Das Freiburger Münster und die umgebenden Häuser.
Serie: Unsere Bistümer

Erzbistum Freiburg: Von der "Pfaffengasse" zur Caritas-Hochburg

Auf dem Gebiet des Erzbistums Freiburg hat das Christentum bereits eine lange Tradition: Vor 1.500 Jahren missionierten irische Wandermönche die dort lebenden Alemannen. Doch das Erzbistum wurde vor nicht einmal 200 Jahren gegründet – mit einem sehr holprigen Start.

Von Roland Müller |  Freiburg - 14.09.2019

"Organisieren, Studieren, Publizieren" – unter diesem Leitwort gründete der Freiburger Priester Lorenz Werthmann 1897 den "Caritasverband für das katholische Deutschland". Er hatte sich zuvor intensiv mit den sozialen Nöten seiner Zeit beschäftigt und wollte Notleidenden durch die drei angesprochenen Punkte helfen: die Bündelung einzelner Hilfsaktionen; eine professionelle und fachlich kompetente Unterstützung; die Schaffung eines "allgemeinen Caritas-Bewußtseins". Heute ist die Caritas einer der größten Wohlfahrtsverbände Deutschlands. Sie hilft 13 Millionen Menschen im Jahr und beschäftigt mehr als 650.000 hauptamtliche Mitarbeiter. Der Hauptsitz des Caritas-Dachverbandes ist noch heute, wie von Werthmann beschlossen, in Freiburg – einer seit mehr als 1.500 Jahren vom Christentum geprägten Stadt.

Bereits im 6. Jahrhundert hatten die irischen Wandermönche Fridolin, Lanolin, Trudpert und Gallus die Alemannen an Rhein und Bodensee missioniert. Doch als der Caritasverband gegründet wurde, war Freiburg erst seit etwas mehr als 75 Jahren Bischofssitz. 1821 wurde das Erzbistum Freiburg aus Teilen des aufgelösten Bistums Konstanz und der Diözesen Mainz, Straßburg, Worms, Speyer und Würzburg gegründet. Es umfasst die Gebiete des früheren Großherzogtums Baden und der ehemaligen Hohenzollerschen Lande und ist heute damit neben dem Bistum Rottenburg-Stuttgart eine der beiden Diözesen im Bundesland Baden-Württemberg.

Das bedeutendste Vorgängerbistum Freiburgs war die Diözese Konstanz. Sie wurde um 585 als Missionszentrum gegründet. Das Bistum Konstanz reichte vom Bodensee bis in die heutige Schweiz und auch das Allgäu gehörte zu dem Gebiet, das im 12. Jahrhundert nach den Bistümern Prag und Salzburg die größte Diözese im Heiligen Römischen Reich war. Es gehörte zur sogenannten "Pfaffengasse", dem Landstrich entlang des Rheins von der Schweiz über Straßburg, Mainz und Trier bis nach Köln, der dadurch gekennzeichnet war, dass dort die Bischöfe neben der geistlichen Gewalt auch die weltliche Herrschaft ausübten.

Blick auf ein großes altes Haus mit dunkler Vertäfelung.
Bild: © KNA

Von 1414 bis 1418 fand das Konstanzer Konzils statt. Das mittelalterliche Konzilsgebäude befindet sich am Hafen der Bodensee-Stadt.

Von 1414-18 rückte die Stadt am Bodensee in das Zentrum der Weltöffentlichkeit: Mit dem Konzil von Konstanz wollte Kaiser Sigismund das Abendländische Schisma beenden. Denn seit 1378 hatte es aufgrund politischer Konflikte zweitweise bis zu drei Päpste gegeben, die für sich beanspruchten, Nachfolger Petri und Stellvertreter Jesu Christi zu sein. Sigismund wollte die in verschiedenen Anhängerschaften zerstrittene Christenheit wieder einen, um so seine eigene Macht zu festigen. Dies gelang ihm, da das Konzil die drei konkurrierenden Päpste absetzte und 1417 in einer von allen Parteien anerkannten Abstimmung Papst Martin V. an die Spitze der Kirche wählte.

