Verhaftung Kardinal Zens zeigt den rapiden Verfall der Religionsfreiheit

Katholiken in Hongkong: Zwischen Widerstand und Kollaboration

Aktualisiert am 18.05.2022  –  Lesedauer: 

Hongkong ‐ Kardinal Joseph Zen ist einer der letzten lautstarken Kritiker Pekings in der Kirche. Seine Festnahme wühlt nicht nur die Hongkonger Katholiken auf. Die Gläubigen stellen sich die Frage, wie sie mit dem wachsenden Druck umgehen sollen. Ihre Optionen: Schweigen, Gehen oder Abtauchen.

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Kaum zu glauben, dass ein schmächtiger 90-Jähriger mit weißem Haar und Brille eine Gefahr für die Nationale Sicherheit Chinas darstellen kann – doch die Verhaftung von Hongkongs emeritiertem Kardinal Joseph Zen zeigt, wie weit die chinesischen Behörden mittlerweile gehen, um Kritiker zum Schweigen zu bringen. Seine vorübergehende Verhaftung bringt auch den Vatikan in Verlegenheit, denn Zen ist einer der letzten Kirchenvertreter, der der Regierung in Peking noch offen die Stirn bietet. Gleichzeitig ist er einer der größten Kritiker der Annäherung zwischen dem Heiligen Stuhl und der chinesischen Regierung in den vergangenen Jahren. Zusammen mit seiner Kritik an Corona-Maßnahmen und seinem Einsatz für die vorkonziliare Liturgie ist er damit eine der umstrittensten Figuren in der katholischen Kirche im Land der Mitte.

"Die Verhaftung von Kardinal Zen ist ein Schlag für die gesamte Kirche in Hongkong, China und der Welt", sagt der italienische Missionar Franco Mella, der seit Jahrzehnten in der chinesischen Sonderverwaltungszone lebt. "Es ist offensichtlich geworden, dass über Zen und anderen Kirchenleuten ein Damoklesschwert schwebt." Daran ändere auch die Tatsache nichts, dass die scheidende Regierungschefin Hongkongs, Carrie Lam, ebenso wie ihr Nachfolger John Lee der katholischen Kirche angehört.

Die Kirche ist in zwei Lager gespalten. Auf der einen Seite stehen die Unterstützer Zens, die den wachsenden Einfluss Chinas in Hongkong und weltweit bekämpfen wollen. Viele von ihnen waren 2019 im Rahmen der Demokratieproteste auf die Straße gegangen. Sie nehmen dem Vatikan die Vereinbarung von 2018 übel, die der Kommunistischen Partei ein Mitspracherecht bei Bischofsernennungen in China einräumt. Im Herbst steht deren Verlängerung an. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die ihre schwindenden religiösen und politischen Freiheiten zu erhalten suchen, indem sie die Regierung nicht kritisieren. Dazu gehört beispielsweise Zens Nachfolger, der mittlerweile emeritierte Hongkonger Kardinal John Tong.

Verhaltene Reaktion der Diözese

Die Behörden ermitteln gegen Zen wegen dessen Beteiligung an einem mittlerweile aufgelösten Fonds, der Oppositionellen finanzielle Unterstützung und Rechtshilfe zukommen ließ. Sie werfen Zen Kollaboration mit ausländischen Mächten vor. Für eine Theologin, die aus Angst vor Verfolgung anonym bleiben möchte, sind das nur vorgeschobene Gründe: "Menschen in Not zu helfen, ist eine gerechte Sache", sagt sie katholisch.de. Viele Katholiken würden Zen insgeheim unterstützen.

Bild: ©picture alliance/AP Photo/Vincent Yu

Kardinal Joseph Zen ist eine der umstrittensten Figuren in der Kirche Chinas.

