Ein Monitor im Krankenhaus zeigt den Herzrhythmus und Blutdruck eines Patienten.
Monika Raab bekam 2009 ein Herz transplantiert

Eine zweite Chance

20 Jahre hat Monika Raab um ihr Leben gekämpft. Bis ihr 2009 ein Herz tranplantiert wurde. Dass sie dieses überhaupt bekommen hat, ist dem Willen der Spenderin und deren Familie zu verdanken.

Von Ann-Christin Ladermann |  Würzburg - 31.07.2015

In den ersten Jahren können die Ärzte Monika Raab helfen, indem sie der Üchtelhausenerin einen Herzschrittmacher und später einen Defibrillator einsetzen. Doch Monika Raabs Zustand verschlechtert sich. Als ihr Arzt ein Kunstherz erwähnt, verdrängt die Mutter den Gedanken. Tag und Nacht ein großes Gerät mit sich herumtragen, wie es vor einigen Jahren noch der Fall war? "Das konnte ich mir nicht vorstellen", sagt Raab.

Eine Herzspezialistin in Leipzig spricht schließlich zum ersten Mal mit ihr über eine Herztransplantation. 2007 wird Monika Raab auf die Warteliste gesetzt. Es folgen zwei schwere Jahre, in denen Raabs starke Wassereinlagerungen immer wieder punktiert werden müssen und sich ihr Allgemeinzustand massiv verschlechtert. Zwei Jahre, in denen sie ihr Handy immer bei sich trägt – es hätte jederzeit der Anruf kommen können, der ihr ein zweites Leben schenkt. Hoffentlich.

Ende Januar 2009 wird Monika Raab hochgestuft, ist jetzt "high urgent", ein Hochdringlichkeitsfall. Ab jetzt heißt es für Monika Raab: im Krankenhaus auf den "alles entscheidenden Anruf" warten. Die Familie hofft, dass der Anruf rechtzeitig kommt. Drei Wochen später ist es soweit. Alles geht sehr schnell. Monika Raab wird für die Transplantation vorbereit. Ihre Ängste aber bleiben. Wird ihr Körper das neue Herz annehmen?

Wolfgang und Monika Raab halten Werbematerial für Organspende in der Hand.

Monika Raab mit ihrem Mann Wolfgang. Monika Raab ist Empfängerin eines Spenderherzes.

Gerold Neudert kennt diese Ängste der Patienten. Der Krankenhausseelsorger am Universitätsklinikum Würzburg hat seit 35 Jahren Kontakt zu Nierenkranken. Auf der Station, für die er zuständig ist, liegen die Patienten, die auf eine Nierenersatzbehandlung, also eine Dialyse, angewiesen sind oder auf eine Nierenspende warten. Gleichzeitig betreut er auch diejenigen, die bereits nierentransplantiert sind. Nur rund ein Drittel der Dialyse-Patienten komme überhaupt für eine Nierentransplantation in Frage, erklärt Gerold Neudert. Ein hohes Alter oder die Schädigung anderer Organe seien Kriterien, weswegen Patienten nicht auf die Warteliste kämen.

Es macht den Krankenhausseelsorger glücklich, zu sehen, wie dankbar Patienten nach einer erfolgreichen Transplantation sind. "Sie feiern ihren Transplantationstag als zweiten Geburtstag", sagt Neudert. Für die meisten fange dann ein neuer Lebensabschnitt an, der neue Freiheiten mit sich bringe und ein anderes Leben als vor der Transplantation ermögliche. Bedenken, mit einem "fremden" Organ zu leben, gebe es bei Nierentransplantierten weniger. "Das betrifft eher Herz-, Lunge- oder Lebertransplantierte, weil diese Patienten ganz anders von dem Organ abhängig sind." Viele der Nierentransplantierten hätten ja auch schon erlebt, dass sie ohne funktionierende Nieren eine Lebenschance haben, sagt Neudert.

