Münchner Priester spricht über Prozess wegen Volksverhetzung und Homophobie

Rothe: "Grenze des Sagbaren wird immer weiter hinausgeschoben"

Aktualisiert am 21.05.2022  –  Lesedauer: 

Köln ‐ Am Freitag wurde die Verhandlung gegen zwei Priester wegen des Vorwurfs der Volksverhetzung eingestellt, die in einem Artikel homosexuelle Priester als "Parasiten" bezeichnet hatten. Im Interview erklärt Wolfgang F. Rothe, der in diesem Fall Anzeige erstattete, wie er den Prozess erlebt hat.

  • Teilen:

Gleich zwei Fälle von Homophobie, Diskriminierung und potenzieller Volksverhetzung durch katholische und einen evangelischen Geistlichen wurden in den vergangenen Tagen vor Gericht verhandelt: In Bremen wurde der evangelische Pastor Olaf Latzel vor dem Landgericht vom Vorwurf der Volksverhetzung freigesprochen, das Urteil ist jedoch noch nicht rechtskräftig. In Köln kam es nach einem Einspruch des verurteilten Priesters und Theologieprofessors Dariusz Oko vor dem Amtsgericht zu einem Vergleich beziehungsweise zur Einstellung des Verfahrens. Oko hatte homosexuelle Menschen in der Zeitschrift "Theologisches" unter anderem "Krebsmetastasen" und "Parasiten" genannt. Angeklagt war auch der Chefredakteur und Priester Johannes Stöhr. Die ursprüngliche Strafanzeige hatte der Münchner Priester Wolfgang F. Rothe gestellt. Er war mit im Gericht und nimmt im Interview Stellung zum Ausgang des Verfahrens und zu der Frage, was das Ergebnis bedeutet – nicht nur für die katholische Kirche.

Frage: Herr Pfarrer Rothe, wie geht es Ihnen jetzt? Haben Sie mit dem heutigen Prozessverlauf und Ergebnis gerechnet – oder etwas anderes erhofft?

Rothe: Nach diesem unerwartet langen Tag im Gericht – und das noch in einem stickigen Raum bei geschlossenen Fenstern – bin ich einfach erschöpft. Mit dem Ergebnis habe ich nicht gerechnet, aber ich bin jetzt auch nicht unzufrieden. Das Ergebnis ist ja kein Freispruch und der Gerichtssprecher hat ausdrücklich noch einmal betont, eine solche Einigung ist nur möglich, wenn tatsächlich der Verdacht im Raum steht, dass eine Straftat begangen worden ist. Insofern ist auf jeden Fall mal festgestellt worden, dass das, was in dem inkriminierten Artikel stand, eben nicht hätte geschrieben werden dürfen. Und auch das hat ja der Autor des Artikels Dariusz Oko in seiner Entschuldigung auch ausdrücklich zum Ausdruck bringen müssen.

Frage: Was bedeutet das konkret, "…hat er zum Ausdruck bringen müssen"?

Rothe: Erst wollte er nicht, aber der Staatsanwalt hat ihn dazu gebracht, nach einer Überlegungsphase zum einen zu sagen, dass er sich für seine Äußerungen entschuldigt, zum Zweiten, dass er alle um Verzeihung bittet, die sich durch seine Äußerungen gekränkt gefühlt haben und drittens hat er beteuert, solche Äußerungen nie wieder zu tätigen. Insofern betrachte ich das Verfahren schon als einen Erfolg.

Frage: Können Sie ihm das als ehrlich abnehmen? Fühlen Sie sich dann angesprochen, wenn er sich entschuldigt oder ist das nicht eher die Situation im Gericht?

Rothe: Es ist natürlich eine Äußerung gewesen, die unter einem gewissen Druck zu Stande gekommen ist. Es wird sich jetzt zeigen, ob es ehrlich war. Ich will zunächst einmal davon ausgehen, dass es ehrlich gemeint war. Ich habe durchaus meine Zweifel – aber ich lasse mich gerne von einem Besseren überraschen.

Frage: Nun ist das aktuell nicht der einzige Fall in diesem Zusammenhang von Diskriminierung und potenzieller Volksverhetzung vor Gericht. In Norddeutschland wurde gerade der evangelische Pastor Olaf Latzel vom Vorwurf der Volksverhetzung freigesprochen. Auch er hatte Homosexuelle diskriminiert, sie unter anderem als "Verbrecher" bezeichnet und Homosexualität als "Sünde". Es mag ja sein, dass in den juristischen Feinheiten der Begriff Volksverhetzung nicht ganz der richtige ist, aber dennoch sind es menschenverachtende, diskriminierende Äußerungen. Sehen Sie da einen negativen Trend? Oder wie beurteilen Sie das?

Rothe: Im heutigen Verfahren war Volksverhetzung sehr wohl der richtige Paragraph. Es bestand kein Zweifel daran, dass dieser Tatbestand unter diesem Paragraphen verhandelt werden musste und der Tatbestand der Volksverhetzung war ja auch Gegenstand der Einigung, die getroffen wurde. Insofern war es völlig korrekt. Auf der anderen Seite bin ich natürlich schon etwas enttäuscht, weil ja aus dem rechtspopulistischen Bereich heraus unsägliche Äußerungen getätigt werden. Dann rudert man ein bisschen zurück, "alle" sind "zufrieden". Aber sukzessive wird die Grenze des Sagbaren immer weiter hinausgeschoben – und das ist für unsere Gesellschaft sicherlich nicht dienlich. Und in der Kirche ist es sowieso sehr bedenklich, wenn solchen Äußerungen ein Raum geboten wird.

