Standpunkt

Für Bischofsanwärter gilt ein grotesk übersteigertes Erwartungsprofil

Aktualisiert am 19.05.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Für die Beurteilung von Bischofskandidaten verschickt die Apostolische Nuntiatur einen Fragebogen. Dieser wurde nun geleakt. Er zeige ein "unbalanciertes, dysfunktionales und letztlich inhumanes" Amtsverständnis, kommentiert Joachim Frank.

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"Das Volk und die Verantwortlichen wurden befragt…" Vor der Weihe von Diakonen und Priestern ist diese Auskunft des Regens an den Bischof fester Bestandteil der Liturgie. Auf die Frage "Weißt du, ob sie würdig sind?" wird eine Partizipation der Gläubigen an der Auswahl der Amtsträger zumindest rituell behauptet.

Vor der Bischofsweihe findet sie sogar real statt. Für die Beurteilung von Kandidaten verschickt der päpstliche Nuntius einen vierseitigen Fragebogen. Aber damit hat es sich dann auch schon mit Beteiligung und Transparenz.

Das aktuell im "Kölner Stadt-Anzeiger" veröffentlichte Papier mit seinen insgesamt 63 Fragen sowie das damit verbundene teils lächerliche, teils ärgerliche Gewese sind Ausbund jenes höfischen Selbstverständnisses, mit dem die katholische Kirche die Botschaft Jesu und ihren Auftrag verrät.

Der Adressatenkreis ist unklar. In Art eines Schneeballsystems lässt der Nuntius sich weitere Informanten nennen. Alles unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit: Niemand soll von dem Fragebogen erfahren. Wer ihn erhält, darf es nicht sagen, nicht über Inhalte reden und das Papier schon gar nicht weitergeben. "Sub secreto pontificio." Was der Vatikan über sein künftiges Führungspersonal wissen will, unterliegt dem strafbewehrten "päpstlichen Geheimnis".

Inhaltlich wirft der Fragebogen ein grelles Schlaglicht auf ein unbalanciertes, dysfunktionales und letztlich inhumanes Amtsverständnis. Einerseits entsteht aus den gestellten Fragen ein grotesk übersteigertes Erwartungsprofil – gipfelnd in der Frage, ob der Kandidat "ein lebendiges Abbild Christi" sei. Andererseits lauert unter der spirituellen Verbrämung der Eignungskriterien eine beklemmende Angst vor "Kuckuckseiern" im Nest des Bischofskollegiums. Das wird nicht nur aus den Fragen zur (Sexual-)Moral deutlich, sondern vor allem auch nach doktrinärer Linientreue. Abweichende Positionen zur Ehe oder zur Frauenweihe dürften im Duktus des Fragenkatalogs Killerkriterien sein.

Enorm ist insgesamt die Fallhöhe zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Wie bestimmte Bischöfe nach Durchlaufen dieser Checkliste ins Amt kommen konnten, ist ein großes Rätsel – wenn nicht ein päpstliches Geheimnis.

Und nicht die Bohne interessiert den Vatikan die Frage aus der Weiheliturgie: Was denkt das Volk über den Kandidaten? Halten ihn die Gläubigen für würdig, ihr Bischof zu werden?

Der Synodale Weg will, dass solche Fragen gestellt und in einem geregelten Verfahren beantwortet werden. In einem ersten Schritt sollte Nuntius Nikola Eterovic seinen geheimnisumwitterten Fragebogen in der nächsten Synodalversammlung austeilen und die Synodalen um eine revidierte Fassung samt einer Adressliste für den künftigen Verteiler bitten.

Von Joachim Frank

Der Autor

Joachim Frank ist "DuMont"-Chefkorrespondent und Mitglied der Chefredaktion des "Kölner Stadt-Anzeiger". Außerdem ist er Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP). Die GKP verleiht mit der Deutschen Bischofskonferenz und dem Katholischen Medienverband jährlich den Katholischen Medienpreis.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.