Der Organspendeausweise auf dem Stapel für "unerledigte Dinge"

Wie viel Lebensqualität ein neues Organ einem Kranken schenken kann, konnte Monika Nadler-Niesenhaus vor knapp 30 Jahren selbst beobachten. Mit 18 Jahren bekam ihr damaliger Tennisfreund ein neues Herz transplantiert. "Mehr Schwung, mehr Lebensfreude – quasi von heute auf morgen", sagt Nadler-Niesenhaus. Jahre später benötigte der Transplantierte ein zweites neues Herz, das ihm wieder einige Jahre schenkte. Vor acht Jahren starb er. Obwohl Monika Nadler-Niesenhaus die Krankheitsgeschichte ihres Tennisfreundes schon in jungen Jahren hautnah miterlebt hat, ist das Thema Organspende für sie weit entfernt. "Ich fühle mich nicht aufgeklärt." Die Mutter zweier Kinder ist sich unsicher, ob sie ihre Organe spenden möchte. Zu groß ist die Angst, die schon ihre Mutter hatte und die sich auf Monika Nadler-Niesenhaus übertragen hat: dass nach einem Unfall oder einem plötzlichen Hirnversagen nicht mehr alles für sie getan werde, was medizinisch möglich ist, weil sie einen Organspendeausweis bei sich trägt.

43 Prozent derjenigen Menschen, die für sich persönlich Organspende ablehnen, geben dieses Argument als Grund an. Das geht aus einer 2013 durchgeführten Repräsentativerhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) zur Organspende hervor. Sollte Monika Nadler-Niesenhaus aber einmal erkranken und ein neues Organ benötigen, würde sie dieses dankend annehmen. Dabei sei sie kein egoistischer Mensch, sagt sie, und sehr hilfsbereit. Aber eine Entscheidung für oder gegen Organspende zu treffen, falle ihr schwer. "Wenn man sich mit dem Thema beschäftigt, beschäftigt man sich gleichzeitig mit seinem eigenen Ende. Das macht keiner gerne", sagt die 47-Jährige. Darum hat sie den Organspendeausweis, der ihr von der Krankenkasse zugeschickt wurde, auf einen Stapel für "unerledigte Dinge" in der Küche gelegt. Irgendwann hat sie das Pappkärtchen weggeworfen. Bald sind zwei Jahre vergangen, dann liegt wieder ein Organspendeausweis im Briefkasten.

Klinikseelsorger Gerold Neudert im Porträt.
Bild: © privat

Gerold Neudert ist Klinikseelsorger am Universitätsklinikum Würzburg.

Damit bereits Jugendliche über das Thema Organspende aufgeklärt werden, besucht Ulrike Friederich regelmäßig Schulklassen in Unterfranken. Sie arbeitet als Honorarkraft für das
Gesundheitsamt Würzburg und ist mit zwei weiteren Kolleginnen für die Organspende-Aufklärung zuständig. "Ich komme nur mit Organspendeausweisen in die Klasse", erzählt sie. Keine Power-Point-Präsentation, kein Portfolio, kein fertiger Vortrag. Es sei leichter, offen in den Dialog mit den Schülern zu treten und abzuklären, ob bereits Vorwissen da sei.

Auf jede Frage eine Antwort zu geben – und wenn man keine habe, dies auch ehrlich zu sagen –, das sei bei der Arbeit mit Schülern besonders wichtig. Wie ihre Kolleginnen ist auch Friederich ehrenamtlich als Rettungssanitäterin tätig. "Wir können die Schüler durch Lebensgeschichten fesseln." Das liegt den Mitarbeitern des Gesundheitsamtes am Herzen, weiß Paul Justice, Geschäftsführer des Zweckverbands für Rettungsdienst und  Feuerwehralarmierung. Gemeinsam mit seinen Kolleginnen entwickelt er Konzepte, damit Organspende bei der Bevölkerung präsent wird. Ziel sei es nicht, wie oftmals fälschlicherweise geglaubt werde, die Zahl derer zu erhöhen, die Organspende zustimmen, sondern die Menschen dazu zu bringen, sich eine Meinung zu dem Thema zu bilden – unabhängig davon, wie diese ausfalle.