Die Gründung des Erzbistums verlief holprig

Nicht ganz 400 Jahre später wurde schließlich das Fürstbistum Konstanz im Zuge der Säkularisation aufgehoben, als kirchliche Einheit bestand es weiterhin fort. Der neue Staat Baden beanspruchte jedoch auch in kirchlichen Dingen die Oberhoheit über die Katholiken, ebenso wie die Landesherren es gewohnt waren, über ihre evangelischen Untertanen bestimmen zu können. Deshalb war man bestrebt, Landes- und Bistumsgrenzen in Einklang zu bringen. Für das angestrebte "Kirchenregiment" wurde im badischen Kultusministerium eigens eine Abteilung eingerichtet. Auf dem Gebiet des Großherzogtums kam es zur einfacheren Einflussnahme auf die Kirche schließlich zur Gründung des Erzbistums Freiburg. Dazu wurde nicht die protestantisch geprägte Landeshauptstadt Karlsruhe als Bischofssitz gewählt, sondern die katholische Stadt Freiburg im Breisgau.

Die Gründung verlief jedoch holprig: Die Wahl eines Bischofs gestaltete sich schwierig, denn der Papst lehnte den ersten Kandidaten Ignaz von Wessenberg ab. Der aufgeklärte Theologe hatte sich zuvor für die Gründung einer deutsch-katholischen Nationalkirche eingesetzt und war 1817 vom Domkapitel an die Spitze des Bistums Konstanz gewählt worden. Der Papst lehnte seine Wahl aufgrund seiner josephinistischen Einstellung jedoch ab und seine Berufung auf den Bischofsstuhl in Freiburg, obwohl von der badischen Landesregierung gewollt, war nicht erfolgreich. Der zweite Kandidat starb während der Verhandlungen. So wurde 1827, sechs Jahre nach der Errichtung des Erzbistums, der bisherige Freiburger Münsterpfarrer Bernhard Boll zum ersten Bischof der neuen Diözese geweiht.

Bild: © KNA

Conrad Gröber war von 1932-1948 Erzbischof von Freiburg. Wegen seiner zwiespältigen Haltung zum Nationalsozialismus ist er umstritten.

Doch die dauerhaften Spannungen zwischen Kirche und Staat sollten im Badischen Kulturkampf erst noch ihren Höhepunkt erreichen. In den 1850er Jahren wollten die Bischöfe der oberrheinischen Kirchenprovinz eine größere Unabhängigkeit von der Landesregierung, etwa bei der Besetzung von Pfarrstellen oder der Verwaltung des Kirchenvermögens. In diesen Punkten hatte der Staat ein Mitspracherecht. Das Großherzogtum ließ sich darauf nicht ein und reagierte mit Gegenmaßnahmen. Der dritte Freiburger Erzbischof Hermann von Vicari belegte staatliche Beamte mit dem Kirchenbann und wurde daraufhin unter Hausarrest gestellt. Vicari, der als ältester amtierender Bischof der damaligen Zeit 1868 mit 94 Jahren starb, wurde durch seine Standhaftigkeit gegen die als Bevormundung empfundene staatliche Kontrolle zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten des deutschen Katholizismus im 19. Jahrhundert. Nach seinem Tod blieb der Bischofsstuhl des Erzbistums wegen des Kulturkampfes 14 Jahre vakant.

Conrad Gröber: Ein umstrittener Erzbischof

Das Badische Konkordat, das 1932 zwischen der jungen Republik Baden und dem Heiligen Stuhl geschlossen wurde, markierte einen doppelten Wendepunkt in der Beziehung zwischen Kirche und Staat auf dem Gebiet des Erzbistums Freiburg: Zum einen regelte es die Organisation der Erzdiözese dauerhaft und räumte sowohl dem Domkapitel als auch dem Staat weitreichende Einflussmöglichkeiten ein, etwa bei der Besetzung des Bischofsstuhls. Zum anderen läutete die im März erfolgte Ratifizierung des Konkordates die Zeit der Nazi-Herrschaft ein, denn sie war die letzte Amtshandlung der badischen Staatsregierung vor ihrer Absetzung durch die Nationalsozialisten.

