Erzbischof warnt neue Regierung vor einem Kahlschlag

Kulturkampf in Luxemburg?

Aktualisiert am 17.09.2014  –  Lesedauer: 
Politik

Luxemburg ‐ Seit knapp zehn Monaten regiert in Luxemburg eine Koalition aus Liberalen, Sozialisten und Grünen. Zu deren Reformvorhaben zählt eine radikale Veränderung der Staat-Kirche-Beziehungen. Luxemburgs Erzbischof Jean-Claude Hollerich (56) äußert sich besorgt über die Zukunft der Kirche in seinem Land. Im Interview spricht er aber auch über die Orientierung an der katholischen Kirche in den Nachbarländern und zur Diözesan-Synode in Trier.

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Frage: Herr Erzbischof, Luxemburg hat sich stark säkularisiert. Nun hat die Säkularisierung auch zu einem Regierungswechsel geführt. Bricht in Luxemburg ein Kulturkampf los zwischen einer linksliberalen Regierung und der Kirche?

Hollerich: Es könnte ein Kulturkampf sein, aber ich hoffe, dass es keiner wird. Manches muss natürlich geändert werden, wir können nicht mit denselben Regelungen leben wie vor 50 Jahren. Wir sind mit der Realität konfrontiert worden. Vielleicht aufgeweckt aus Träumereien von einer heilen Vergangenheit - und das kann heilsam sein. Ein Kulturkampf aber wird es werden, wenn man uns die freie Religionsausübung einschränkt. Das werde ich auf keinen Fall hinnehmen.

Frage: Gibt es denn Tendenzen, die so weit gehen?

Hollerich: Es gibt Vereinigungen von Agnostikern, die sehr aggressiv gegenüber der Kirche sind. In ihrem Weltbild sind wir Inquisition, Hexenverbrennung, Pädophilie und sonst nichts. Obwohl es nur eine Gruppe ist, hat sie in den regierenden Parteien Einfluss. Aber die müssen auch wissen, dass ihr Wahlvolk die Dinge etwas anders sieht.

Frage: Zu den Angriffszielen der Reformer zählen die Staatsgelder für Priester und Religionslehrer. Droht der Kirche die Pleite?

Hollerich: Wir sind eine arme Kirche. Wir haben unsere Finanzen veröffentlicht, die kann jeder sehen. Wenn wir diese Gehälter selbst zahlen müssten, die bis jetzt der Staat zahlt, könnten wir etwa drei Jahre leben. Danach wären wir bankrott. Ich hoffe nicht, dass es so radikal wird. Mehr möchte ich jetzt dazu nicht sagen, weil wir in Verhandlungen sind, Ende des Jahres wissen wir mehr.

Bild: ©Erzbistum Luxemburg

Jean-Claude Hollerich ist seit 2011 Erzbischof von Luxemburg.

Frage: Und was wird aus dem Religionsunterricht, den die Regierung abschaffen will?

Hollerich: Wir sind bereit, auf den Religionsunterricht zu verzichten, wenn man einen Religionen-Unterricht einführt. Der müsste vom Rat der staatlich anerkannten Religionsgemeinschaften gestaltet werden, und zwar gemäß dem jeweiligen Bevölkerungsanteil.

Frage: In Deutschland ist vieles im Staat-Kirche-Verhältnis über Konkordate geregelt. Wie ist das in Luxemburg?

Hollerich: Im Prinzip gilt bei uns wie in Elsass-Lothringen und in Belgien noch immer das napoleonische Konkordat von 1801, auch wenn vieles nicht mehr eingehalten wird. Demnach gehören etwa die Kirchengebäude den Zivilgemeinden. Der Heilige Stuhl hat in den letzten Jahrzehnten viele internationale Verträge geschlossen. Auch Luxemburg wäre gut beraten, dies zu tun. Der Vatikan ist bereit. Und so ein Konkordat könnte auch anderen Religionsgemeinschaften bei uns von Nutzen sein.

