Vor Start des 102. Deutschen Katholikentags in Stuttgart

Bischof Fürst: Viele Katholiken hadern momentan mit ihrer Kirche

Aktualisiert am 24.05.2022  –  Lesedauer: 

Stuttgart ‐ Zum Katholikentag in Stuttgart werden vermutlich weniger Gäste kommen, als ursprünglich erwartet. Für Bischof Gehard Fürst liegt das am derzeitigen Geschehen in der Welt – und der Krise der Kirche. Trotzdem könne die Kirche einen Beitrag leisten.

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Aus Sicht des Rottenburg-Stuttgarter Bischofs Gebhard Fürst hadern viele Katholiken momentan mit ihrer Kirche. "Die Missbrauchsskandale und ihre manchmal verunglückte Aufarbeitung dämpfen ebenso die Begeisterung wie die Tatsache, dass manche Reformen nicht so schnell kommen wie von vielen erhofft", sagte Fürst in einem Interview der "Stuttgarter Zeitung" (Dienstag) zum Start des Katholikentags am Mittwoch. Bei Fragen des Glaubens gehe es immer auch um die eigene Identität. Es gebe Kräfte in der Kirche, die an Traditionen festhielten und auf die Rücksicht genommen werden müsse, um die Einheit zu wahren. "Zuweilen werden aber auch die Fortschritte nicht genügend gewürdigt", so Fürst.

Angesichts des Ukraine-Kriegs, der Corona-Pandemie und der derzeitigen Kirchenkrise finde der Katholikentag in Stuttgart unter schwierigen Bedingungen statt. "Bei vielen ist womöglich die Freude am Zusammensein und Feiern gedämpft worden", konstatierte der Bischof. Gerade deshalb brauche es aber Begegnungen, Gespräche und ein Miteinander. "Wir müssen gemeinsam erleben, dass der Glaube uns trägt und dass er uns hilft, Antworten auf aktuelle Fragen zu finden."

Erschütterung über russischen Patriarchen

Auf Katholikentagen könnten die Kirchen zeigen, welchen inhaltlichen Beitrag sie zu den wichtigen Fragen dieser Zeit leisten könnten. In der Gesellschaft bekomme die Kirche überall dort große Aufmerksamkeit, wo sie kompetent handele. "Ich werde zum Beispiel regelmäßig eingeladen, wenn Fachleute aus Wirtschaft und Industrie darum ringen, die Digitalisierung human zu gestalten", sagte Fürst. Auch das Engagement für die Bewahrung der Schöpfung werde anerkannt.

Fürst kündigte an, dass es am Freitag auf dem Katholikentag eine große Kundgebung für Frieden und gegen Gewalt geben werde. "Dass der russische Patriarch diesen Krieg unterstützt, erschüttert mich. Kriegstreiberei hat keinen Platz im Christentum", sagte Fürst. Wenn ein Land wie die Ukraine in einen derartig brutalen Krieg hineingezogen würde und zahllose Opfer zu beklagen seien, "dann müssen wir auch bereit sein, den Menschen zu helfen, sich in Notwehr zu verteidigen – auch mit geeigneten Waffen. So schrecklich das ist."

Von Mittwoch bis Sonntag findet in Stuttgart der 102. Katholikentag statt. Bei dem Großevent werden bis zu 30.000 Teilnehmer erwartet. Thematisch soll es nicht nur um innerkirchliche Fragen und Reformen gehen, sondern auch um den russischen Krieg in der Ukraine, die Folgen der Corona-Pandemie oder um Klima- und Umweltschutz. Als Gäste zugesagt haben unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Das Programm umfasst rund 1.500 Veranstaltungen. Das Leitwort heißt "leben teilen". (cbr)