Kirchliches Denken und Handeln widersetze sich moderner Steigerungslogik

Soziologe Rosa: Kirchen haben nach wie vor große Bedeutung

Aktualisiert am 25.04.2022  –  Lesedauer: 

Konstanz ‐ Immer mehr Menschen treten aus den großen Kirchen in Deutschland aus. Für den Soziologen Hartmut Rosa haben die Kirchen aber trotzdem noch eine große Bedeutung für die Gesellschaft – besonders in einem Bereich.

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Nach Ansicht des Jenaer Soziologen Hartmut Rosa haben die Kirchen in Deutschland allein zahlenmäßig noch eine große Bedeutung. "Wenn man etwas sucht, das nicht per se auf Wachstum und Beschleunigung angelegt ist, dann ist es die Kirche", sagte Rosa in einem Interview mit dem "Südkurier" (Sonntag). Kirchliches Denken und Handeln haben einen Charakter, der sich der modernen Steigerungslogik entgegensetze. "Darüber hinaus ist insbesondere die katholische Kirche die älteste soziale Organisation überhaupt, die ungebrochen seit Jahrhunderten Bestand hat", so der Soziologie-Professor.

Natürlich hätten die Kirchen in der Gesellschaft an moralischer Autorität eingebüßt und seien momentan nicht mehr die Stimme, an der man sich orientiere. "Darüber hinaus ist jedoch zu sagen, dass sie mit vielen caritativen Einrichtungen, insbesondere Caritas und Diakonie, von Kindergärten angefangen über Krankenhäuser bis hin zu Pflegestiften institutionell noch einen ganz großen Wert für die Gesellschaft haben."

Religion weltweit nicht am Verschwinden

In der Soziologie habe man lange die These vertreten, dass Religion in einer zunehmend säkularen Welt immer mehr an Bedeutung verliere. Inzwischen stelle man aber fest, dass das nur für westeuropäische Gesellschaften gelte. "Weltweit ist Religion, anders als hier, durchaus nicht am Verschwinden." Was die vermehrten Kirchenaustritte in Deutschland mit der Gesellschaft machten, sei schwer zu sagen. Da die traditionell maßgebende moralische Instanz verschwunden sei, müssten Prozesse neu ausgehandelt werden, so Rosa. "Das kann die Gesellschaft konfliktreicher, aber auch freier und flexibler machen."

Er selbst sei nicht christlich aufgewachsen. Das "musikalische Ganzkörpererlebnis" der Orgel habe ihn als Jugendlichen allerdings fasziniert. Er habe dadurch beschlossen, das Orgelspielen zu erlernen und sie so auch in den Religionsunterricht gegangen. "So wurde ich in die Kirche hineinsozialisiert", sagte er. Religion und kirchliche Angebote sehe er weniger als Welterklärung oder theoretisches Angebot für Fragen etwa über die Entstehung des Lebens, "sondern als einen Erfahrungsraum, dessen religiöse Rituale wie Abendmahl oder Segen und Gebet eine Form von Weltbeziehung stiften, die ich als Resonanzbeziehung beschreibe." (cbr)