"Es wird dauernd geschossen, das ist jetzt normal"

Bischof von Charkiw: Leben nun in einer anderen traurigen Realität

Aktualisiert am 17.03.2022  –  Lesedauer: 
Bischof von Charkiw: Leben nun in einer anderen traurigen Realität
Bild: © Kirche in Not

München ‐ Wie dramatisch die Lage in der Ukraine wirklich ist, wird oft nur in Berichten aus erster Hand deutlich: Der katholische Bischof von Charkiw, Pavlo Honcharuk, zeichnet nun das Bild "einer ganz anderen traurigen Realität".

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Der römisch-katholische Bischof von Charkiw, Pavlo Honcharuk, hat die derzeitige Lage in seiner ukrainischen Stadt unter Beschuss als eine "ganz andere traurige Realität" beschrieben. "Es wird dauernd geschossen, das ist jetzt normal. Alles bebt, und es ist sehr laut", sagte der Kirchenmann dem in München ansässigen päpstlichen Hilfswerk Kirche in Not (Donnerstag). Die Fenster klirrten ständig, als würden gleich die Scheiben herausfallen. "Es ist sogar verdächtig, wenn es ruhig ist. Dann wissen wir nicht, was kommt."

Nach Honcharuks Worten sitzen die Menschen in Bunkern und Schutzkellern. Regelmäßig besuchten er und andere Priester sie in U-Bahn-Stationen, wo sie auf Bahnsteigen und in den Waggons Schutz suchten und schliefen. "Wir beten dort gemeinsam: Katholiken und Orthodoxe gemeinsam." Auch humanitäre Hilfe wie Medikamente, Essen und Windeln erreiche sie noch in kleinen Bussen oder Autos. Diese kämen auf den Straßen besser durch als Lkw.

Krankenhäuser können noch arbeiten

Die Krankenhäuser könnten noch arbeiten, versichert der Bischof. "Wir konnten auch Windeln an das psychiatrische Krankenhaus liefern, wo Menschen mehrere Tage ohne Hygieneartikel auskommen mussten." Die Kirche organisiere soweit möglich Hilfe: "Das ist jetzt unsere Mission." Vor allem aus der Westukraine träfen viele Hilfsgüter aus ganz Europa über die polnische Grenze ein. Das sei ein schönes Zeichen von Solidarität.

Ergreifende Szenen spielen sich laut Honcharuk am Bahnhof der Stadt ab. "Da kein Mann zwischen 18 und 60 Jahren das Land verlassen darf, verabschieden sich die Männer von ihren Frauen und Kindern, nicht wissend, wann und ob sie sich überhaupt jemals wiedersehen werden." Er sehe viel Traumatisierung in den Augen und in den Gesichtern, berichtet der Bischof. Nach dem Krieg gebe es sicher viele psychische Krankheiten. (KNA)