Standpunkt

Konservative Stimmen grenzen sich selbst vom Katholikentag aus

Aktualisiert am 30.05.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Politisch und theologisch Konservative klagen häufig über eine Linkslastigkeit der Katholikentage. Sie sollten sich besser an die eigene Brust klopfen, kommentiert Andreas Püttmann. Doch auch der Übermut des liberalen Lagers nähre Illusionen.

  • Teilen:

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Kirchentage polarisieren. Die evangelischen gelten Konservativen von jeher als linkslastig – und sind es wohl auch, spätestens seit Erhard Epplers Präsidentschaft 1981-83. Katholikentage galten als weniger ökopazifistisch, als ausbalancierter zwischen Frömmigkeit und Weltgestaltung. Doch die Profile glichen sich allmählich an, so wie das Wahlverhalten der Konfessionen und theologisch wie das Kirchenverständnis der Gläubigen. Im Aderlass an Mitgliedern besteht eh kein großer Unterschied mehr.

"Kirchentage sind eine einzige Spende an Rot und Grün", klagte in Ferndiagnose ein Jurist und "Senior Strategist" auf Twitter. Freilich hätte sein CDU-Wunschvorsitzender mehr Schwarz in Stuttgart beimengen können. Doch Katholik Merz sagte ab und überließ dem SPD-Kanzler, dem SPD-Bundespräsidenten, der SPD-Bundestagspräsidentin, dem SPD-Fraktionschef, dem SPD-Generalsekretär, der Mainzer SPD-Ministerpräsidentin und ihrem Stuttgarter Amtskollegen nebst Grünen-Parteichefin und Fraktionschefin sowie vier Ampel-Bundesministern die Bühne. Die CDU war durch die Ehemaligen AKK und de Maizière sowie durch "zweite Reihe" vertreten, die CSU durch Parteivize Weber. Auch kirchlich vermissten manche Medien die Teilnahme der theologisch Konservativen. Deren Internet-Leitmedium revanchierte sich durch Exkommunikation per Gänsefüsschen: "Kardinal Woelki lieber bei Familien als bei 'Katholiken'-Tag".

Gestärkt durch Plausibilitätsgewinne im Missbrauchsskandal, könnten Reformkatholiken tatsächlich der Versuchung zum Durchmarsch nach dem Motto: "Wir sind mehr!" erliegen. Letzteres trifft aber nur in nationaler oder eurozentrischer Sicht zu. Beim weltkirchlichen Rendezvous wird der Katzenjammer nicht ausbleiben. Und politisch wäre es illusionär, die einzige mehrheitlich katholische, von Christen überdurchschnittlich gewählte Partei für einen Partner "von gestern" zu halten.

Andererseits sollten über den "Linksrutsch" des Katholikentags jammernde Konservative sich mal fragen, ob und wo sie die teilweise Abkehr der Kirchen selbst verursacht haben: Durch Empathielosigkeit gegenüber Flüchtlingen, Armen, Opfern des Klimawandels oder andere Themen, die sie verschlafen haben? Durch Maskendealer und unklare Abgrenzung zu Maaßen und Co? Durch toxisch-maskulines Gebaren von der Parteijugend bis in die Spitze?

Auch Kirchlich-Konservative arbeiten seit Jahren an ihrer Selbstmarginalisierung: Durch Bunker-Apologetik und wissenschaftsfeindliche Lernverweigerung (Exegese, Sexualethik). Durch Radikalisierung und unheilige Allianzen mit autoritären Rechten, inklusive Lob für Orban, Trump und sogar Putin. Durch eine Selbstgerechtigkeit, die der Papst in Evangelii Gaudium 93-97 als "spirituelle Verweltlichung" demaskierte. Ein Katholikentag ist Joh 17,21 verpflichtet. Er muss aber nicht alles präsentieren, was sich exklusiv katholisch dünkt. Mehr Selbstzweifel und Dialogfähigkeit sind beidseitig vonnöten. Sonst wird das faktische Schisma bald auch vollzogen.

Von Andreas Püttmann

Der Autor

Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.