Warum Andreas Fink kein Pfarrer mehr sein will

Priester: "Das System Kirche bröckelt gewaltig"

Aktualisiert am 19.09.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Andreas Fink will kein leitender Pfarrer mehr sein und hat eine dreijährige Ausbildung zum Erzieher begonnen. Von Münsters Bischof Felix Genn hat der 51-Jährige dafür eine Auszeit erhalten. Im Interview mit katholisch.de spricht Fink über die Beweggründe für seine Umschulung.

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Andreas Fink war sechs Jahre lang leitender Pfarrer in St. Quirinus in Neukirchen-Vluyn im Bistum Münster. Jetzt will er etwas anderes machen und hat eine dreijährige Ausbildung zum Erzieher begonnen. Dafür hat der 51-Jährige von seinem Bischof eine Auszeit bekommen. Im Interview mit katholisch.de spricht Fink darüber, was der Auslöser für seine Umschulung war.

Frage: Herr Fink, wo erreiche ich Sie gerade?

Fink: Ich bin gerade im Kindergarten in Düsseldorf, in dem ich meine Ausbildung zum Erzieher mache. Die Kinder spielen gerade draußen auf dem Freigelände bis zum Mittagessen. Ich habe gerade auch Pause und kann telefonieren.

Frage: Warum machen Sie jetzt eine Umschulung zum Erzieher?

Fink: Ein Mitbruder aus dem holländischen Bistum Roermond hat mir erzählt, dass sein Bischof allen Pfarrern dort gesagt hat, dass sie noch einen zweiten Beruf erlernen sollen. Denn der Bischof wüsste nicht, wie lange er ihre Stellen noch finanzieren könnte. Auch wenn die finanzielle Situation der Kirche in Deutschland aufgrund der Kirchensteuer natürlich eine andere ist, hat mich das nachdenklich gemacht. Ich habe gedacht, dass dieser Bischof vielleicht Recht haben könnte mit seinen Befürchtungen. Die Kirche, in ihrer jetzigen Organisation hat vielleicht keine Zukunft mehr. Dann habe ich überlegt, was für mich eine berufliche Alternative wäre. Ich bin 51 Jahre alt und könnte noch etwas anders machen. Bei der Erstkommunionvorbereitung oder bei Kindergottesdiensten ging mir immer schon das Herz auf. Also habe ich gesagt: Ich habe eine Begabung, mit jungen Leuten und Kindern zu arbeiten. Also werde ich Erzieher.

„Das System Kirche bröckelt gewaltig. Viele versuchen mit einem gewaltigen Kraftakt, alte Traditionen aufrecht zu erhalten. Es ist ein riesiger Trauerprozess, den wir da gerade miterleben.“

—  Zitat: Andreas Fink, Priester im Bistum Münster

Frage: Das heißt, Sie wollen kein Pfarrer mehr sein?

Fink: Genau. Ich will kein Pfarrer mehr sein und keine Leitungsfunktion in einer Kirchengemeinde mehr übernehmen. Das habe ich die letzten sechs Jahre gemacht, auch relativ gut, aber es gab etwas, dass mich in dieser Aufgabe hat auch unglücklich sein lassen. Ich bin aber weiterhin gerne Priester und Seelsorger. Ich werde noch Gottesdienste in Moers und Umgebung feiern. Aber ich möchte meine Kraft und Energie nicht mehr, dafür einsetzen, eine Organisationsform aufrechtzuerhalten, für die ich wenig oder keine Zukunft sehe.

Frage: Wie meinen Sie das?

