Biograph sieht emeritierten Papst als völlig verkannte Persönlichkeit

Seewald: Benedikt XVI. leidet an der Situation der Kirche

Aktualisiert am 28.10.2022  –  Lesedauer: 

Madrid ‐ In der Öffentlichkeit sprechen andere für den emeritierten Papst. Sein Biograph Peter Seewald hat nun von einer Begegnung mit Benedikt XVI. berichtet: Der leide an der Lage der Kirche – und sieht in seinem langen Leben ein mögliches Zeichen Gottes.

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Der emeritierte Papst Benedikt XVI. leidet nach Auskunft seines Biographen Peter Seewald an der derzeitigen Situation der Kirche. Bei einem Kongress anlässlich des 95. Geburtstags von Benedikt XVI. in Madrid sagte Seewald am Mittwoch laut der spanischen Zeitung "El Confidencial", dass er den Emeritus vor zwei Wochen getroffen habe. "Er hat mir gesagt, dass Gott ihn vielleicht noch hier hat, um der Welt ein Zeugnis zu geben", berichtete der Journalist und Autor. Der emeritierte Papst sei ein Mann, der viel habe leiden müssen. Er sei einer der am meisten verkannten Persönlichkeiten überhaupt. In den Medien sei er als Reaktionär dargestellt worden, ohne seine menschliche Größe zu zeigen und seine wahre Einstellung zu Reformen in der Kirche darzustellen. "Für Ratzinger geht es bei der Reform darum, die Gegenwart durch den Glauben zu erhellen", erläutert sein Biograph. Dabei müsse man auch den Mut haben, nicht modern zu sein.

Ratzingers Diagnosen aus vergangenen Jahrzehnten hätten sich mittlerweile alle bewahrheitet, so Seewald: "Wenn der Mensch sich von Gott abwendet, leidet die Gesellschaft." Der Journalist berichtete auch von seinen persönlichen Erfahrungen mit dem Papst, dessen offizielle Biographie er verfasst hat. Es sei sehr einfach gewesen, mit ihm in den Dialog zu treten. "Er ist ein sehr bescheidener Mann und keineswegs ein Inquisitor. Man kann ihn kritisieren, aber es lohnt sich mehr, ihm zuzuhören", so Seewald, der bereits 1996 mit "Salz der Erde" den ersten Interviewband mit dem damaligen Kardinal und Präfekten der Glaubenskongregation veröffentlicht hatte. 2020 erschien seine Biographie "Benedikt XVI. – Ein Leben".

Der emeritierte Papst habe laut Seewald nicht damit gerechnet, so alt zu werden. "Als er zum Papst gewählt wurde, dachte er, Gott der Vater würde ihn in ein paar Jahren zu sich rufen, und als er in den Ruhestand ging, dachte er, er würde nur noch ein paar Monate leben", berichtet der Biograph, der jüngst auch Benedikt XVI. auf Grundlage seiner Recherchen zum Leben des Kirchenmanns gegen Vorwürfe im Zusammenhang mit dem Münchner Missbrauchsgutachten verteidigt hatte. (fxn)