Olaf Latzel
Bild: ©picture alliance/dpa/Sina Schuldt

Olaf Latzel kommt mit einer Bibel in der Hand in den Gerichtssaal. Das Amtsgericht Bremen hat den evangelischen Pastor im November 2020 wegen Volksverhetzung zu einer Geldstrafe verurteilt. Am Freitag wurde er von diesem Vorwurf freigesprochen.

Frage: Die Kirche steht ja eigentlich für ein anderes Menschenbild – oder sollte es zumindest. Und sie kommt gerne mal mit dem moralischen Zeigefinger – und das passt ja nicht zusammen.

Rothe: Genau! Es ist tatsächlich so, dass da eine große Diskrepanz besteht zwischen dem, was die Kirche als ihre ureigene Botschaft verkündet – die Botschaft der Nächstenliebe, das Beispiel Jesu, der sich diskriminierten Randgruppen und marginalisierten Menschen zugewandt hat, und dann diese Homophobie, die in diesem Artikel von Dariusz Oko in unsäglicher Weise zum Ausdruck gebracht wurde. Und die findet sich – wenn auch in abgeschwächter Form – auch in kirchlichen Dokumenten, bis hin zum Katechismus der katholischen Kirche.

Frage: Sind Sie trotzdem optimistisch, dass es im Moment – auch durch Initiativen wie "Out in Church" oder "Liebe gewinnt" oder den Synodalen Weg auch einen Wandel geben wird und alles noch in die richtige Richtung gehen könnte? Trotz der aktuellen Krisen in der katholischen Kirche? Oder ist es ein Kampf gegen Windmühlen?

Rothe: Der Wandel ist zweifellos im Gange. Er geht zu langsam vonstatten, viel zu langsam. Und ich befürchte, dass er in manchen Bereichen auch einfach zu spät kommen wird. Aber Tatsache ist: es gibt einen Wandel, es besteht mittlerweile eine ganz andere Diskussionskultur innerhalb der Kirche. Da hat sicherlich auch Papst Franziskus seinen Beitrag dazu geleistet. Wir können heute über Themen diskutieren, über Themen offen sprechen, für die man vor zehn Jahren – zumindest als Priester – noch sanktioniert worden wäre.

Frage: Sie sind eine der kritischen Stimmen im deutschen Klerus und haben in diesem konkreten Fall auch Strafanzeige bei der Kölner Staatsanwaltschaft gestellt. Immer wieder legen Sie den Finger in die Wundmale der Kirche… fühlen Sie sich mittlerweile dazu schon fast verpflichtet? Sehen Sie das als Ihre Aufgabe und die Entscheidung heute vielleicht auch ein bisschen als Ihr Verdienst?

Rothe: Ich betrachte es als meine moralische Verpflichtung, ja. Ich sehe mich da als einen Teil einer großen Bewegung, die ja keineswegs auf Deutschland beschränkt ist, sondern eine Bewegung ist, die durchaus auch internationalen Charakter hat. Es ist ja auch keineswegs so, dass in Polen oder in anderen Ländern, denen man solche homophob-konservativen Tendenzen gern unterstellt, alle dieser Meinung seien. Gerade in der jungen Generation sieht das ja schon wieder ganz anders aus. Das ist eine breite Bewegung – und ich schaue unterm Strich sehr zuversichtlich in die Zukunft.

Frage: Sie erleben für Ihr Engagement viele Anfeindungen, etwa auch in den Sozialen Medien. Wie war das jetzt vor Gericht?

Rothe: Es war eine sehr starke Gruppe von Unterstützern, gerader auch Unterstützerinnen, der beiden angeklagten Priester vor Ort. Und als die beim Herausgehen, nach Ende des Verfahrens, an mir vorbeizogen habe ich aus einigen Mündern gehört: "Sie sind eine Schande!" – "Sie sollten sich schämen!" – "Sie gehören exkommuniziert!"  – "Wir sehen uns vor dem Jüngsten Gericht wieder!". Dementsprechend herrschte auch im Gerichtssaal eine sehr aufgeheizte Stimmung.

Frage: Trifft Sie das noch persönlich?

Rothe: Wenn ich sagen würde, dass es nichts mit mir macht, dass es mir egal ist, würde ich lügen. Aber ich weiß mittlerweile, dass ich mit solchen Reaktionen rechnen muss – und ich rechne auch damit. Ich bin aber einfach davon überzeugt, dass der Weg, den ich eingeschlagen habe, richtig ist. Dass es der Weg ist, den ich gehen muss – und dann muss ich auch bereit sein, solche Konsequenzen in Kauf zu nehmen.

Von Hildegard Mathies

Zur Person

Wolfgang F. Rothe, Jahrgang 1967, ist katholischer Priester und Doktor der Theologie und des Kirchenrechts. Er setzt sich gegen die Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen in der katholischen Kirche ein. Aktuelle Bücher sind: „Gewollt. Geliebt. Gesegnet. Queer-Sein in der katholischen Kirche“ (Hrsg.; erschienen im Herder-Verlag, 2022) sowie „Missbrauchte Kirche. Eine Abrechnung mit der katholischen Sexualmoral und ihren Verfechtern“ (Droemer-Verlag, 2021).