Die Reaktion der Diözese fiel allerdings verhalten aus. Sie forderte die Behörden auf, Zens Fall "im Einklang mit dem Recht zu behandeln". Sie fügte hinzu: "Wir vertrauen darauf, dass wir auch in Zukunft die Religionsfreiheit in Hongkong gemäß dem Grundgesetz genießen werden". Die Theologin, die unter Zen selbst eine hervorgehobene Rolle in der Diözese innehatte, betont aber, dass die Behörden seit der Einführung des sogenannten Nationalen Sicherheitsgesetzes vor zwei Jahren völlig willkürlich handeln könnten.

Auch Mella sagt, dass er auf weitere Verhaftungen vorbereitet sei. Viele seiner Freunde säßen bereits hinter Gittern oder seien ausgewandert. Er selbst wolle seine Arbeit aber wie gewohnt fortsetzen. Mella ist unter den Hongkonger Priestern als "Quertreiber" bekannt. Trotz des harten Vorgehens der Behörden veranstaltet er nach wie vor regelmäßig Protestaktionen, unter anderem mit Hungerstreiks sorgt der 73-Jährige für Aufsehen. Doch zu seinen Protesten und Gottesdiensten kommen nur noch zehn bis fünfzehn Teilnehmer. Er führt das auf die gestiegene Überwachung zurück.

Zulauf für katholische Gruppen lässt nach

Auch andere Sozialaktivisten beobachten, dass der Zulauf für katholische Gruppen durch die gestiegenen Restriktionen und die harte Corona-Politik der Regierung abgenommen hat. Zehntausende Hongkonger sind mittlerweile ausgewandert, darunter viele Jüngere, Lehrer und Sozialarbeiter. Engagement für sozial Benachteiligte sei weiterhin möglich, sich für Menschenrechte einzusetzen allerdings deutlich schwieriger, betont die Theologin.

Das Durchgreifen der Behörden gegenüber der Kirche hatte sich angedeutet. Im Januar warf eine regierungsnahe Zeitung Zen vor, "aufrührerische" Aktivitäten zu unterstützen. Zudem wurde religiösen Schulen vorgeworfen, ihre Schüler zur Teilnahme an der "schwarzen Gewalt", also den Protestmärschen von 2019, anzustiften. In dieses Klima passen strukturelle Entscheidungen der Hongkonger Schulbehörde: Eltern dürfen ihre Kinder nun aus dem Religionsunterricht abmelden, anstelle des Fachs "Liberale Bildung" werden Schulkinder nun in "Nationaler Sicherheit" unterrichtet. Statt kritischem Denken steht nun Gesetzestreue ganz oben auf dem Stundenplan.

Bild: ©picture alliance/dpa/Rolex Dela Pena

2014 hatte Franco Mella noch eine große Zuhörerschar. Heute sind nur noch eine Hand voll Leute bei seinen Aktionen.

Für die Kirche sind diese Änderungen von großer Bedeutung, betreibt sie doch nach eigenen Zahlen rund 250 Schulen und Kindergärten in Hongkong. Dazu kommen dutzende Krankenhäuser und soziale Einrichtungen. Damit sind die Katholiken eine wichtige Säule im sozialen Gefüge der Stadt, obwohl sie mit 400.000 Gläubigen bei einer Gesamtbevölkerung von über sieben Millionen eigentlich nur eine kleine Minderheit darstellen.

Spagat zwischen "Heilung" der Gesellschaft und Kollaboration

Einige Katholiken sind der Meinung, dass die Kirche in diesen schwierigen Zeiten mehr gebraucht würde denn je, und sich deshalb mit der politischen Realität arrangieren müsse. Der aktuelle Bischof Stephen Chow, seit Dezember im Amt, hat die "Heilung" der gespaltenen Gesellschaft als Losung ausgegeben und will auf die enttäuschte Jugend zugehen. Gleichzeitig traf er sich vergangenes Jahr im Geheimen mit Vertretern der chinesischen Religionsbehörde und Staatskirche. Ob dieser Spagat auf Dauer klappt, ist fraglich.

