"Empörungssprache über sich selbst" helfe nicht weiter

Mertes: Rede von Kirche als "Täterorganisation" verharmlost Missbrauch

Aktualisiert am 26.08.2022  –  Lesedauer: 

Berlin ‐ Ist die Kirche eine "Täterorganisation"? Im vergangenen Jahr hatte sogar ein Kölner Weihbischof sein Erzbistum so bezeichnet. Der Jesuit Klaus Mertes kritisiert diese Rede, denn sie werde der Komplexität von Missbrauch nicht gerecht.

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Der Jesuit Klaus Mertes kritisiert, dass die Kirche aufgrund des Missbrauchsskandals selbst von ihren Vertretern und Mitgliedern als "Täterorganisation" bezeichnet wird. "Von Kirche als 'Täterorganisation' zu sprechen, verharmlost das Widersinnige des Missbrauchs in der Kirche", schrieb der Ordensmann in der September-Ausgabe der Zeitschrift "Stimmen der Zeit". Im allgemeinen Sprachgebrauch werde der Begriff für Organisationen wie die Mafia verwendet, deren Zweck die Ausführung von Verbrechen sei, so Mertes. Doch das treffe gerade nicht auf die Kirche zu, denn ihr Zweck sei "die Vermittlung von Schutz und Geborgenheit in der Liebe Gottes". Dieser Kontrast mache "das Schlimme" am Missbrauch in der Kirche aus.

Der Begriff "Täterorganisation" werde zunehmend bedenkenlos verwendet, so Mertes weiter. Dadurch werde suggeriert, "über eine Klarheit zu verfügen, die der Komplexität der Missbrauchstaten und der unterschiedlichen Ebenen der Vertuschung nicht gerecht wird". Er werde misstrauisch, wenn der Begriff innerhalb der Kirche verwendet werde, denn wenn man zur Kirche gehöre und erkenne, dass sie eine "Täterorganisation" sei, reiche es nicht, sie zu verlassen: "Man muss sie bekämpfen." Besonders groß sei die Irritation, wenn leitende Geistliche oder kirchliche Medien diese Rede verwendeten.

Pater Klaus Mertes im Porträt
Bild: ©Julia Steinbrecht/KNA

Pater Klaus Mertes brachte 2010 den kirchlichen Missbrauchsskandal ans Licht.

Die Empörung über die Missbrauchstaten an Kindern und Schutzbefohlenen in der Kirche durch Bischöfe, Priester und Theologen sei zu begrüßen, schrieb Mertes. Doch in den vergangenen Jahren sei es leider oft dazu gekommen, dass sich die Spitze der Kirche und katholische Gruppen auf die Seite der Opfer gestellt und sich über die Täter und Vertuscher empört hätten. Doch mit "Empörungssprache über sich selbst" sei niemandem geholfen. "Sprachliche Selbstgeißelung wirkt eher wie eine Art von institutioneller und auch spiritueller Selbsthinrichtung." Auf diese Weise entziehe man sich als Kirche jedoch der Verantwortung für die Betroffenen von Missbrauch und die heutigen Schutzbefohlenen.

Mertes kritisierte zudem, dass Katholiken aus der Kirche austreten, weil sie die Sündigkeit der Institution bemerkt hätten. "Dann ist es ein schwacher Grund, bloß deswegen auszutreten, um selbst unschuldig zu bleiben oder Unschuld zurückzugewinnen." Mit dieser Begründung drehe man sich um eigene Anliegen und nicht um die Aufarbeitung von Missbrauch in der Kirche. Zudem sei man durch einen Kirchenaustritt "noch längst nicht der eigenen Anfälligkeiten für Schweigen, Wegsehen und Vertuschen entkommen". Mertes löste 2010 die Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs am Berliner Jesuiten-Gymnasium Canisius-Kolleg aus, dessen Schulleiter er damals war. Damit brachte der den Missbrauchsskandal der Kirche in Deutschland ins Rollen. (rom)