Fink: Das System Kirche bröckelt gewaltig. Viele versuchen mit einem gewaltigen Kraftakt, alte Traditionen aufrecht zu erhalten. Das habe ich in der Kirchengemeinde selbst immer wieder erlebt: Es sind Leute zu mir gekommen, die gesagt haben: "Herr Pastor, wir müssen das wieder so und so machen und wir müssen Leute finden, die das übernehmen, damit es weitergehen kann". Aber es geht vieles nicht weiter, weil vieles einfach wegbricht. Es ist ein riesiger Trauerprozess, den wir da gerade in der Kirche miterleben. Viele wollen das aber nicht wahrhaben. Ich habe mich da immer so gut ich konnte rausgehalten und deutlich gesagt: Dafür habe ich keine Kraft mehr. Natürlich hatte ich auch ein schlechtes Gewissen dabei gehabt, weil ich mich als leitender Pfarrer dafür verantwortlich fühlte, dass es weitergeht. Aber damit ist nun Schluss. Ich muss das System Kirche nicht retten und ich kann es nicht. Dieser Druck ist jetzt weg, das tut mir gut und ich erlebe mich, wenn ich punktuell seelsorglich wirke, lebendiger und zugleich wirksamer für die anderen. Ich mache nun drei Jahre lang die Ausbildung zum Erzieher und werde danach sehr wahrscheinlich kein leitender Pfarrer mehr werden. In dieser Zeit möchte ich aber auch mein Priestersein überdenken und neu ausrichten. Ich habe mich in letzter Zeit damit auseinandergesetzt, warum ich eigentlich Priester werden wollte. Mir ist klar geworden, dass ich ein verzerrtes Bild davon seit meiner Kindheit in mir habe. Ich dachte schon als Kind, wenn ich Priester werde, kann ich für andere etwas erreichen. Und dann habe ich ein Fotos aus dieser Zeit gefunden, das genau das zeigt.

Frage: Was ist auf diesem Foto zu sehen?

Fink: Auf dem Foto bin ich vier Jahre alt und spiele den Priester. In der einen Hand halte ich einen Kelch und die andere Hand zeigt in Richtung einer Person, die auf dem Bild nicht zu sehen ist. Dieser Person wollte ich etwas Heilendes vermitteln. Intuitiv hatte ich in der Kirche wohl aufgeschnappt, dass der Mann da vorne mit der Hilfe Jesu und des Rituals das könne. Und ich dachte damals, das will ich auch können! Wenn ich Priester werde, dann kann ich dem Heiland bei seinem Auftrag helfen.

Bild: ©YouTube/Pfarrer Andreas Fink

Der Priester Andreas Fink hat einen eigenen YouTube-Kanal, auf dem er regelmäßig spirituelle Impulse veröffentlicht.

Frage: Haben Sie sich dann später als Priester als heilend erlebt?

Fink: Ja, das habe ich erlebt. Wenn ich zum Beispiel in Familien eingeladen war, wo die Oma oder der Opa im Sterben lag. Und wenn die dann in meinem Beisein gestorben sind, dann hat mir die Familie dafür gedankt, dass die jetzt in Frieden gehen konnten. Das hat mir innerlich etwas gegeben, weil ich gedacht habe, dass ich das mitbewirkt habe. Menschlich habe ich da natürlich etwas gewirkt durch mein Sprechen, die Berührung, meine Präsenz, aber es war keine überirdische Heilstat meinerseits. Die Menschen wären auch ohne mein Beisein gestorben. Ich mache es nicht. Das Kind in mir hat aber immer noch gefühlt, diese heilsame Wirkung ginge von mir, in der Rolle des Priesters, aus. Das ist eine magische Vorstellung, über die ich gedanklich hinausgewachsen bin, aber die meine Gefühlswelt bis zuletzt geprägt hat. Ich habe das gemerkt, als ich viele Nächte damit verbracht habe, mich zu fragen, ob ich das alles einfach so aufgeben darf. Eine Stimme in mir sagte, es würde etwas Schlimmes passieren, wenn ich nicht mehr in der Hauptsache als Priester arbeite. Ich dachte, du musst dem alten Entschluss treu bleiben. Aber es ist nichts passiert. Im Gegenteil, nun fühle ich mich freier, weil ich etwas anderes machen kann. Ich habe dieses Foto dann später auch meinem Bischof Felix Genn gezeigt, als ich ihm um eine Auszeit für mich gebeten habe. Er hat mich gut verstanden.