Ortsbesuch in der Pfarrkirche Unserer Lieben Frau vom Karmel am Fuße eines 42-stöckigen Apartmenthauses im Herzen der Stadt. Die Pfarrgemeinde steht für den Wandel in Hongkong in den vergangenen Jahren. Sie liegt in direkter Nachbarschaft des Regierungsviertels; die scheidende Regierungschefin Carrie Lam lebt im Einzugsraum. Während der Demokratie-Proteste 2019 hatten Aktivisten hier Zuflucht vor der Polizei gefunden. Im Kirchenraum beteten die Gläubigen, in der Lobby ruhten sich die jungen Demonstranten aus und wurden von Freiwilligen aus der Gemeinde mit Nahrung und Erster Hilfe versorgt.

Bild: ©katholisch.de/fml

Der Alltag in der Hongkonger Pfarrkirche Unserer Lieben Frau vom Karmel steht sinnbildlich für die Positionierung der Kirche in der Sonderverwaltungszone.

Von den Protesten ist mittlerweile nichts mehr zu sehen, im Gegenteil. An diesem Sonntag verläuft der Gottesdienst ganz im Einklang mit den Vorgaben der Behörden: Impfnachweis am Eingang, Registrierung der Besucher. Trotz der 1-G-Regelung wirkt Pfarrer Thomas Law glücklich - durften doch über hundert Tage lang gar keine Gläubigen in die Kirche. Law unterstützt die Maßnahme der Behörden offiziell: "Wir als Kirche müssen unseren Teil zur Bekämpfung der Infektionen beitragen", sagt er. Tatsächlich will Law aber niemanden ausschließen. Wer nicht geimpft ist, verfolgt den Gottesdienst von der Lobby aus – denn die gehört nicht zur Kirche und ist deshalb von den Regeln ausgenommen. Eine kreative Auslegung der Regierungspolitik.

Kreative Auslegung der Regierungspolitik

Vor, während und nach dem Gottesdienst wird Pfarrer Law von Gläubigen belagert, die Beichten, Taufen oder Hochzeiten arrangieren wollen. "Ich sterbe hier vor Überlastung", sagt Law mit theatralischer Geste. Die Menschen haben Law und die Kirche vermisst, das merkt man. Während des Gottesdiensts verliert niemand ein Wort über das harte, aber wirkungslose Durchgreifen der Behörden in der Pandemie oder über das Vorgehen gegenüber Kritikern. "Provokante" Kommentare und andere politische Signale sind von der Bistumsleitung verboten.

Das soziale Engagement der Gemeinde hat Law zufolge jedoch nicht nachgelassen. Während des Gottesdiensts kündigt eine Nonne einen Kurs zur Geschäftsgründung für philippinische Haushaltshilfen an, von denen in Hongkong zehntausende unter prekären Bedingungen arbeiten. Nach der Sonntagsmesse stehen in der Lobby zahlreiche Kisten mit Sachspenden. "Der Bedarf ist gestiegen", sagt Law, der darauf hinweist, dass die Gemeindemitglieder selbst in der Hochphase der jüngsten Infektionswelle nicht aufgehört hätten, die Spenden an Obdachlose, Müllsammler und andere Bedürftige zu verteilen.

Trotz der schwierigen Lage wirken Law und seine Gemeinde optimistisch. Sie haben ihren Weg in der Rückbesinnung auf die christliche Nächstenliebe gefunden und wollen Hoffnung verbreiten. Andere sind weniger zuversichtlich. Vor der Übergabe der britischen Kolonie an die chinesischen Behörden 1997 hatte es den Versuch gegeben, möglichst viele kleine Glaubensgemeinschaften zu gründen, um den Zugriff der Behörden schwieriger zu machen – ohne großen Erfolg. Nun sind aus Hongkong einige Stimmen zu hören, es mit der Guerillataktik vielleicht doch nochmal zu versuchen.

Von Florian Müller