Große Resonanz unter Fahrlehrern

Um dieses Ziel zu erreichen, gebe es verschiedene Maßnahmen, sagt Justice. So biete das Bayerische Gesundheitsministerium regelmäßig verschiedene Kampagnen zu Organspende
an, in denen der Slogan vorgegeben, die spezifische Umsetzung aber den Gesundheitsämtern überlassen werde. Vor rund zehn Jahren habe das Gesundheitsamt Würzburg mit der Kreisstelle des bayerischen Fahrlehrerverbandes eine Vereinbarung getroffen: "Wir haben ihnen Lehrunterlagen für einen Kurzunterricht im Rahmen des Pflichtunterrichts zugeschickt und die Fahrlehrer haben sich im Gegenzug verpflichtet, diesen Vortrag mit in ihren Unterricht aufzunehmen", erklärt er. Die Resonanz sei so groß gewesen, dass das Projekt bayernweit aufgegriffen worden sei.

Im kommenden Jahr wird es nun ein weiteres Projekt geben: Auf Initiative der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) werde das Gesundheitsamt in Kooperation mit der Stadt Würzburg einen "Baum des Lebens" pflanzen. "Der Baum soll eine Art Gedenkstelle sein, ein Punkt, an dem das Thema Organspende sowohl für Angehörige von Organspendern als auch für Organempfänger präsent ist." Und ein Ort, an dem größere Aktionen stattfinden können.

Doch Justice weiß, dass die einzelnen Projekte nur ein Anfang sind: "Ich wünsche mir mehr massenmediale Kampagnen, denn nur so kann das Thema Organspende in das Bewusstsein
vieler Menschen geholt werden." Und das Interesse an dem sensiblen Thema ist da, beobachtet Ulrike Friederich in den Schulklassen immer wieder. Wenn sich jeder, der möchte, am Ende einen oder mehrere Organspendeausweise mitgenommen habe – das Angebot nehme fast jeder Schüler wahr – gebe sie den Jugendlichen nur noch eins mit auf den Weg: "Sprecht zu Hause über das Thema, denn die Angehörigen müssen eure Entscheidung mittragen."

Linktipp: Eine Lebensentscheidung

Norbert Müller gab sein Kind nach dem Tod zur Organspende frei und rettete so mehreren Menschen das Leben. Renate Focke erklärte sich ebenfalls einverstanden mit der Organentnahme bei ihrem toten Sohn. Doch sie bereut es bis heute.

Anonym bei den Angehörigen der Spenderin bedankt

Es ist auch Gerold Neuderts Ziel, jedes informierende Gespräch über Organspende ergebnisoffen zu gestalten. Seit 1985 hält der Krankenhausseelsorger Vorträge in Kooperation mit der Domschule zum Thema "Organspende – ein Gebot der Nächstenliebe?". Bei seinen Vorträgen gehe es um eine sachliche Aufklärung und darum, die Fragen der Zuhörer zu beantworten, erklärt Neudert. "Aber wenn jemand misstrauisch gegenüber der Apparatemedizin ist oder schon einmal schlechte Erfahrungen auf dem Gebiet gemacht hat, dann wird man ihn nur schwer umstimmen können, und das ist in Ordnung so."

Schon am dritten Tag nach ihrer Herztransplantation ging Monika Raab mit kleinen, aber festen Schritten den Krankenhausflur entlang. "Ich konnte so schön gleichmäßig atmen, wie als hätte ich ein zweites Leben bekommen", sagt die 51-Jährige lächelnd. Auch wenn sie heute immer noch 30 Tabletten pro Tag einnehmen müsse, sei sie unendlich dankbar für ihr
neues Herz. Sie habe nie wissen wollen, von wem das Herz stamme. Nur direkt nach der Transplantation habe der Arzt ihr gesagt, dass es ein weibliches Herz sei, von einer Person, die viel jünger als sie selbst gewesen sei. "Also habe ich Chancen, viel älter zu werden als du", sagt Monika Raab lachend zu ihrem Mann.

Schon kurz nach der Operation hat die Üchtelhausenerin das Angebot wahrgenommen und sich anonym bei den Angehörigen der Spenderin bedankt. "Das war mir wichtig." In ihrer Familie besitzt mittlerweile jeder einen ausgefüllten Organspendeausweis. In ihrem Freundes- und Bekanntenkreis dagegen wissen viele noch immer nichts über Organspende. Für Monika Raab heißt das: "Da muss noch einiges passieren."

Von Ann-Christin Ladermann