Der Mariendom in Hamburg.
Serie: Unsere Bistümer

Erzbistum Hamburg: Deutschlands größte und jüngste Diözese

Das Erzbistum Hamburg war in der letzten Zeit vor allem wegen geplanter Schulschließungen in den Schlagzeilen. Doch auch wenn die größte deutsche Diözese vor vielen Herausforderungen steht, ist der Glaube dort sehr lebendig – nicht zuletzt wegen historischer Vorbilder.

Von Roland Müller |  Hamburg - 06.10.2019

Im Erzbistum Hamburg ist die Ökumene von besonderer Bedeutung für das kirchliche Leben. Kein Wunder, denn die flächenmäßig größte deutsche Diözese erstreckt sich über das Gebiet der sehr protestantisch geprägten Bundesländer Hamburg und Schleswig-Holstein. Katholiken sind dort eher selten anzutreffen. Einige der knapp 400.000 Gläubigen des Erzbistums leben zudem im westlichen Teil des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern – und damit in einer noch extremeren Diaspora-Situation. Denn dort sind vier von fünf Bürgern konfessionslos.

Angesichts dieser Voraussetzungen arbeitet das Erzbistum Hamburg eng mit den anderen christlichen Kirchen zusammen – besonders mit den Protestanten, der größten Konfession im Norden. Ein Projekt, das die Bedeutung dieser Zusammenarbeit anschaulich zeigt, ist das Ökumenische Forum in der HafenCity, einem 2008 gegründeten Stadtteil im Hamburger Zentrum. Um den christlichen Glauben in dem noch bis zum Jahr 2030 wachsenden Bezirk im Bewusstsein der Bewohner wach zu halten, haben sich 19 Kirchen zusammengeschlossen und das Ökumenische Forum ins Leben gerufen. Neben einer Kapelle gibt es in dem Gebäude des Forums ein Bistro sowie Veranstaltungs- und Wohnräume. Auch eine ökumenische Gemeinschaft ist dort zu Hause.

Verehrung der Lübecker Märtyrer begann mit Startschwierigkeiten

Als besonders eindrückliches Beispiel der Ökumene zwischen Katholiken und Protestanten werden im Erzbistum Hamburg die Lübecker Märtyrer verehrt. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten hatten in Lübeck die drei Priester Johannes Prassek, Eduard Müller und Hermann Lande sowie der evangelischer Pastor Karl Friedrich Stellbrink gemeinsam versucht, Widerstand gegen das Regime zu leisten. Nach einer kritischen Predigt Stellbrinks verhaftete die Gestapo die vier Geistlichen 1942. Mehrere Monate nach dem Todesurteil wurden die Lübecker Märtyrer, die sich trotz ihrer unterschiedlichen Kirchenzugehörigkeit als Brüder im Geiste verstanden, im Abstand von wenigen Minuten nacheinander enthauptet. Rasch setzte eine ökumenische Verehrung der Glaubenszeugen ein, auch wenn sich die evangelische Kirche aufgrund der Rolle Stellbrinks anfangs schwer damit tat. Der Pastor hatte mit seinem Wirken gegen die staatliche Autorität gehandelt und damit gegen geltende Gesetze verstoßen – etwas, das von konservativen protestantischen Gruppen abgelehnt wurde.

Gedenkausstellung an die vier Lübecker Märtyrer in der Krypta der Herz-Jesu-Kirche.
Bild: © KNA

Die vier Lübecker Märtyrer werden im Erzbistum Hamburg besonders verehrt.

Zum 60. Jahrestag der Hinrichtung der Lübecker Märtyrer kündigte der damalige Hamburger Erzbischof Werner Thissen an, einen Seligsprechungsprozess für die drei Priester einzuleiten. Dem war eine lange Diskussion innerhalb des Erzbistums vorausgegangen, ob eine Erhebung zur Ehre der Altäre überhaupt sinnvoll sei, da sie dem ökumenischen Andenken der Märtyrer schaden könnte: Schließlich verwehrt das Kirchenrecht dem Protestanten Stellbrink die Kanonisierung. Doch zu Beginn des Prozesses wurde eine ökumenische Begleitgruppe ins Leben gerufen, um das gemeinsame Gedenken weiterhin zu gewährleisten. Am Gottesdienst zur Seligsprechung im Juni 2011 in Lübeck nahmen daher auch zahlreiche evangelische Christen teil. Kardinal Walter Kasper, ehemaliger Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, ging in seiner Predigt neben den neuen Seligen auch auf das Glaubenszeugnis des Protestanten Stellbrink lobend ein.

Als die Lübecker Märtyrer seliggesprochen wurden, existierte das Erzbistum Hamburg gerade einmal 16 Jahre. Es ist die jüngste deutsche Diözese und wurde 1995 errichtet, um die Strukturen der Kirche nach der deutschen Wiedervereinigung an die politischen Gegebenheiten anzunähern. Zudem ist Hamburg eines der wenigen Bistümer, das sich sowohl über Gebiete der alten Bundesrepublik als auch über Landstriche der ehemaligen DDR erstreckt. Doch trotz der Gründung des Erzbistums vor erst 24 Jahren, blickt das Christentum in der Region auf über 1.200 Jahre Kirchengeschichte zurück.

