Kirchen in "Pantoffelweg"-Nähe sollen weniger werden

So wollen die Bistümer ihren Immobilienbestand reduzieren

Aktualisiert am 05.04.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Kirchen werden leerer, Pfarrheime sind oft nicht ausgelastet. Zugleich belastet der Unterhalt der Gebäude die Kirchenkassen. Die Bistümer in Deutschland streben einen Abbau von Immobilien an – dabei setzen sie unterschiedliche Prioritäten.

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Das Immobilienangebot soll Investoren locken: Satte 6.700 Quadratmeter umfasst das Grundstück in Gelsenkirchen-Erle. Der Stadtteil hat einiges zu bieten: mehrere Parks, ein "Sportparadies" und vor allem Fußnähe zum Schalke-Stadion. Ob Käufer zuschlagen, hängt aber davon ab, wie sie die anderen, durchaus speziellen Konditionen bewerten: Das Areal ist bebaut – mit einem Gemeindeheim, einem Pfarrhaus und einer Kirche.

Die Annonce findet sich nicht auf einem der üblichen Portale, sondern ist über die Website immobilienangebote.bistum-essen.de abrufbar. Die 42 Pfarreien der Diözese müssen sich in den kommenden Jahren von Gebäuden trennen. Wegen rückläufiger Katholikenzahlen und sinkender Kirchensteuer. Insgesamt stehen rund 270 Projekte an – einige davon finden sich auf dem diözesanen Online-Angebot.

Ruhrbistum nimmt Vorreiterrolle ein

Viele andere Diözesen in Deutschland sehen sich vor derselben Aufgabe. Denn Kirchen und Pfarrheime werden immer leerer. Bundesweit nimmt das Ruhrbistum bei dem Thema eine Vorreiterrolle ein: Es gründete eine Arbeitsstelle, die Pfarreien hilft, überzählige Gotteshäuser, Kitas und Gemeindehäuser professionell umzunutzen. Das Team "Immobilienraum" mit acht Mitarbeitenden stellt auch die Exposes ins Netz.

Das erst 1958 gegründete Ruhrbistum ist besonders mit dem Problem konfrontiert. Denn Gründerbischof Franz Hengsbach (1910-1991) löste einen Bauboom aus, damit jeder Katholik auf dem "Pantoffelweg" seine Kirche erreichen konnte. Das führt nun zu Handlungsdruck. Langfristig will das Bistum nur noch 84 Kirchen unterhalten – für rund 160 braucht es damit früher oder später eine neue Verwendung.

Die anderen 26 Bistümer in Deutschland haben mehr oder weniger ausgefeilte Ideen zur Gebäudereduktion. Mainz und Hildesheim wollen ihren Bestand in diesem Jahrzehnt halbieren. Das Erzbistum Paderborn entwickelte eine Dreistufen-Strategie, um von seinen 3.000 Bauten runterzukommen. Zunächst werden alle Pfarreien auf Stufe eins gestellt mit der eher theoretischen Annahme, dass es genügend Mittel für alle Bauten gibt. Das werde aber selten zutreffen. Womit Stufe 2 relevant wird: Zur Anpassung des Immobilienbestandes erarbeiten Experten des Erzbistums mit der Kirche vor Ort ein Konzept. In einer dritten Stufe kann eine Schwerpunktbildung erfolgen, bei der auch in Gebäude neu investiert werden kann.

Linktipp: Das sind die deutschen Bistümer

Die katholische Kirche in Deutschland gliedert sich in 27 Bistümer. Doch die könnten hinsichtlich ihrer Geschichte, Größe und Katholikenzahl unterschiedlicher nicht sein. Doch gerade diese Vielfalt macht das kirchliche Leben in Deutschland aus. In einer Serie stellt katholisch.de die Diözesen vor.

Im Erzbistum Hamburg sollen bis Ende 2022 alle rund 800 Immobilien unterteilt werden: In dauerhaft finanzierbare Primär- und in abstoßbare Sekundärimmobilien. In der Erzdiözese Bamberg sollen bis 2025 Konzepte für die 3.200 Objekte stehen. Aachen verweist darauf, dass es schon von 2011 bis 2016 einen Prozess angestoßen hat, wie sich rund 30 Prozent der Gebäude reduzieren lassen. Das Erzbistum Berlin hat ebenfalls vor Jahren eine Gebäudereduzierung beschlossen, und zwar um ein Viertel. Das Ziel sei aber nicht erreicht, hieß es. Ein Zeitplan mit Blick auf die rund 500 Gebäude existiere nicht.

Der Diözese Rottenburg-Stuttgart, deren Gemeinden 5.531 Gebäude halten, geht es "um eine klare Standortentwicklung und aktuell weniger um den Verkauf des Gebäudebestandes". Bis Ende 2023 gilt ein Baumoratorium für Gemeindehäuser aus den Jahren 1969 bis 1990. Denn die meist großen sowie energetisch veralteten Gebäude ließen sich nicht mehr einfach sanieren. Geprüft werde auch ein (Teil-)Neubau zwecks CO2-Reduzierung.

Andere Bistümer machen keine zeitlichen Vorgaben. Das Bistum Münster unterscheidet nach vollzogenen Pfarrei-Fusionen zwischen Pfarr- und Filialkirchen; letztere sollen "perspektivisch" profaniert werden. Im Erzbistum Freiburg steht zunächst ab 2025 eine Strukturreform mit der Bildung von 39 Pfarreien an, bevor es Immobilien reduziert.

Abwehrhaltung in den Gemeinden bleibt nicht aus

Aufgabe und Abriss von Kirchen und Pfarrheimen tut generell weh. Deshalb setzt das Ruhrbistum auf größtmögliche Autonomie der Pfarreien, die zwischen drei Unterstützungsformen wählen können: Sie lassen sich nur punktuell vom Team Immobilienraum helfen, etwa bei der Rücksprache mit dem Denkmalschutz. Möglich ist aber auch eine "kooperative Standortentwicklung" mit gemeinsam erstelltem Projektplan. Oder aber eine Pfarrei überlässt dem Bistum die ganze Sache.

"Trotz transparentem Prozess – wir stoßen immer wieder auf Abwehrhaltungen bei Gemeindemitgliedern", räumt der Leiter des Dezernats Kirchengemeinden, Marcus Klefken, ein. Emotionen kochten auch dann hoch, wenn Investoren die historische Fassade einer Kirche erhalten und nur im Innenraum eine Bäckerei, ein Altenheim oder Wohnungen einbauen. "Wir brauchen sehr viel Kreativität", so der Experte. Das gilt auch für das Ensemble in Gelsenkirchen-Erle. Eine Hürde ist dort, dass der Kitabetrieb weitergehen soll. Trotzdem berichtet Klefken von vielen Interessenten – ein Abschluss steht indes noch aus.

Von Andreas Otto (KNA)