Agathina Straub blickt auf ihr langes Leben zurück

106-jährige Ordensfrau: "Manches tut heute noch weh"

Aktualisiert am 04.11.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Schwester Agathina Straub ist 106 Jahre alt. Wenn sie auf ihr Leben zurückschaut, erinnert sie sich nicht nur an Schönes, sondern auch an Schmerzliches. Im katholisch.de-Interview spricht die Vinzentinerin aus Untermarchtal darüber, was ihr bis heute Kraft gibt und wie sie betet.

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106 Jahre ist Schwester Agathina Straub alt. Wir erreichen sie nachmittags auf ihrem Zimmer in der ordenseigenen Pflegeeinrichtung in Untermarchtal. Sie spricht schnell und schwäbisch. Bevor sie auf die Fragen antwortet, macht sie kurz eine Pause. Sie erinnert sich an ihre Eltern und ihre fünf Brüder. Mit Anfang 20 ist die frühere Krankenschwester ins Kloster der Vinzentinerinnen in Untermarchtal eingetreten. Im Interview spricht sie über Schönes und Schmerzliches in ihrem langen Leben.

Frage: Schwester Agathina, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem 106. Geburtstag!

Schwester Agathina: Dankeschön! Dabei war ich nur ein armes Bauernmädle.

Frage: Wie meinen Sie das?

Schwester Agathina: Meine Eltern waren von einem Bauernhof. Als mein Vater im Krieg war und meine Mutter mit mir schwanger, hatten die beiden ausgemacht, wenn es ein Mädchen wird, heißt sie wie die Mutter Johanna und wenn es ein Bub wird, wie der Vater Hugo. Und dann wurde ich eine Johanna. Ich war immer "das freche Göschle". Meine Mutter hat oft zu mir gesagt: "Johanna, du bist a Mädele und kein Bua".

Frage: Wissen Sie noch, was Sie wie ein Bub gemacht haben?

Schwester Agathina: Nein, das weiß ich nicht mehr. Ich hab halt Bubenmanieren gehabt. Ich habe immer das gerne gemacht, was meine Brüder auch gerne gemacht haben. Meine Mutter war sehr streng in der Erziehung. Und sie hat uns auch geschlagen. Mein Vater hat dann immer zu ihr gesagt: "Du kannst es nicht anders, du bist halt eine Schwarzwälder Bauerntochter". Aber sie hat es bestimmt gut mit uns Kindern gemeint.

Frage: Tut Ihnen das heute noch weh, dass Sie geschlagen wurden?

Schwester Agathina: Ja, das tut mir heute noch weh. Aber ich habe mit den Jahren gelernt, dass ich meine Mutter nicht verurteilen soll. Sie war halt eine Bauerntochter und sie hat es nicht anders gekonnt. Das Schlagen der Kinder hat für sie zur Erziehung dazu gehört. Ich habe mir damals gedacht: Ich kann nicht heiraten und Kinder kriegen, denn ich kann kein Kind schlagen. Darum bin ich ins Kloster gegangen. Das war richtig für mich.

Bild: ©Fotolia.com/rook76

Der heilige Vinzenz von Paul lebte von 1581 bis 1660. Dem französischen Priester lagen Arme und Kranke am Herzen. Er gilt als Begründer der neuzeitlichen Caritas und wurde 1885 zum Schutzpatron des Ordens der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul, der "Vinzentinerinnen“. Ein Leitsatz von Vinzenz von Paul lautet: "Liebe sei Tat."

Frage: Wie hat Ihre Mutter darauf reagiert, dass Sie ins Kloster wollten?

Schwester Agathina: Meine Mutter wollte selbst auch einmal ins Kloster gehen, daher hat sie mich verstanden. Immer wenn ich Ordensfrauen gesehen habe, habe ich mir gedacht, so möchte ich auch sein. Da war so eine Stimme in mir drinnen, die mich gerufen hat: "Komm!". Und dann bin ich halt gegangen. Damals war ich 22 Jahre alt. Bis heute habe ich es gar nie bereut.

Frage: Haben Sie sich Ihren Ordensnamen selbst ausgesucht?

Schwester Agathina: Den hat meine Oberin damals für mich ausgesucht. Sie meinte, der täte gut zu mir passen. Aga heißt gut und Tina bedeutet klein, also die kleine Gute. Ist das nicht schön?

Frage: Beten Sie noch täglich im Gottesdienst?

Schwester Agathina: Wenn es geht, gehe ich zu den Gottesdiensten in unsere Klosterkirche. Ansonsten nehme ich über das Hausradio daran teil. Heute kann ich selbst bestimmen, was ich wann mache, das finde ich gut. Aber es gibt gewisse Zeiten für das Gebet vom Kloster her, an die ich mich halte. Also die Laudes und die Vesper bete ich jeden Tag für mich selbst.

Frage: Was bedeutet "Gebet" für Sie?

Schwester Agathina: Der liebe Gott ist um mich herum und mein Schutzengel auch. Das zu wissen, ist schon Gebet für mich. Ich muss nicht ununterbrochen schwätzen, wenn ich beten will. Wenn ich nur an den Herrgott denke, dann ist das schon wie beten für mich. Ich mache meist ein kurzes Gebet, wenn ich an einem Kreuz vorbeilaufe oder wenn ich den Glockenschlag zur vollen Stunde höre. Und auch dann, wenn ich Freude habe oder Kummer. Das kann ich alles zum lieben Gott tragen. Das Beten gehört für mich zum Leben dazu. Und so geht es mir gut.

Papst Benedikt XV.
Bild: ©KNA (Archivbild)

Als Schwester Agathina Straub geboren wurde, war Benedikt XV. (1914-1922) Papst.

Frage: Was wünschen Sie sich für Ihr neues Lebensjahr?

Schwester Agathina: Ich äußere eigentlich kaum irgendwelche Wünsche. Es kommt sowieso alles im Leben, wie es kommt. Das, was mir der Herrgott schickt, ist genau das Richtige für mich. Mit meinem Leben bin ich zufrieden. Im Leben haben es alle immer gut mit mir gemeint. Auch meine Mutter. Und im Himmel warten sie jetzt alle auf mich. Ich denke viel an die Buben, den Vater und die Mutter. Und ich bin mir sicher, die denken jetzt auch an mich. Im Himmel sind wir dann alle wieder beieinander.

Frage: Bitten Sie Gott um ein langes Leben?

Schwester Agathina: Gott hat den ganzen Plan für mein Leben schon fertig. Er bestimmt, wann es so weit ist. Und so lange bleibe ich da. Und wenn er sagt, jetzt ist es gut, du kannst kommen, dann gehe ich. Ich überlasse es ihm, wie lange er mich noch hier sein lässt. Zu meinem Schutzengel sage ich jeden Tag, wenn ich aus dem Zimmer gehe: Ich muss jetzt los, du gehst mit mir mit. Und dann geht der mit mir mit. So einfach ist das.

Frage: Haben Sie zu Ihrem Geburtstag mit einem Glas Wein angestoßen?

Schwester Agathina: Das brauche ich nicht. Ich kann genauso gut ein Glas Wasser trinken. Ich bin zufrieden so, wie es ist.

Frage: Ich wünsche Ihnen für das neue Lebensjahr Gesundheit und Gottes Segen!

Schwester Agathina: Ich wünsche Ihnen auch nur Gutes!

Von Madeleine Spendier