Frage: Vor drei Jahren kamen Sie aus Japan nach Luxemburg. Welche Kirche fanden Sie mit Ihrem von außen geschärften Blick vor?

Hollerich: Eine Stärke ist die Internationalität. Wir haben hier viele Grenzgänger und 45 Prozent Ausländer. Ein Großteil sind Portugiesen, die Pfarreien der Luxemburger sind eher veraltet. Es fehlt an Dynamik, an Neuem. Die Auslandsgemeinden sind viel jünger; man sieht auch noch Kinder und Jugendliche, und die sind der gesündeste Teil dieser Kirche. Und deshalb müssen wir weg von der Idee, dass sie eine getrennte Sonderwelt in unserer Kirche sind. Ich bin auch der Bischof der portugiesischstämmigen Luxemburger.

Frage: Orientiert sich die katholische Kirche in Luxemburg eigentlich stärker nach Deutschland oder nach Frankreich?

Hollerich: Bisher mehr nach Deutschland. Ich möchte mich aber stärker an Frankreich orientieren - weil wir ärmer werden und nicht das Geld haben wie die deutsche Kirche. Die können wir gar nicht nachahmen, unsere Situation ist eine ganz andere. Und weil die soziologische Dimension Luxemburgs mehr zum französischem Raum hinneigt. Die Mentalität, die Erneuerung, wie Kirche verstanden wird, was die Leute von Kirche erwarten, ist ganz verschieden. Erstmals habe ich jetzt einen Seminaristen nach Paris geschickt zum Studium. Ein anderer ist aber weiterhin in Trier.

Stadtansicht von Luxemburg.
Bild: ©Horváth Botond/Fotolia.com

Stadtansicht von Luxemburg.

Frage: Apropos Trier. Wie nehmen Sie die dortige Diözesan-Synode wahr?

Hollerich: Ich finde das eine sehr gute Initiative. Bei großen Reformprozessen muss das Volk Gottes eingebunden sein. Wir haben zwei Beobachter entsandt. In späteren Jahren kann ich mir das auch für Luxemburg vorstellen. Ich finde es eine ganz tolle Initiative. Sie sollte aber nicht verlaufen wie die letzte in Luxemburg, die vor allem viele Papiere produzierte. Aber das schwebt Bischof Stefan Ackermann ja auch nicht vor. Es geht um die Frage: Wie positioniert die Kirche sich seelsorgerisch in der Zukunft? Wie können die neuen, größeren Pfarreien missionarisch sein?

Frage: Was heißt das konkret?

Hollerich: Vor allem geht es um die Jugend. Ich war neulich mit vielen Jugendlichen auf Auslandsreise und habe gelernt, wie anders ihre Kultur ist. Sie hängen ständig am Netz. Sie haben Angst vor Liebe, weil sie Beziehungen sehen, die nicht halten. Sie haben Angst, ob sie einen Job bekommen. Sie sind weit individualistischer als wir - und gerade deshalb auf der Suche nach Gemeinschaft. Ich habe Jugendliche kennengelernt, die haben noch nie in einer Familie zusammen gegessen. Das war ganz neu für sie, dass man gemeinsam isst.

Wenn wir mit ihnen sprechen wollen, müssen wir ihre Kultur erlernen, mit ihnen sein. Und ich war erstaunt, wie gut die bei Predigen zuhören. Sie sind neugierig.

Frage: Woran liegt das?

Hollerich: Sie spüren, wenn man sie mag, glaube ich. Das hilft. Sie akzeptieren auch Kritik. Wir diskutieren darüber, manchmal kommen sie, um sich zu entschuldigen. Einige beichteten sogar, zum ersten Mal in ihrem Leben. Und da ist es sehr interessant, was sie als Sünde empfinden und was nicht. Da muss man halt offen für den Dialog sein.

Das Interview führte Ludwig Ring-Eifel (KNA)