Ein Kommentar des Salzburger Dogmatikers Hans-Joachim Sander

Abgelehnter Text zur Sexualmoral: Ein bitterer Schlag ins Kontor

Aktualisiert am 09.09.2022  –  Lesedauer: 

Salzburg ‐ Die Ablehnung des Textes zur Sexualmoral durch die Bischöfe ist ein bitterer Schlag ins Kontor des Synodalen Wegs, kommentiert Hans-Joachim Sander. Für den Theologen wollte eine Minderheit der Bischöfe bei der Abstimmung ihre Macht demonstrieren.

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Die fehlende Zweidrittelmehrheit der deutschen Bischöfe zum Grundlagentext des Synodalen Wegs "Leben in gelingenden Beziehungen – Grundlinien einer erneuerten Sexualethik" ist ein bitterer Schlag ins Kontor dieser Reformbemühungen der deutschen Kirche. Der Weg ist natürlich nicht insgesamt gescheitert, es gibt ja erheblich mehr Themen und Texte auf und von ihm. Aber dennoch hat dieser Weg in seinem wahrscheinlich am meisten beachteten und am stärksten neuralgischen Punkt – der prekären Macht von Sexualität und der Verlust der kirchlichen Glaubwürdigkeit in der Sache, die sich angesichts des sexuellen Missbrauchs und seiner Vertuschung ausgebreitet hat – ein Stoppschild erfahren, mit dem die übergroße Mehrheit der Synodalen offenbar nicht gerechnet hat.

Hinzu kommt, dass die vorhergehende intensive Debatte nicht darauf schließen ließ, wie viele Bischöfe diesen Text ablehnen würden. Es gab nur sehr wenige Bischöfe, die vor der Abstimmung klar sagten, dass sie gegen diesen Text votieren würden. Wenn ich die Debatte richtig verfolgt habe, die ja im Livestream sehr gut zu beobachten war, dann waren es nur zwei Bischöfe. In der Aussprache danach taten es drei weitere Bischöfe. Es haben aber wohl mehr als zwei Drittel der Bischöfe, die abgelehnt haben, sich weder davor in dieser Hinsicht geäußert noch sich in der Aussprache danach offen erklärt, obwohl sie ausdrücklich dazu aufgefordert wurden.

Es ging bei der Ablehnung des Textes nicht um Inhalte

Daraus ergibt sich eine Folgerung, die für die Kirche bedrängend ist und die zugleich in der deutschen Bevölkerung Einschätzungen bestätigen wird. Es ging bei dieser Ablehnung nicht um die Inhalte, die eingebracht und kontrovers debattiert wurden. Es ging um die Macht. Demonstriert wurde mit der Sperrminorität, die natürlich regelkonform zustande kam, die Macht einer prinzipiellen Ablehnung, so kirchlich nicht weiter machen zu dürfen wie bisher. Diese Macht hat eine Minderheit der Bischöfe ausgeübt, die zugleich das synodale Recht hatte, die Mehrheit, die anderer Meinung war, zu majorisieren. Daher hilft kein Deuteln: Dieser Text wurde von einer sachlich zu diskursivierenden Auseinandersetzung über ein sehr wichtiges und sehr kontroverses Feld des menschlichen Lebens zu einer Machtdemonstration. Mit dem Ziehen der Sperrminorität wurde deutlich, wer das Sagen hat. Ob es darum auch in Hintergrundgesprächen davor ging, lässt sich von außen nicht sagen, aber wohl auch nicht ausschließen.

Dogmatiker Hans-Joachim Sander
Bild: ©Privat

Hans-Joachim Sander ist seit 2002 Professor für Dogmatik an der Universität Salzburg.

In dieser Machtdemonstration ist zugleich eine theologisch prekäre Aufspaltung zu beobachten, die für die Auseinandersetzung mit dem sexuellen Missbrauch, seiner Vertuschung und dem daraus resultierenden Verfall von Glaubwürdigkeit gravierend problematisch ist. Die Differenz von potestas und auctoritas, von Macht der Kirche und der Autorisierung von Menschen durch den Glauben, hat sich zu einem Gegensatz ausgewachsen. Schließlich wurde die Macht verschwiegen benutzt, um die Autorität jener Argumente nicht wirken zu lassen, die bisher von der kirchlichen Sexualmoral ausgegrenzte Menschen autorisieren würde, sich mit dieser Kirche dennoch zu identifizieren.

So schnell wird sich der Krampf nicht lösen

Dieser Gegensatz wiederum fiel nicht einfach vom Himmel. Er zeichnete sich durchaus ab. Das Basta-Dokument aus dem Staatssekretariat des Vatikans im Sommer wollte nicht nur die Bemühungen des deutschen Synodalen Wegs nicht würdigen, sondern war ebenfalls anonym und blieb es auch danach.
Dieser Gegensatz qualifiziert aber deshalb auch den Machtgebrauch weiter nach unten. Ein Machtkampf, der nur anonym geführt wird, glaubt nicht an die eigene Durchsetzungsfähigkeit in einem offenen Raum. Es zeigt sich, dass die Macht verkrampft, deren Option hier gezogen worden ist.

Ein Machtkrampf aber führt den Synodalen Weg nicht weiter, sondern in absurde Verhältnisse hinein. Es wird spannend zu beobachten sein, wie weit diese Verhältnisse tatsächlich reichen. So schnell wird sich der Krampf nun nicht lösen.

Von Hans-Joachim Sander

Der Autor

Hans-Joachim Sander ist seit 2002 Professor für Dogmatik an der Universität Salzburg.