsichtsgremien von missio München bekomme. "Wir wollen keine Spendengelder einsetzen, die dann am Ende verpuffen. Das wäre verheerend", betont er.

Zunächst bedeutet das vor allem Investitionen in die Brauerei. Auch Gewinne, die das Unternehmen in Zukunft erwirtschaftet, sollen zum großen Teil wieder in die Brauerei fließen. Das langfristige Ziel ist daneben aber auch, dass Geld für die missio-Projekte in Asien, Afrika und Ozeanien generiert werden kann, in denen das Hilfswerk Bildungsprojekte, den Aufbau kirchlicher Infrastrukturen, die Gleichberechtigung von Männern und Frauen sowie den interreligiösen Dialog fördert. Das – da sind sich Geschäftsführer Obermeier und missio-Finanzchef Müller einig – wäre auch der Wunsch von Maria Anna Bruckmayer gewesen.

Von Christoph Brüwer