Offener Brief von "Maria 2.0" und "Wir sind Kirche"

Wegen Verschwörungsmythen: Papst soll Kardinal Müller Einhalt gebieten

Aktualisiert am 28.03.2022  –  Lesedauer: 

Dachau/München ‐ Kardinal Gerhard Ludwig Müller ist zuletzt wiederholt mit Äußerungen aufgefallen, die von Experten als Verschwörungsmythen und tendenziell antisemitisch wahrgenommen wurden. Kirchliche Reformgruppen fordern jetzt Konsequenzen für den Kardinal.

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Die beiden kirchlichen Reformgruppen "Maria 2.0" und "Wir sind Kirche" haben Papst Franziskus dazu aufgefordert, "dem unverantwortlichen Treiben von Kardinal Gerhard Ludwig Müller umgehend Einhalt" zu gebieten. "Wir halten es für nicht vertretbar, dass eine Person, die Verschwörungsmythen verbreitet und sich antisemitischer Chiffren bedient, als Richter am Obersten Gerichtshof der Apostolischen Signatur amtiert und als Mitglied des Kardinalskollegiums zum Kreis der potentiellen Papstwähler zählt", heißt es in einem am Montag veröffentlichten Offenen Brief der beiden Gruppierungen. Den Brief, der den Angaben zufolge bislang von rund 500 Katholiken in Deutschland unterschrieben wurde, richteten die Initiatoren an den Apostolischen Nuntius in Deutschland, Erzbischof Nikola Eterovic, mit der Bitte, ihn an den Papst weiterzuleiten.

Die Apostolische Nuntiatur bestätigte am Montagnachmittag auf Anfrage von katholisch.de den Eingang des Briefs. Das Schreiben an den Papst sei der Nuntiatur am Samstag als E-Mail zugegangen. "Der Brief wird von hier aus nach Rom weitergeleitet", erklärte ein Vertreter der diplomatischen Vertretung des Heiligen Stuhls in Berlin.

"Kardinal Müller hat der Kirche erneut schweren Schaden zugefügt"

Konkret kritisieren die Reformgruppen, dass Kardinal Müller in jüngerer Zeit mehrfach durch Äußerungen Aufsehen erregt habe, die sowohl in der Öffentlichkeit als auch von Fachleuten als Verschwörungsmythen und tendenziell antisemitisch wahrgenommen worden seien. "Auf die massive Kritik, die in den Medien daraufhin zum Ausdruck gebracht wurde, hat der Kardinal seine Äußerungen keineswegs korrigiert oder gar zurückgenommen, sondern sie, ganz im Gegenteil, noch bekräftigt und zum Teil sogar verschärft", heißt es in dem in vier Sprachen (Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch) übersetzten Brief wörtlich. Innerhalb wie außerhalb der katholischen Kirche hätten diese Äußerungen für erhebliche Irritationen gesorgt. Von einem Kardinal sei zu erwarten, sich an seriösen wissenschaftlichen Fakten zu orientieren und alles zu tun, um Spaltungen in Gesellschaft und Kirche zu vermeiden. "Doch Kardinal Gerhard Ludwig Müller hat mit seinen Aussagen der katholischen Kirche erneut schweren Schaden zugefügt", so die Reformgruppen.

Müller war von 2012 bis 2017 Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre und damit oberster Glaubens- und Sittenhüter der Kirche. Seine nach fünf Jahren turnusmäßig endende Amtszeit verlängerte Papst Franziskus nicht. 2021 berief der Papst ihn zum Richter an der Apostolischen Signatur. In den vergangenen Monaten sorgte Müller mit Aussagen zur Corona-Pandemie wiederholt für Aufsehen. So hatte er etwa im Dezember vergangenen Jahres in einem Interview mit dem katholisch-konservativen "St. Bonifatius Institut" aus Österreich die These vertreten, dass die Corona-Pandemie dafür genutzt werde, um "die Menschen jetzt gleichzuschalten" und einer "totalen Kontrolle" zu unterziehen. Anfang 2020 hatte er zudem ein Manifest des ehemaligen US-Nuntius und Erzbischofs Carlo Maria Vigano unterzeichnet. Darin hieß es, dass es Kräfte gebe, "die daran interessiert sind, in der Bevölkerung Panik zu erzeugen". Außerdem warnte das Papier vor "supranationalen Einheiten" mit unklaren Absichten, einer "Politik der drastischen Bevölkerungsreduzierung" und einem "beunruhigenden Auftakt zur Schaffung einer Weltregierung". (stz)

28.3., 15:55 Uhr: Ergänzt um Stellungnahme der Nuntiatur.