Frage: Wollen Sie auch das Priesteramt aufgeben?

Fink: Nein. Ich bleibe auf jeden Fall Priester, auch weil ich es gerne bin und etwas bewirken  kann. Ich will aber mein Bild davon korrigieren und es von alten Bildern und Mustern lösen. Der Priester und das ist meine Erkenntnis der letzten Jahre macht nichts im Leben anderer, sondern er gibt "nur" Impulse, mit denen die anderen etwas tun können.

Frage: Hat sich Ihr Glaube in der Auszeit auch verändert?

Fink: Nein, mein Glaube blieb davon unberührt. Im Gegenteil: Jesus hat mich dazu befreit, dass ich nun endlich ehrlicher mit mir und meinem Leben umgehen kann. Und meine Entscheidung ist auch keine Entscheidung gegen die Kirche. Ich bleibe in dieser Kirche, auch wenn ich ahne, dass sie sich ganz grundlegend verändern wird.

Bild: ©privat

Andreas Fink sitzt im Kindergarten am Boden. Um ihn herum stehen viele Spielsachen für Kinder. Fink macht eine duale Ausbildung zum Erzieher in einem Düsseldorfer Kindergarten der Diakonie.

Frage: Ein schweres Thema in der Kirche ist auch das Thema "Kindesmissbrauch". Sie arbeiten jetzt als Priester in einem Kindergarten. Werden Sie mit diesem Thema auch konfrontiert?

Fink: Ich setze mich viel mit diesem Thema auseinander. Ich war bei meiner ersten Praktikumsstelle in einer sehr besorgt darüber, wie die Eltern der Kinder auf mich reagieren würden. Ich hatte Angst, dass sie mich ablehnen könnten, weil sie Vorurteile haben, weil ich ein Priester bin. Einmal waren die Eltern zu einem Besuch in den Kindergarten nachmittags eingeladen. Ich habe überlegt, nicht hinzugehen. Aber dann bin ich doch gegangen. Als die Eltern dann da waren, haben mich die Kinder an die Hand genommen und mich vorgestellt: "Das ist der Andreas, der hat mit uns Fußball gespielt und uns etwas vorgelesen". Das hat mich gefreut. Ich habe gespürt, dass die Kinder mich als vertrauenswürdigen Menschen wahrnehmen und mich so ihren Eltern vorstellen.

Frage: Welche Reaktionen haben Sie von Ihrer Kirchengemeinde seit Ihrem Weggang gespürt?

Fink: Ich habe von Anfang an offen kommuniziert, dass ich etwas Neues ausprobieren will. Es hat auch keinen Sinn, das zu verheimlichen. Die Leute wollen darüber reden können  und Bescheid wissen. Die meisten haben sich mit mir gefreut und finden meinen Schritt mutig. Manche waren aber auch traurig, dass ich weggehe. Einer aus dem Kirchenvorstand fragte mich sogar: "Wer gibt uns jetzt die Impulse?" Aber ich bin auf meinem YouTube-Kanal Pfarrer Andreas Fink weiterhin präsent und hoffe, dass meine Impulse dort auch etwas bewirken.

Frage: Was ist Ihr Wunsch für Sie persönlich?

Fink: Ich hoffe, dass ich mit der Ausbildung zum Erzieher viel Neues für mich lerne und dann ein Stück glücklicher und freier leben kann. Ende des zweiten Ausbildungsjahres werde ich für zwei Monate in einer Jugendhilfeeinrichtung vielleicht sogar im Ausland arbeiten. Dann kommt das Examen und dann sehe ich weiter. Vorerst fühle ich mich gelöst und frei für Neues in der Ausbildung sowie auch für meine zeitlich begrenzte Tätigkeit in der Seelsorge.

Von Madeleine Spendier