Erzbischof Conrad Gröber, der den Abschluss des Konkordates tatkräftig unterstützt hatte, ist wegen seines Verhältnisses zum Nationalsozialismus bis heute umstritten. Seine offene Unterstützung für die Nazis in den ersten beiden Jahren nach der Machtergreifung brachte ihm den Spitznamen "brauner Conrad" ein. So erlaubte er etwa den "Deutschen Gruß" im Religionsunterricht, setzte sich für die Eingliederung der Katholischen Jugend in die Hitlerjugend ein und wurde Fördermitglied der SS. Auch übernahm er in einigen Predigten das antisemitische NS-Vokabular und bot den neuen Machthabern an, mit ihnen zu kooperieren. Nach 1935 begann Gröber jedoch verstärkt damit, die Nazis zu kritisieren, insbesondere wegen der Euthanasie-Morde an Menschen mit Behinderungen und dem Boykott von jüdischen Geschäften – anders als viele seiner Bischofskollegen. Nach dem Kriegsende genoss der Erzbischof bei vielen großes Ansehen wegen seiner Reden gegen das Regime.

Erzbischof Stephan Burger (vorne) und sein Vorgänger Robert Zollitsch
Bild: © KNA

Erzbischof Stephan Burger (vorne) und sein Vorgänger Robert Zollitsch beim Auszug aus dem Freiburger Münster - nach Burgers Bischofsweihe im Juni 2014.

1974 wurden vom Erzbistum Freiburg die Beziehungen zu anderen Konfessionen durch eine deutschlandweit einmalige Regelung gestärkt: die ökumenische Trauung nach Formular C. Während konfessionsverbindende Ehepaare in allen anderen Bistümern zwar eine Trauung mit Geistlichen verschiedener Kirchen feiern können, richtet sich der Gottesdienst nur nach einer der beiden Konfessionen. In Freiburg gibt es jedoch eine Liturgie, in der die Pfarrer gleichberechtigt und gemeinsam den Gottesdienst leiten.

Auch in die Weltkirche hat das Erzbistum Brücken geschlagen. Durch den "Pacto de Hermandad" mit der Kirche im südamerikanischen Peru wurde ein "geglücktes Modell weltkirchlicher Verbundenheit" ins Leben gerufen, wie es Erzbischof Oskar Saier ausdrückte. Saier hatte 1986 die Partnerschaft ins Leben gerufen. Eine besondere Bedeutung haben dabei zahlreiche Freiwillige, die für ein Jahr nach Peru gehen, um in den jeweiligen Partnergemeinden mit zu leben und sich einzubringen. Aus dieser Partnerschaft ist sogar ein Bischof hervorgegangen: 2017 ernannte Papst Franziskus den Freiburger Priester Reinhold Nann zum Bischof der Territorialprälatur Caravelí in Peru. Nann hatte zuvor viele Jahre als Priester in dem Andenland gelebt.

Mit Erzbischof Robert Zollitsch stellte Freiburg von 2008 bis 2014 erstmals den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz. Er wurde überraschend als Kompromisskandidat in dieses Amt gewählt. Im September 2011 begrüßte er Papst Benedikt XVI. bei seinem ersten offiziellen Staatsbesuch in Deutschland in Freiburg.

Aktuell muss sich das Erzbistum den gleichen Herausforderungen stellen wie alle anderen Diözesen: Sinkende Gläubigenzahlen, Priestermangel, Umstrukturierungen. Das Konzept "Kirchenentwicklung 2030" sieht vor, dass aus etwa 1.000 Einzelpfarreien zu 40 Großgemeinden werden. Eine große Herausforderung, dem sich die Bistumsleitung um Erzbischof Stephan Burger gemeinsam mit allen Gläubigen stellen muss. Die knapp 200-jährige Geschichte des Erzbistums mit allen Höhen und Tiefen mag dabei sicherlich helfen.

Von Roland Müller