Undenkbar, dass eine Kirche nicht gegen Krieg sei

Bartholomaios I.: Moskauer Patriarch soll sich Putin widersetzen

Aktualisiert am 25.05.2022  –  Lesedauer: 
Der ökumenische Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel
Bild: © KNA

Athen ‐ Der Moskauer Patriarch Kyrill steht für seine Haltung zum Urkaine-Krieg in der Kritik. Nun forderte ihn das orthodoxe Ehrenoberhaupt, Bartholomaios von Konstantinopel, erneut auf, sich Putin zu widersetzen – und dafür notfalls ins Gefängnis zu gehen.

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Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I. (Titelbild), hat seinen Unmut über die Unterstützung des orthodoxen Moskauer Patriarchen Kyrill I. für Russlands Krieg gegen die Ukraine Luft gemacht. In einem Interview des griechischen TV-Senders ERT sagte das Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie am Dienstagabend, er hätte erwartet, dass Kyrill den russischen Einmarsch in die Ukraine verurteilt. Der russische Patriarch hätte "seinen Thron opfern" und zu Wladimir Putin sagen sollen: "Herr Präsident, ich kann Ihnen nicht zustimmen. Ich trete zurück, ich gehe", so Bartholomaios.

Vielleicht wäre Kyrill I. dafür ins Gefängnis gekommen. Er wisse nicht, was Präsident Putin tun würde, wenn sich das russische Kirchenoberhaupt seinen Plänen widersetzen würde, so der Patriarch von Konstantinopel. Aber so eine Haltung wünschten sich andere orthodoxe Kirchenführer von Kyrill I. Es sei undenkbar gewesen, dass eine Kirche nicht gegen Krieg sei. Er wisse nicht, wie sich der Moskauer Patriarch vor seinem eigenen Gewissen rechtfertigen könne, erklärte Bartholomaios.

Kyrills Äußerungen zu Russlands Angriffskrieg auf Linie des Kreml-Chefs Wladimir Putin sorgen international seit Wochen für Empörung. Der Patriarch rechtfertigte den Militäreinsatz als "metaphysischen Kampf" des Guten gegen das Böse aus dem Westen. Seit Jahren propagiert er eine "russische Welt", zu der auch die Ukraine gehöre.

Bild: ©KNA (Archivbild)

Der russisch-orthodoxe Patriarch von Moskau, Kyrill I., steht seit Monaten in der Kritik, weil er den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine moralisch unterstützt.

Unterdessen weist das orthodoxe Moskauer Patriarchat weiterhin alle Kritik an seiner Haltung zum russischen Angriffskrieg in der Ukraine und zu einer möglichen Mitverantwortung durch die Unterstützung von Präsident Wladimir Putin von sich: "Die Kirche kann für Entscheidungen der Politik und für das, was das Militär tut, keine Verantwortung übernehmen. Sie hat nur die Waffe des Gebets", betonte der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion (Alfejew), in einem ORF-Interview, das am Dienstagabend in Ausschnitten im österreichischen Fernsehen ausgestrahlt wurde.

Als die von Hilarion so bezeichnete "Militäroperation" in der Ukraine begann, sei schließlich in allen russisch-orthodoxen Kirchen "mit dem Segen des Patriarchen für die Wiederherstellung des Friedens gebetet" worden. Zugleich räumte Hilarion ein, dass die Abwendung und Absetzbewegung von immer mehr Kirchengemeinden vom Moskauer Patriarchat eine "große Bewährungsprobe" für die Einheit der Kirche darstelle.

Sorge des Moskauer Patriarchats um schwindenden Einfluss

In einigen Pfarreien und Diözesen der ukrainisch-orthodoxen Kirche werde zurzeit der Name des Moskauer Patriarchen Kyrill I. im Gottesdienst nicht erwähnt. Dies wiege umso schwerer, als die russisch-orthodoxe Kirche nicht nur die Kirche Russlands sei, "sondern auch die Kirche von Belarus, die Kirche der Ukraine, der baltischen Länder, der Staaten in Mittelasien", so Hilarion weiter.

Mit Blick auf die Bewertung des Krieges in Ost und West betonte der Moskauer Außenamtsleiter: "Die eine Version der Ereignisse hören wir in Russland. Eine völlig andere Version hören die Menschen im Westen." Beide Seiten müssten laut Hilarion versuchen, einander zu verstehen, ansonsten werde sich der Konflikt vertiefen und könne sich zu einem globalen Konflikt auswachsen: "Denn unsere Welt hat sich in ein Pulverfass verwandelt." In der internationalen Berichterstattung wurde unterdessen wiederholt belegt, wie russische Staatsmedien zu Propagandazwecken Falschmeldungen verbreitet haben. (mfi/KNA)