Reformation schränkte das katholische Leben im Norden stark ein

Nachdem die ersten Missionsversuche auf dem heutigen Gebiet Schleswig-Holsteins um das Jahr 700 noch erfolglos waren, konnte sich der christliche Glaube dort erst etablieren, als Karl der Große die Region im 9. Jahrhundert in das Frankenreich eingliederte. 810 wird in Hamburg eine Taufkirche gegründet, knapp 25 Jahre später wurde der Benediktinermönch Ansgar zum ersten Bischof des neuerrichteten Bistums Hamburg geweiht. 845 musste er vor den Wikingern fliehen, die Hamburg plünderten, und verlegte den Sitz der inzwischen zum Erzbistum erhobenen Diözese nach Bremen. Schnell wurden beide Gebiete zum Erzbistum Hamburg-Bremen vereinigt; der Sitz blieb in der Stadt an der Weser, das Hamburger Domkapitel bestand – mit Sonderrechten ausgestattet – jedoch weiter. In den folgenden Jahrhunderten wurden weitere Bistümer in Holstein und Mecklenburg gegründet, die ihre Bischofssitze in Lübeck und Schwerin hatten.

Die Reformation schränkte das katholische Leben im Norden stark ein und die bestehenden Bistümer erloschen. 1670 wurden die Gebiete Skandinaviens und Norddeutschlands dem Apostolischen Vikariat der Nordischen Missionen zugeordnet, das zunächst von Hannover aus, danach in der Regel von Bischöfen mit Sitz in Osnabrück oder Paderborn verwaltet wurde. In dieser Zeit gab es nur wenige geduldete katholische Gemeinden auf dem Gebiet des Vikariats.

Eine Zeichnung des seligen Niels Stensen
Bild: © KNA

Der selige Niels Stensen (1638 - 1686) war Wissenschaftler und Weihbischof.

Der wohl berühmteste Apostolische Vikar war der aus Dänemark stammende Konvertit Niels Stensen. Der Wissenschaftler und Weihbischof war von 1677 bis zu seinem Tod 1686 für die norddeutschen Katholiken zuständig. In seinen letzten Lebensjahren diente Stensen als einfacher Seelsorger ohne bischöfliche Insignien den verbliebenen Gläubigen in Schwerin. 1988 wurde er von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Doch Stensen ist nicht nur für sein religiöses Leben bekannt: Seine naturwissenschaftlichen Untersuchungen auf den Gebieten der Anatomie, Mineralogie und Paläontologie waren zu seiner Zeit wegweisend. Wilhelm von Humboldt bezeichnete ihn sogar als „Vater der Geologie“.

Für die Gebiete des heutigen Erzbistums Hamburg begann gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine bis heute währende enge Beziehung zum Bistum Osnabrück: Der dortige Ortsbischof erhielt 1886 dauerhaft die Zuständigkeit für die Katholiken der norddeutschen Missionsgebiete. Wie im Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und Preußen 1929 vereinbart, wurde das Gebiet ein Jahr später dem Bistum Osnabrück sogar eingegliedert. Das Apostolische Vikariat war damit Geschichte.

Erzbistum steht vor großen Herausforderungen

Nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte sich für das zur DDR gehörende Gebiet des Bistums Osnabrück eine kirchenrechtliche Sonderstellung: War dort aufgrund der politischen Situation im Auftrag des Osnabrücker Bischofs ab 1946 ein Bischöflicher Kommissar mit Sitz in Schwerin für die Region Mecklenburg zuständig, setzte der Heilige Stuhl 1973 einen Apostolischen Administrator ein. Die rechtliche Zugehörigkeit zur Mutterdiözese blieb davon unberührt, die Jurisdiktion des Osnabrücker Bischofs für die Region wurde jedoch aufgehoben. Seit der Wiedererrichtung des Erzbistums im Jahr 1995 hat sich das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Osnabrück und Hamburg jedoch umgekehrt: Heute ist der Hamburger Erzbischof als Metropolit der Kirchenprovinz ein „Vorgesetzter“ des Osnabrücker Bischofs – auch wenn seine Rechte zumeist repräsentativer Natur sind.

Im Erzbistum Hamburg finden heute Katholiken aus aller Welt ein Zuhause im Glauben. Jeder fünfte Gläubige ist fremdsprachig, wobei Polen, Italiener und Portugiesen dominieren. Ebenso wie viele andere Bistümer steht Hamburg jedoch auch vor großen Herausforderungen: Hohe Austrittszahlen und Priestermangel haben Pfarreizusammenlegungen und die geplante Schließung mehrerer Schulen notwendig gemacht. Dagegen hatte es zuletzt lautstarke Proteste, aber auch Initiativen gegeben, die einige Schulen durch eine alternative Finanzierung retten konnten. Die Hamburger Katholiken wissen durch ihr Leben in der Diaspora eben, dass der Glaube viel eigenes Engagement verlangt.

Von Roland Müller