Rosenkranz als Modeschmuck und Weihrauch für die Messe

"Ave Maria": Ungewöhnlicher Devotionalienladen erfüllt viele Wünsche

Aktualisiert am 03.05.2022  –  Lesedauer: 

Berlin ‐ Im Marienmonat Mai sind in diesem Laden in der Berliner Lützowstraße Madonnen in allen Varianten besonders gefragt. Auch sonst steckt das ungewöhnliche Devotionaliengeschäft "Ave Maria" voller Überraschungen.

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"Ave Maria" prangt es groß und rot über einem der ungewöhnlichsten Läden Berlins. Wer sich für christliche Kultartikel vom centgroßen Medaillon bis zur fast lebensgroßen Skulptur interessiert, wird dort fündig. Doch im Unterschied zu Devotionaliengeschäften, wie es sie zumeist in katholischen Gegenden noch gibt, ist in der Lützowstraße 23 so gar nichts von einer Frömmigkeit zu spüren, die keine Überraschungen mehr bietet. Im Gegenteil.

Denn "Ave Maria" passt zum Umfeld. Es ist die Gegend um die Potsdamer Straße, eine der Hauptverkehrsadern vom Zentrum in den Südwesten der Hauptstadt. Dort sind immer noch Prostitution und Drogensucht zuhause, auch wenn durch neue, teure Apartmentblocks unübersehbar ist, dass dieser Kiez sich verändert.

Auch Huren und Junkies sind willkommen

Seit 1996 ist dort "Ave Maria" ein Begriff, zunächst an der Potsdamer Straße selbst, seit einigen Jahren - den steigenden Mieten geschuldet - in einer Querstraße. Dass "Ave Maria" nach biblischer Überlieferung der Gruß des Erzengels Gabriel an die künftige Mutter Jesu ist, dürfte nicht jedem bekannt sein, der eintritt. Doch Rachele Cutolo kann das nicht beirren. "Bei mir ist jeder willkommen, auch Huren und Junkies", versichert die Frührentnerin, die sich bei "Ave Maria" etwas dazu verdient.

Für die 58-Jährige ist es mehr als nur ein Broterwerb, wenn sie hinter dem Tresen ihre Kundschaft empfängt. Sie ist die gute Seele zwischen Madonnenstatuen in allen Größen, Ölgemälden von der Kreuzigung Christi, Grußkarten zu Kirchenfesten und orthodoxen Ikonen. "Wer einen Rosenkranz kauft, kann bei mir auch gleich lernen, wie man damit umgeht", sagt sie und meint damit nicht nur eine theoretische Einweisung. Gerne lässt sie dann auch selbst die "Perlen" des Kettchens durch ihre Finger gleiten.

Und das ist gar nicht so selten der Fall, glaubt man ihren Worten. Wer dann als Kunde oder Kundin hinzukommt, muss sich erst mal gedulden, bis ein "Gesätz" der meditativen Abfolge von Gebeten zuende ist. Und manchmal mündet es in ein fast seelsorgliches Gespräch, wenn Gäste ihr Herz ausschütten wie ein Vater, der sein Kind durch Krebs verlor.

Ave Maria in Berlin
Bild: ©KNA/Gregor Krumpholz

Schaufenster des Devotionaliengeschäfts Ave Maria in Berlin am 13. April 2022.

Doch meist geht es nicht so lebensschwer zu. Auch wer in den verschachtelten Räumen des Altbaus in übervollen Regalen unter den Krippen, Kruzifixen und Kerzenständern nur stöbern will, ist herzlich willkommen. "Da ist nichts aus China", betont Rachele Cutolo. Was hier angeboten wird, kommt zumeist aus Europa, etwa von südtiroler Schnitzern oder aus süddeutschen Klosterwerkstätten. Manches könnte auch aus Haushaltsauflösungen stammen, wie Gebrauchsspuren verraten. Kitsch und Kunst in Koexistenz.

Bunt wie das Angebot ist auch die Kundschaft. Es sind nicht nur junge Leute, die Christliches als modisches Accessoir entdeckt haben. Filmemacher aus Potsdam-Babelsberg kommen ebenfalls schon mal vorbei, um sich mit Requisiten einzudecken. "Aber für ein blasphemisches Machwerk gebe ich nichts her", stellt Rachele Cutolo klar.

Besitzerin auf Einkünfte nicht angewiesen

Unter ihren Stammgästen sind auch Priester mit exquisitem Geschmack beim Weihrauch. Sie können unter Dutzenden von Sorten in archaisch anmutenden, brauen Fläschchen wählen. "Am teuersten ist der weiße Oman", erklärt Rachele Cutolo und läßt daran schnuppern. "Der kostet mehrere hundert Euro das Kilo".

Diese Preisklasse kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass "Ave Maria" keine Goldgrube ist. "Wir kommen gerade so über die Runden", sagt Ulrike Schuster, die Inhaberin des Geschäfts. Vor über 30 Jahren war die Katholikin aus dem schwäbischen Rottweil nach Berlin gezogen und gründete den Devotionalienverkauf bald darauf zusammen mit ihrem damaligen Geschäftspartner Dieter Funk, anfangs noch zusammen mit einem Secondhand-Shop.

Auf die Einkünfte ist die 58-Jährige Latein- und Religionslehrerin "zum Glück" nicht angewiesen. "So konnten wir die Schließung während mehrerer Corona-Monate überstehen", erklärt sie. Und auch in Zeiten der Kirchenkrise sieht sie ihr Geschäftsmodell bestätigt: "Bei uns ist für jeden was dabei."

Von Gregor Krumpholz (KNA)