Ostern fällt dieses Jahr in den Ramadan

Kreuzwegprozessionen in Jerusalem und Gewalt am Tempelberg

Aktualisiert am 15.04.2022  –  Lesedauer: 

Jerusalem ‐ Endlich dürfen auch wieder auswärtige Pilger am Kreuzweg in der Jerusalemer Altstadt teilnehmen. Am Rande der Prozessionen kam es aber auch zu Gewalt zwischen Palästinensern und israelischen Polizisten, die in eine Moschee eindrangen.

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Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen haben am Freitag die traditionellen Kreuzwegprozessionen in der Jerusalemer Altstadt stattgefunden. Am Zugweg kam es zeitweise zu Gedränge und Auseinandersetzungen zwischen einheimischen Christen und Muslimen, die zum zweiten Freitag im Ramadan auf den Tempelberg strömten.

Den Anfang der Prozessionen entlang der Via Dolorosa mit den 14 Stationen des Leidenswegs Jesu von seiner Verurteilung bis zur Kreuzigung und zum Grab machte die Lateinische Pfarrei von Jerusalem, die begleitet von Pfadfindern und Polizeibeamten mit zwei großen Holzkreuzen durch die Gassen der Altstadt zog. Viele Menschen trugen im Gedenken an den Kreuzestod Jesu schwarze Trauerbinden.

Anschließend zogen die Franziskaner mit Kustos Francesco Patton über die Via Dolorosa bis zur Grabeskirche. Aufgrund der islamischen Mittagsgebete fand die Prozession auf polizeiliche Anordnung früher statt als üblich. Erstmals seit Beginn der Pandemie schlossen sich auch wieder ausländische Pilger dem Kreuzweg an. Die Polizei errichtete an zahlreichen Stellen in der Altstadt Barrieren, um die Pilgerströme zur Grabeskirche und zum Tempelberg zu kontrollieren.

Kreuzabnahme und Grablegung

Am Freitagabend wird die seit Jahrhunderten von den Franziskanern gepflegte Tradition der Kreuzabnahme und Grablegung in der Grabeskirche gefeiert. Dazu wird auf dem Golgota-Hügel eine hölzerne Jesusfigur vom Kreuz abgenommen, auf dem Salbstein gesalbt und zum Grab getragen.

Aufgrund verschiedener Kalendersysteme begehen die Ostkirchen Ostersonntag in diesem Jahr erst am 24. April. In diesem Jahr fallen die christlichen Osterfeiern und das am Freitagabend mit dem Seder-Mahl beginnende einwöchige jüdische Pessachfest in den islamischen Fastenmonat Ramadan, der am 1. April begonnen hat.

Bild: ©KNA/Andrea Krogmann

Die Prozessionen fanden unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt.

Am frühen Freitagmorgen kam es auf dem Tempelberg, arabisch Haram al-Scharif, zu mehrstündigen Zusammenstößen zwischen Palästinensern und israelischen Polizisten, bei denen laut örtlichen Medienberichten drei Beamte und mindestens 152 Palästinenser verletzt wurden, acht von ihnen schwer. Israelische Polizisten drangen demnach in die Al-Aksa-Moschee ein, nachdem palästinensische Steinewerfer sich in dem Gotteshaus verbarrikadiert hatten. Nach Polizeiangaben wurden hunderte Personen festgenommen. Für die Mittagsgebete sollte die Heilige Stätte wieder wie geplant für Zehntausende Beter geöffnet werden.

Polizisten dringen in Moschee ein

Palästinensische Gruppen verurteilten das Eindringen der israelischen Polizisten in die Moschee. Das palästinensische Präsidialamt bezeichnete das Vorgehen der israelischen Polizei als "ernste Eskalation und Kriegserklärung" und rief zum internationalen Eingreifen auf, während Hamas und die Terrorgruppe "Islamischer Dschihad" laut Berichten zu Massenbesuchen von Palästinensern auf dem Haram al-Scharif aufriefen.

Der israelische Minister für öffentliche Sicherheit, Omer Bar-Lev, betonte unterdessen, Israel habe "kein Interesse daran, dass der Tempelberg zu einem Epizentrum der Gewalt wird, das sowohl muslimische Gläubige dort als auch jüdische Gläubige an der Klagemauer verletzt".

Die Spannungen am Tempelberg hatten sich verschärft, nachdem eine radikale jüdische Tempelaktivistengruppe mit einer Kampagne für die Durchführung eines rituellen Pessachopfers auf dem Tempelberg geworben hatten. (KNA)