Missbrauchsaufarbeitung durch "saubere, theologische Analysen"

Theologin Knop: System Kirche hat menschen- und lebensverachtende Züge

Aktualisiert am 25.01.2023  –  Lesedauer: 

München ‐ Die Kirche müsse sich ihrer Schuld und ihrer "sündigen Strukturen" bewusst werden, fordert die Erfurter Dogmatikerin Julia Knop. Es reiche nicht, nur den einzelnen Missbrauchstäter zu entfernen – man müsse ans System ran.

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Die Erfurter Dogmatikerin Julia Knop wünscht sich "saubere, theologische Analysen", in denen Missbrauch in der katholischen Kirche strukturiert aufgearbeitet wird. Die Kirche müsse sich ihrer Schuld und ihrer "sündigen Strukturen" bewusst werden, forderte die Theologin am Dienstagabend im Rahmen einer Diskussion der Katholischen Akademie in Bayern. Es reiche nicht, nur den einzelnen Täter zu entfernen. Das System Kirche habe "auch menschen- und lebensverachtende Züge, an die man ranmuss", sagte Knop.

Alle Betroffenen von Missbrauch in der Kirche müssten ein "individuelles Recht auf Aufarbeitung" sowie Akteneinsicht haben, forderte Johannes Norpoth, Sprecher des Betroffenenbeirats Deutschen Bischofskonferenz (DBK). Opfer von Missbrauch müssten endlich als "Überlebende" wahrgenommen werden, "nicht als namenloses, waberndes Etwas". Auch die Aufarbeitungs-Kommissionen benötigten eine Rechtsgrundlage.

Anuth kritisiert interne Aufarbeitung

Der Tübinger Kirchenrechtler Bernhard Sven Anuth übte Kritik an der Praxis der internen Aufarbeitung: "Institutionen, die ihre Geschichte im Umgang mit sexuellem Missbrauch selbst aufarbeiten, finde ich immer problematisch." Das gelte für die katholische Kirche, aber auch für Sportverbände oder andere Einrichtungen, sagte der stellvertretende Vorsitzende der "Kommission sexueller Missbrauch" in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Staatlich bestellte Wahrheitskommissionen seien der einzig Erfolg versprechende Weg, betonte Anuth.

Manuela Stötzel, Leiterin des Arbeitsstabs bei der Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, verwies darauf, dass Missbrauch in Schulen, Kirchen sowie Sport- oder Jugend-Einrichtungen weiterhin stattfände. Es müsse deshalb gelingen, "in die unmittelbar menschlichen Bereiche einzudringen und diese aufzuarbeiten", sagte Stötzel. In der katholischen Kirche seien das die Kirchengemeinden. Sie stünden vor einer großen Aufgabe, "da Täter das Umfeld natürlich manipulieren". (tmg/epd)