Aufarbeitung erfordere Authentizität

Sautermeister: Woelki soll PR-Strategiepapier selbst veröffentlichen

Aktualisiert am 15.08.2022  –  Lesedauer: 
Moraltheologe Jochen Sautermeister
Bild: © Uni Bonn

Bonn ‐ Bislang sind von der Kölner PR-Strategie zum Umgang mit dem Betroffenenbeirat nur Auszüge bekannt. Der Bonner Moraltheologe Jochen Sautermeister pocht auf Transparenz: Eine Veröffentlichung durch das Erzbistum wäre ein Schritt, neu um verspieltes Vertrauen zu werben.

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Der Moraltheologe Jochen Sautermeister spricht sich für die Veröffentlichung des bisher nur in Auszügen bekannten internen PR-Papiers durch das Erzbistum Köln aus. In einem Kommentar für das Online-Portal "Kirche+Leben" fragt der Dekan der Bonner Katholisch-Theologischen Fakultät, was "unter der Maxime, dass immer und ausschließlich die Betroffenenperspektive handlungsleitend ist" dagegen spräche, das Papier zu veröffentlichen, "um 'Missverständnisse' auszuräumen und um verspieltes Vertrauen zu werben". Sautermeister, der zu sexualisierter Gewalt, Macht und Ohnmacht in der Kirche forscht, sieht in der Enthüllung der PR-Strategie durch den "Kölner Stadt-Anzeiger" (KStA) ein "Lehrstück des sogenannten Authentizitätsparadoxes": Aufarbeitung müsse ernsthaft und echt, also authentisch sein. Eine lediglich inszenierte Authentizität werde dagegen fragwürdig: "Werden die Regieanweisungen bekannt, hat dies unweigerlich eine fundamentale kommunikative Verunsicherung zur Folge: Meint die Person es wirklich ernst – und zwar nicht nur in diesem Fall, sondern auch in anderen Situationen?", so der Theologe weiter.

Sautermeister zweifelt daran, dass die Stellungnahme des erst seit Juli amtierenden Generalvikars Guido Assmann in Form eines Schreibens an die Mitarbeitenden einen entlastenden Beitrag zur Aufarbeitung darstellt: "Aufarbeitung zu leisten und verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen, kann nur gelingen, wenn die Bemühungen aufrichtig sind und wenn sie kompetent umgesetzt werden", betonte der Moraltheologe. Andernfalls sei eine glaubwürdige und zielführende Aufarbeitung nicht möglich: "Die Letztverantwortung hierfür hat die Bistumsleitung, sprich der Erzbischof." Eine entsprechende Klarstellung lasse sich nicht delegieren, erst recht nicht an Personen, die an den damaligen Ereignissen nicht beteiligt waren. Transparenz sei bei der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch und dessen systemischer Vertuschung nicht einfach nur eine Verfahrensfrage, "sondern eine notwendige Haltung gegen die Vertuschung", ergänzte Sautermeister.

Wiederholte Willensäußerung schaffe noch keine Aufarbeitung

Am Umgang mit den Betroffenen äußerte der Moraltheologe deutliche Kritik. Vor dem Hintergrund der schon früh geäußerten Kritik an der empfundenen Instrumentalisierung im Kontext der Beauftragung eines neues Missbrauchsgutachtens zu behaupten, "dass die Betroffenen ja die Chance gehabt hätten, sich anders zu verhalten und anders zu entscheiden, lässt nun gerade aber jene kommunikative Kompetenz und Sensibilität vermissen, die lernen zu wollen im Schreiben an die Mitarbeitenden des Erzbistums eingeräumt wurde". Die wiederholte Willensäußerung schafft nach Ansicht Sautermeisters noch keine glaubwürdige und kompetente Aufarbeitung: "Sie hat sich vielmehr im Handeln zu erweisen – im aufrichtigen und kompetenten Handeln derjenigen, die die Verantwortung dafür tragen."

Die Kritik am Vorgehen des Erzbistums ebbt nicht ab. Während die Bewegung "Maria 2.0" am frühen Morgen symbolisch das Kölner Generalvikariat absperrte, äußerte der Vorsitzende des Kölner Diözesanrats der Katholiken, Tim Kurzbach, Kritik am Vorgehen der Bistumsleitung. Gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" forderte er am Montag eine erneute Auszeit Woelkis, die länger als die vorige von knapp einem halben Jahr dauern soll. "Ich hoffe, dass jetzt bald jemand Verantwortung im Sinne der Menschen im Erzbistum Köln übernimmt", so Kurzbach. Mit Blick auf die Finanzierung der Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT) warf der Diözesanratsvorsitzende dem Kardinal vor, die "Grenze zur Unwahrheit" überschritten zu haben. Das Erzbistum habe versprochen, für diese Einrichtung keine Kirchensteuermittel aufzuwenden. Nun heiße es, gemeint gewesen sei nur die Anschubfinanzierung. "Während Millionen für diese Hochschule ausgegeben werden, diskutieren wir darüber, ob Opfer sexuellen Missbrauchs 5.000, 10.000 oder 50.000 Euro Entschädigung bekommen sollen", so Kurzbach. Auch bei Caritas und Kirchengemeinden werde gespart. Der Laienvertreter forderte ein Einschreiten der anderen deutschen Bischöfe. (fxn)