Kuchen für Franziskus
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Franziskus erweist sich als Kirchenlehrer mit Humor

Ein Papst wider den tierischen Ernst

Als Franziskus, Träger der unumschränkten Macht in der Kirche, Souverän des Vatikanstaates und Stellvertreter Christi auf Erden, am Abend seiner Wahl an die Brüstung des Petersdoms trat und - vielleicht etwas abgespannt von zwei Konklavetagen - die Stadt Rom und den Erdkreis ganz simpel mit "Brüder und Schwestern ... guten Abend" grüßte - da ahnten viele, dass mit diesem Papst etwas nicht stimmt.

Vatikanstadt - 12.02.2015

Der Mann hat Humor. Keinen derben, sprühenden; eher eine gewisse Hemdsärmeligkeit, wenn er etwa die Fortpflanzungsethik der Kirche auf den Satz herunterbricht, katholische Eheleute müssten sich ja nicht vermehren wie die Karnickel.

Für Jorge, den blinden Bibliothekar im Roman "Der Name der Rose", ist das Lachen zum Fürchten, weil es Ordnungen infragestellt, an der Aura des Ehrwürdigen kratzt. Jorge Bergoglio, der Papst, hat vor dem Lachen keine Furcht. Er nutzt es für seine Verkündigung.

Franziskus küsst während seiner Fahrt mit dem Papamobil durch den Park von Manila ein Baby.

"Na, Heiliger Sohn ..."

Der Humor ist die Nadel, mit der Franziskus übertriebene Ehrerbietung zum Platzen bringt. Als er in den ersten Tagen seines Amts im Gästehaus Santa Marta in den Aufzug trat und ein überraschter Kardinal Luis Tagle ihn mit "Heiliger Vater" begrüßte, entgegnete Franziskus: "Na, Heiliger Sohn ...". Als es bei einer Messe im philippinischen Tacloban stürmte und plästerte, zog der Papst das gleiche gelbe Regencape über, das Tausende andere auch trugen, zurrte die Kapuze zu und drehte seine Runde durchs Kirchenvolk. Der Pontifex in Plastikhülle: ein Graus für manchen Heiligkeitsfanatiker.

Franziskus hat keine Scheu, sich in Stilfragen mit seinen Leuten anzulegen. Die Eitelkeit, mit der manche Geistliche nach einem bunten Bommel am Birett streben, nahm er wiederholt aufs Korn. "Wenn ich einen Klerikalen vor mir habe, werde ich mit einem Schlag antiklerikal", soll er einmal gesagt haben. Der Vatikan zweifelt ein bisschen, ob das Wort so gefallen ist. Verbrieft und offiziell hingegen sein Rat an die Kurienchefs, einmal auf dem Friedhof Grabsteine anzuschauen, damit sie sich nicht ganz so unersetzlich fühlen.

Ehrenformation mit alter Aktentasche

Es macht ihm Spaß, das Höfische, Pomphafte ironisch zu unterlaufen. Oft nur mit einer Geste: wenn er einen salutierenden Schweizergardisten zurückgrüßt, die Hand am Scheitelkäppchen, oder wenn er eine militärische Ehrenformation mit seiner alten Aktentasche in der Hand abschlendert. In Manila hatte er vor Klerikern über die Berufung des Petrus zu predigen, wie Jesus den Apostel fragt: "Liebst du mich?" Genau mit dieser Frage steigt Franziskus ein, auf Englisch: "Do you love me?" Und als ein paar Priester und Ordensleute "Ja" brüllen, sagt er: Vielen Dank, aber das war nur ein Zitat.

Franziskus segnet ein Kind, das als Papst verkleidet ist und weint.

Franziskus segnet kurz vor Kernval während seiner Generalaudienz ein Kind, das als Papst verkleidet ist. Dem kleinen scheint die Nähe zu seinem Vorbild jedoch nicht ganz geheuer.

Zwischen Humor und Provokation

Das Schalkhafte ist auch eine Begleiterscheinung des Reformwillens, mit dem Franziskus ganz ernsthaft die Kirchenleitung umgestaltet. Man kann fragen, wie sehr er dabei den Humor von Leuten strapazieren kann, die vielleicht wenig davon haben. Manches grenzt an Provokation. Die Rede der " 15 Krankheiten ", mit der er den Kurialen einen Spiegel vorhielt. Oder die Ansprache an kreischende Ordensfrauen auf den Philippinen: "Ich bitte euch um zwei Dinge. Erstens: Bitte betet für mich. Zweitens: Seid still."

So, wie er freundliche Nackenschläge austeilt, kann er selber ohne Scheu unbeholfen sein. In Südkorea, ein Glaubensgespräch mit Jugendlichen: Franziskus plagt sich, ein paar Sätze frei auf Englisch zu formulieren, und sagt schließlich: "I have a great difficult. I have a poor English". Befreiende Heiterkeit.

Ein Papst, über den man lachen kann: Das ist Teil seiner Verkündigung. Als einer, der die Seelsorger mahnt, an die Peripherie der Gesellschaft zu gehen, geht er selbst an die Peripherie der Kultur: ein Papst von der Straße mit einer Sprache von der Straße. So prägt er Ausdrücke wie den von der " verbeulten Kirche " oder von den griesgrämigen Christen, die rumlaufen "wie essigsaure Chilischoten" - Begriffsmünzen, die fast schon Glaubensgut geworden sind.

Franziskus sagte einmal, er wolle der Nachwelt einfach als "guter Kerl" in Erinnerung bleiben, der "nicht so schlecht" war. Das klingt bescheiden-selbstironisch. Aber wer es nur als Scherz sieht, unterschätzt den Papst.

Von Burkhard Jürgens (KNA)