Standpunkt

Hohe Theologie kann Handeln nicht ersetzen

Aktualisiert am 12.09.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Die Synodalversammlung konnte nicht alles beraten. Für die Verkündigung durch Frauen war Zeit, konkrete Maßnahmen gegen Missbrauch an Frauen wurden vertagt. Die Tagungsregie bestätigt damit die Kritik von Missbrauchsbetroffenen, kommentiert Felix Neumann.

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Die erste Lesung des Handlungstextes "Maßnahmen gegen Missbrauch an Frauen in der Kirche" wurde vertagt. Die erste Lesung des Handlungstextes "Verkündigung des Evangeliums durch Frauen in Wort und Sakrament" fand statt. Wie die vorigen Synodalversammlungen war auch die vierte von Zeitdruck geprägt. Es mussten Entscheidungen getroffen werden, was beraten wird und was nicht – aber warum ausgerechnet diese? Die Tagungsregie bestätigte so die Betroffenenkritik am Synodalen Weg.

Alle vier Synodalforen widmen sich Missständen, die systemisch Missbrauch begünstigt haben. Sexualethik. Priesterbild. Frauenbild. Kontrolle von Macht. Auch der Handlungstext zur Verkündigung geht in einem Absatz auf die Bedürfnisse von Betroffenen nach missbrauchssensibler Liturgie ein. So konkret und direkt mit Blick auf Missbrauch wie die Forderungen im vertagten Maßnahmenpapier wird kaum eine andere Beschlussvorlage. Anders als viele andere Papiere hätte dieses sofort umsetzbare Wege aufgezeigt, die nicht dogmatisch umstritten und unter Vorbehalt von Lehre und Weltkirche stehen.

Der Sprecher des Betroffenenbeirats bei der Deutschen Bischofskonferenz, Johannes Norpoth, hatte am Freitagmorgen der Versammlung ins Gewissen geredet: "Bitte machen Sie sich alle immer wieder bewusst, wo dieser Weg, wo der Synodale Weg herkommt: Nicht aus jahrzehntelangen, kirchenpolitischen, in den Hinterzimmern des papierbasierten Sitzungskatholizismus geführten Diskussionen auf der Metabene, sondern aus der harten Realität der tausendfachen Straftaten und Vergehen in unserer katholischen Kirche, aus Klerikalismus, KoKlerikalismus und Bystandertum."

Die Punkte, die Norpoth in seinem Statement als Anliegen der Betroffenen ansprach, fanden sich bei der Synodalversammlung nur dort wieder: Ein angemessenes System der Zahlungen in Anerkennung des erlittenen Leids. Klare Ansagen an das Handeln der Deutschen Bischofskonferenz und ihrer Mitglieder mit Blick auf ihren Umgang mit Betroffenen und deren Beteiligung an der Aufarbeitung. Eine Aufarbeitung des Koklerikalismus und der Verantwortung der Laien. Wenn der Synodale Weg sein eigentliches Ziel erreichen will, dann dürfen solche Schwerpunktsetzungen wie dieses Mal nicht wieder passieren. Hohe Theologie kann Handeln nicht ersetzen. Das Leid ist konkret. Die Maßnahmen müssen es auch sein.

Von Felix Neumann

Der Autor

Felix Neumann ist Redakteur bei katholisch.de und Mitglied im Vorstand der Gesellschaft katholischer Publizisten (GKP).

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.